Georg Fahrenschon zu Besuch Auf Pump

Von links: Daniel Gottal, Georg Fahrenschon, Thomas Bauer und Max Lehmer bei der JU-Veranstaltung im Erdinger Weißbräu.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Präsident des Sparkassenverbandes kritisiert bei JU-Veranstaltung Geldpolitik der Europäischen Zentralbank

Von Philipp Schmitt, Erding

Harsche Kritik an der aktuellen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) mit der damit verbundenen Niedrigzinsphase und Überflutung der Märkte mit billigem Geld hat am Freitag der frühere bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon bei einer Veranstaltung des JU-Kreisverbands im Gasthaus "Erdinger Weißbräu" geübt: "Die Folgen sind verheerend. Das Koordinatensystem wird durch die Politik der EZB völlig verschoben. Der Vorzeichenwechsel führt zu einem Strukturwandel mit vielen Veränderungen und Herausforderungen", sagte der Präsident des Sparkassenverbands.

Der studierte Volkswirt befürchtet wegen Niedrig- und Negativzinsen und der Signalwirkung auf Sparer dramatische Negativeffekte nicht nur zum Leidwesen der Sparer sondern von gesellschaftspolitischer Bedeutung: "Die Auswirkungen der EZB-Geldpolitik werden von Tag zu Tag für Banken und Sparer schlimmer. Die Folgen sind verheerend, denn vor allem jungen Leuten fehlt inzwischen völlig der Anreiz zum Sparen und der Impuls Vermögen zur Altersvorsorge zu bilden. Wir rutschen deshalb in eine Gesellschaft ab, die nur noch auf Pump lebt und in der die Menschen ihr Geld einfach nur noch für den Konsum ausgeben, weil sie für Sparen nicht mehr belohnt werden", sagte Fahrenschon. Inzwischen müsse sogar für Bundesschatzbriefe schon Geld bezahlt werden, um Geld zehn Jahre relativ sicher anlegen zu können. Eine derartige Entwicklung sei sehr gefährlich, sagte der Präsident des Sparkassen- und Giroverbands, der 409 Sparkassen repräsentiert. Die Lage in Erding in der Boomregion München/Flughafen sei im Gegensatz zu anderen Regionen im Hinblick auf Wachstumsperspektiven gut, die Kreissparkasse sei "stark und stabil". Die Region habe besonders von der Einführung des Euro profitiert und sei von negativen wirtschaftlichen Entwicklungen derzeit nicht betroffen. Aber auch in Wachstumsregionen müssten die Alarmglocken schrillen und müsse politisch gegengesteuert werden. Es sei zwar richtig, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) derzeit beim Bundeshaushalt ebenso wie "Häuslebauer", Unternehmen und Kommunen von den günstigen Kreditkonditionen in der Niedrigzinsphase profitieren, auf der anderen Seite müssten aber Maßnahmen umgesetzt werden, um Anreize zur Vermögensbildung und Altersvorsorge zu schaffen und Sparer nicht völlig zu vergraulen: "Wir brauchen ein feines Gespür dafür, dass Sparer nicht die Leidtragenden dieser Politik sein dürfen, die Nebenwirkungen müssen auch von der Politik ernst genommen werden." Fahrenschon forderte deshalb eine Ausgewogenheit der Interessen, die zu einer sozialen Marktwirtschaft gehöre. Er kritisierte zudem, dass die EZB seit 2016 auch Anleihen von europäischen Unternehmen kaufe und damit Einfluss auf Märkte ausübe.

Als eine vor zehn Jahren noch undenkbare Entwicklung bezeichnete er die Konditionen der Bundesschatzbriefe, für die Anleger inzwischen sogar einen Negativzins bezahlen müssen. Die negative Zins-Entwicklung setze nicht nur Sparer sondern auch Manager von Banken, Versicherungen und Stiftungen unter Druck, weil sie kaum noch Wege fänden, um Gelder profitabel und sicher anlegen zu können. Der Spareffekt gehöre inzwischen im Umfeld der EZB-Niedrigzinspolitik auch bei den Sparkassen der Vergangenheit an. Der Druck auf das Rentensystem nehme durch sinkende Sparbereitschaft und den demografischen Wandel zu. "Wir müssen den Leuten sagen, dass sie trotz der Niedrigzinsphase weiter sparen müssen, um für das Alter vorzusorgen." Das Geschäftsmodell der Sparkassen, das auf regionale Kreisläufe setzt, habe sich bewährt und dürfe nicht durch Forderungen der EZB kaputt gemacht und an Konzepte anderer europäischer Banken angepasst werden, die in der Krise gestützt werden mussten: "Wir brauchen für stabile Strukturen eine Renaissance regionaler Kräfte in Europa."