Postkarten damals und heute Liebe Grüße aus Erding

Um 1968 ist diese Karte entstanden. Damals wurde noch fleißig geschrieben, der knallgelbe Postkasten steht hier im Mittelpunkt. Stolz werden auf der Ansichtskarte auch Neubauten präsentiert, wie die Fischersiedlung.

(Foto: Bildarchiv Museum Erding)

Der Tourismus boomt in der Kreisstadt, und immer noch werden gerne Postkarten verschickt. Die Motive haben sich allerdings stark verändert.machen.

Von Regina Bluhme, Erding

Auch so kann eine Ansichtskarte aussehen: Schwarze Rauchwolken steigen aus den Schloten in den Himmel über Erding. Um 1896 präsentierte sich die Stadt als aufstrebende, wirtschaftsstarke Handelsstadt. Heute wäre so ein Motiv unmöglich, heute verschicken die Touristen Bilder vom Schönen Turm unter strahlender Sonne, von Straßencafés und der Therme. Die Zeiten haben sich geändert. Nur eins nicht: Auch in Zeiten des Smartphones werden im Urlaub immer noch gerne Karten verschickt.

13 Karten mit Erdinger Motiven

Fast alle der Postkarten, die in Erding angeboten werden, stammen vom Schöning Verlag aus Lübeck. Seit fast hundert Jahren beliefert die Firma ganz Deutschland. Geschäftsführer Boris Hesse weiß: "Das Design der Karte ist nicht so wichtig. Die erste Rolle spielt das richtige Motiv." Damit das auch für jede Stadt passt, sind bei Schöning drei Redakteure mit der Suche beauftragt. Eines haben die Karten alle gemeinsam: Es scheint immer die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Karten sollen Emotionen vermitteln, betont Hesse. "Deshalb zeigen sie, wie schön es an dem Ort ist." Dafür werde auch mal Photoshop eingesetzt: Der Himmel aufgehellt, die Häuserfassaden - in der Erdinger Innenstadt ohnehin ein toller Hingucker - wenig nachgefärbt.

Um 1900 ist das Bild einer Familie entstanden, die, wie einst Mary Poppins, mit dem Regenschirm über Erding einschwebt - welch visionäre Idee für Stadt, die mittlerweile mit dem Nachbarn Flughafen München leben lernen musste.

(Foto: Bildarchiv Museum Erding)

13 Karten mit Erdinger Motiven hat der Verlag im Angebot. Nummer 112 wird laut Hesse am meisten verkauft. "Schönes Erding in Oberbayern" steht vorne drauf, zu sehen sind unter anderem der Schrannenplatz, das Rathaus und die Attraktion Nummer eins, die Therme. Auch ein weißblaues Band ziert die Karte. Und zwei Edelweiß. Das sind zwar typische Alpengewächse, aber Bayern und Berge gehören wohl für die meisten Touristen einfach zusammen.

Der Flughafen kommt so gut wie gar nicht vor

Regelmäßig werden die Karten erneuert. Dafür investiert Schöning jährlich ein ziemliche Summe in Bildrechte und Lizenzen, wie Hesse sagt. Je mehr Touristen ein Ort anziehe, um so öfter werden die Motive ausgetauscht, im Schnitt alle fünf Jahre. In Erding könne die Spanne schon mal länger dauern. Aber zu lange dürfe man auch nicht warten. "Bäume wachsen, Gebäude werden abgerissen und neugebaut. Das muss schon passen."

Die Tourismus Region Erding hat ihre eigene Postkarte herausgegeben. "Grüsse aus Erding" zeigt Radler, die durch blühende Landschaften strampeln, ein festlich geschmücktes Pferdegespann, ein Erdinger Weißbier in Großaufnahme, zwei Ansichten der Therme in der Dämmerung, eine Idylle am See, den Schönen Turm und, halb verdeckt von zwei lachenden Kindern, das Flugzeug JU 52 vom Besucherpark am Flughafen München.

Es gibt im Schreibwarenhandel auch die farbigen Aquarelle, auf denen Hartmut Hattler Stadtansichten festhält.

(Foto: Picasa; hattler)

Der Airport, der die Region seit 25 Jahren prägt, kommt auf den Ansichtskarten so gut wie gar nicht vor. Dabei haben frühere Postkarten aus Erding ganz gerne und auch stolz auf die boomende Wirtschaft hingewiesen, auch wenn dabei schwarzer Qualm in den Himmel stieg. Im Museum Erding ist eine Postkarte mit der Erdinger Stadtsilhouette zu sehen, mit den Schloten der damals zahlreichen Brauerein, die dunklen Rauch ausstoßen. "Die Stadt war stolz, ihre wirtschaftliche Betriebsamkeit zeigen zu können", sagt Harald Krause, Leiter des Museums Erdings, das eine umfangreiche Kartensammlung besitzt und wo sich gerade eine sehenswerte Ausstellung mit dem Schönen Turm befasst - dem Klassiker unter den Motiven auf Erdinger Ansichtskarten.

Der Schöne Turm fehlt fast nie

Tatsächlich fehlt der Schöne Turm auf nahezu keiner Karte, während die mächtige Pfarrkirche St. Johannes kaum auftaucht, höchstens halb versteckt hinter der Sparkasse. Das Gebäude sei eben schwierig zu fotografieren, erklärt Harald Kraus, "weil es so reingezwängt gebaut ist". Erst auf Karten, die Erding aus der Luft zeigen, ist das Ausmaß der Kirche zu erkennen.

Bei der Auswahl der Motive spielt natürlich der Zeitgeist eine große Rolle, betont Krauses Kollegin Elisabeth Boxberger. Ende der 1980er Jahre zum Beispiel präsentierte Erding stolz auf einer Ansichtskarte die beiden "Wolkenkratzer", im Volksmund bekannt als Max und Moritz. Auch eine neugebaute Reihenhaussiedlung schaffte es damals auf die Postkarte. Das Erdinger Freibad war in den 60er Jahren ein beliebtes Motiv, "Sie sehen: Schon vor dem Bau der Therme warb Erding mit tollen Bademöglichkeiten", so Krause.

Ein Postkartenmotiv mit ernstem Hintergrund stammt vom Maler Mühl Hiasl. Sein Bild "Der Kompanieschuster" war Motiv zahlreicher Feldpostkarten, die im Krieg verschickt wurden.

120 farbige Aquarelle von Erding

Erding heute und gestern hält seit einigen Jahren auch Hartmut Hattler fest. Der Künstler aus Neufahrn im Landkreis Freising hat mehr als 120 farbige Aquarelle von Erding geschaffen, die er auch als Schmuckpostkarten verkauft. Die Faltkarten sind zum Beispiel auch bei Bürobedarf Klaus im Angebot. Inhaberin Stefani Schott berichtet, dass die künstlerischen Ansichtskarten sehr beliebt seien. Bei den herkömmlichen Karten liefen vor allem die Mehrfachmotive gut, die Therme als alleiniges Motiv sei nicht so beliebt.

20 Millionen Ansichtskarten verkauft Schöning im Jahr, "da geht schon was", sagt Boris Hesse. Klar, in Zeiten der Smartphones würden schon weniger Karten verschickt. Aber noch immer gehörten Ansichtskarten für die meisten Touristen einfach dazu. "Es gibt beides und beides ist sinnvoll: das individuelle Selfie und die handgeschriebene Postkarte", erklärt Hesse. Seiner Schätzung nach schicken von zehn Urlaubern mittlerweile sieben einen Gruß per Whatsapp. "Aber die drei, die dann eine Karte erhalten, die sind wirklich wichtig."