Neue Lehrerin an der VHS Erding Die Weltbürgerin

Deutsch konnte Fernanda Yumi Ushikubo nicht, als sie nach Erding kam. Das hat sich mittlerweile geändern.

(Foto: Renate Schmidt)

Eine wilde Mischung: Fernanda Yumi Ushikubo ist Brasilianerin, hat asiatische Vorfahren und wohnt jetzt in Erding. In Zukunft wird sie an der Volkshochschule Japanisch und Portugiesisch unterrichten

Von Jan-Hendrik Maier, Erding

Curitiba, Tokio, Erding. Drei Städte, drei Erdteile, drei Kulturen. Fernanda Yumi Ushikubo hat in jedem von ihnen gelebt. Die 35-jährige Ingenieurin für Lebensmitteltechnologie wird vom kommenden Februar an brasilianisches Portugiesisch sowie Japanisch an der Volkshochschule Erding unterrichten und weiß also, was sie den Schülern beibringen soll. Ushikubo ist überzeugt, dass man "das Beste aus den Kulturen" mitnehmen soll. Für sie selbst bedeute das, "mit japanischen Augen auf die Welt blicken, den Menschen mit brasilianischer Spontaneität begegnen und wie Deutsche die Lebensqualität schätzen", sagt Ushikubo mit einem Schmunzeln. Sie ist mit ihrer älteren Schwester in Curitiba aufgewachsen. In dieser südbrasilianischen Millionenstadt leben (nach São Paulo) die meisten Familien mit japanischen Vorfahren, auch die Ushikubos sind ein Teil dieser Gemeinschaft. Zwischen den beiden Weltkriegen sei die wirtschaftliche Situation ihrer Großeltern so angespannt gewesen, sagt Ushikubo, dass sie dem anhaltenden Ruf nach Brasilien gefolgt waren. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatte der südamerikanische Staat in Japan verstärkt Werbung für Arbeiter gemacht, die man dringend für den Einsatz auf den Plantagen benötigte. Als Kind der zweiten Generation fühlt sich Ushikubo jedoch nicht mehr als Japanerin. "Ich bin in Curitiba geboren, meine Muttersprache ist Portugiesisch - ich bin Brasilianerin." Mit 17 Jahren begann sie "Food Technology and Processing" an der Universidade Estadual de Campinas, etwa 100 Kilometer nördlich von São Paulo gelegen, zu studieren. "Mich hat interessiert, wie Lebensmittel hergestellt werden und die Uni dort hat einen guten Ruf." 2002 reiste Ushikubo für einen Sommerkurs nach Kopenhagen und Südschweden - ein wichtiger Schritt. Der erste Aufenthalt auf einem anderen Kontinent, zwölf Flugstunden von der Familie und den Freunden entfernt, habe ihr das Gefühl gegeben, "für längere Zeit" im Ausland leben zu können. Als sich vier Jahre später die Chance bot, an der Universität Tokio zu promovieren, zögerte Ushikubo nicht lange. "Ich wollte wissen, wie die Leute dort fühlen und reagieren, ich wollte wissen, wie die Kultur meiner Großeltern ist." Als Zwölfjährige hatte sie angefangen, die Sprache ihrer Vorfahren zu lernen, gelingen sollte ihr das aber erst in der japanischen Hauptstadt.

Ushikubo erinnere sich noch gut an die ersten Monate in Tokio. Bei ihrer Ankunft blühten die ersten Kirschbäume - ein überwältigendes Farbschauspiel, das sich mit Worten nicht beschreiben lasse. Überhaupt wirke während des gesamten Frühlings die Blütenpracht in den zahlreichen Parks "wie ein Orchester". Gleichwohl verging etwa ein Jahr, bis sie sich akkulturierte. Es sei eine große Veränderung gewesen, sich an die gesellschaftlichen Konventionen zu gewöhnen, die Japaner in ihrem Verhalten stärker beeinflussten als die Menschen in ihrer Heimat. Oft begegneten ihr die Einheimischen mit Zurückhaltung. "Manchmal war mir nicht klar, ob mein Gegenüber so reagiert, weil es die Regel von ihm verlangt oder ob es seine ehrliche Haltung ist." Die Tokioter hielten sie wegen ihres Aussehens zwar für eine Asiatin, dennoch habe sie der "lockere Gang" irritiert, mit dem sich "die Fremde" bewegte.

In Japan lernte sie ihren brasilianischen Mann kennen, der zunächst in Tokio blieb, während sie nach der Promotion 2010 für ein Forschungsprojekt nach Campinas ging. Nach der Katastrophe von Fukushima entschloss ihr damaliger Freund sich, das Land zu verlassen und nach Porto Alegre zurückzukehren. 600 Kilometer trennte die beiden dann voneinander. Da er in Brasilien jedoch keine Arbeit fand, nahm der Freund im darauffolgenden Jahr eine Stelle in der IT-Branche in Erding an. Nun war es Ushikubo, die als Wissenschaftlerin zunächst in Südamerika blieb. Nach der Heirat folgte sie 2014 in die Stadt an der Sempt. Ihr erster Eindruck: "Ich war sehr überrascht, wie offen die Menschen auf mich reagiert haben." Anders als in Japan, wo es mehrere Monate gedauert habe, knüpfte sie in Erding bereits nach kurzer Zeit Kontakte. "Ich denke, Japaner identifizieren sich untereinander stark als eine Gruppe, bei der Ausländer im ersten Moment außen vor stehen."

An der VHS lernte sie Deutsch und das begeisterte ihre Lehrerin so, dass ihr die Organisatorin der Sprachkurse, Eleni Lehner, anbot, als Dozentin zu arbeiten. Die polyglotte Naturwissenschaftlerin, die sechs Sprachen beherrscht und diese als "Leidenschaft" betrachtet, freut sich über die Aufgabe. "Auf Deutsch zu unterrichten wird eine ganz neue Herausforderung und auch eine Motivation für mich sein, weiterhin Japanisch zu lernen." In ihrer Freizeit geht Ushikubo gerne auf Reisen, schließlich sei es interessant, seine Nachbarländer zu erkunden und auf diese Weise das eine oder andere Vorurteil abzubauen. Von den Massenausflügen einiger Landsleute nach der Art "Europa in 14 Tagen" hält sie nichts: "Da lernt man den Anderen doch überhaupt nicht kennen."

Weihnachten hat Ushikubo übrigens mit ihrer Familie in Curitiba gefeiert: Bei sommerlichen Temperaturen bis zu 29 Grad Celsius, mit nach europäischem Vorbild geschmückten Häusern - und Kunstschnee.