Alleine mehr als 120 Funde im Landkreis Erding Verschollenes neu entdeckt

Mit Hilfe von Luftbildaufnahmen können Archäologen Jahrtausende alte Siedlungsstrukturen im Boden feststellen, ohne dass sie graben müssen. Darunter sind zahlreiche Viereckschanzen, Gebäude der Römer aber auch Burgen aus dem Mittelalter

Von Gerhard Wilhelm, Erding

Eigentlich graben Archäologen gerne im Boden, doch seitdem es Flugzeuge und Fotoapparate gibt, werden viele Entdeckungen von früheren Besiedlungen aus der Luft gemacht. Rund 120 Funde sind so bis heute dem gebürtigen Erdinger und Archäologen Harald Krause geglückt, wodurch unter anderem Erding zum Landkreis mit der größten Keltenschanzendichte bayernweit wurde. "Luftbildarchäologie ist immer ein Zufallsgeschäft. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und in der Luft eine Kamera dabei haben", sagt Krause, der dabei nicht selber fliegt, sondern er erhält Unterstützung von den Piloten Gerolf Schmidl von der Luftrettungsstaffel und Hans Seeholzer vom Fliegerclub Erding, die ihn immer mal wieder in die Luft mitnehmen. Krause ist Doktorand an der LMU mit dem Thema "Die keltische Besiedlung des Erdinger Landes" und nutzt ergänzend dafür die Luftbildarchäologie.

Luftbild der keltischen Viereckschanze bei Teufstetten. Die eingeebnete Viereckschanze wurde durch unterschiedliche Reifestadien der Sojapflanzen nur für wenige Tage im September 2012 sichtbar.

(Foto: Harald Krause/oh)

Begonnen in größerem Ausmaß hat alles Ende der 1970er Jahre als das Landesamt für Denkmalpflege mit Flügen startete. "Das erbrachte zig neue Fundstellen und heute ist hat das Amt eines der größten Luftbildarchive der Welt." Gestartet wurde damals am Flughafen Ellermühle bei Landshut. "Der Landkreis Erding und die Münchner Schotterebene waren damit im Nahbereich und es gab den Flughafen im Erdinger Moos nicht", sagt Krause. Ein Glücksfall für die Archäologen, da es im Gegensatz zu heute nur im Stadtgebiet wegen des Fliegerhorstes eine Einschränkung beim Überflug gab. "Links und rechts von Erding gibt es deshalb eine kaum erforschte Zone", sagt Krause. Aber im nördlichen Landkreis wurden viele Funde gemacht. "Im Bereich Berglern, Langenpreising, Wartenberg, Fraunberg und auch ins Holzland rein, die Schotter- und Kiesböden eignen sich hervorragend für Luftbildarchäologie, da dort das Getreide auf relativ ungünstigen Böden steht insofern, dass bei Trockenheit sich sozusagen das Getreide freut, dass Archäologie im Boden steckt und dann dort besser wächst und das dem Archäologen in der Luft zeigt." Auch im südlichen Landkreis ab Hörlkofen, Pretzen nach Süden und im Südosten wurden Funde gemacht, vor allem keltische Viereckschanzen, wie der Doktorand sagt. Ab der Eröffnung des Flughafen München seien viele Gebiete im westlichen und nördlichen Landkreis sowie Erding nicht untersucht.

Die Rekonstruktionszeichnung von Christoph Haußner zeigt, wie die spätlatènezeitliche Viereckschanze bei Itzling um 100 v. Chr. mit Hauptgebäude und Tempelbau im Innenraum ausgesehen haben könnte.

(Foto: Christoph Haußner/oh)

Krause schätzt, dass es im Landkreis gut 120 Luftbildfundstellen gibt. "Und davon alles mögliche, was die Zeit betrifft, da wir seit rund 7000 Jahren Häuser bauen. Rund 90 Prozent der Funde sind zeitlich unbestimmt, es wurde eine römische Villa bei Finsing entdeckt, circa zehn bis zwölf keltische Befestigungsanlagen, Burgen, die es heute nicht mehr gibt, Gräberfelder und eine Römerstraße im südlichen Landkreis." Aus der Luft zum Beispiel könne man ein römisches Landhaus an den Grundrissen und den Fußbodenheizungen bestimmen "und klar datieren ohne den Spaten ansetzen zu müssen." Die Römer zum Beispiel hätten mit Stein gebaut, wo das Getreide heute verkümmere.

Harald Krause (rechts) fliegt oft mit dem Piloten Gerolf Schmidl von der Luftrettungsstaffel, um Fotos zu machen.

(Foto: Hans Seeholzer/oh)

"Die Luftbildarchäologie war nur immer als Ergänzung zur klassischen Archäologie gedacht, hat aber zu einer Explosion bei den Fundstellen geführt", sagt Krause. Sonst finde man durch Feldbegehungen, in dem man Scherben aufsammele, oder bei Grabungen vor Baumaßnahmen viele Stätten. Im Hügelland würde die Luftbildarchäologie nicht funktionieren. "Da sind die Böden zu nass, zu schwer, zu sandig, die Hänge zu steil. Tatsache ist, dass die Luftbildarchäologie kein tatsächliches Bild der prähistorischen Besiedlung rekonstruieren lässt." Spätere Untersuchungen von Fundstellen gibt es im übrigen im Landkreis nicht, wie Krause sagt. "Das Credo der Denkmalpflege ist: im Boden ist es am Besten aufgehoben. Nur bei einer aktuellen Gefährdung durch eine Baustelle wird eingegriffen. In Finsing bei der römischen Villa sei die Bodenradartechnik zum Einsatz gekommen, um das genaue Ausmaß des Gebäudes festzustellen.

Für die Luftbildarchäologie muss man aber nicht in die Luft gehen, wie Krause sagt. Auch er nutze Luftbilder, die online stehen, zum Beispiel Google Earth oder des Bayerischen Vermessungsamtes. "Man kann also sogar heute vom Schreibtisch Archäologie betreiben." Ein Beispiel, dass man auch dort Erfolg haben könne, sei die Viereckschanze in Itzling bei der Therme Erding. "Die habe ich im Rahmen meiner Luftbildstudien an der LMU München, am Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, als Doktorand in einem amtlichen Senkrecht-Luftbild entdeckt. Die Aufnahme gab es auch nur einmal, nämlich im trockenen Sommer 2006, Mitte Juni. Damals hat die Bayerische Vermessungsverwaltung ein reguläres Luftbild gemacht und die Schanze dokumentiert." Heute laufe die B 388 durch sie und eine Ecke sei weg. Beim Bau der Straße hat damals keiner darauf geachtet, da kam die Planierraupe und das Eck war weg", sagt Krause. Bei der einen Aufnahme blieb es aber. "Ich bin bestimmt schon 25 mal drüber geflogen und habe die Umrisse nie mehr wieder gesehen. Sie versteckt sich so gut, dass sie nur in dem extrem heißen Sommer zu sehen war.

Auf Basis des Luftbildes und der nachfolgenden Magnetometerprospektion durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflegehabe man die dazugehörigen Hausgrundrisse von zwei Tempelbauten und einem Hauptgebäudezerstörungsfrei feststellen können. Wie die Siedlung einst ausgesehen habe, zeige ein Lebensbildes von Christoph Haußner.

Heute sei die Luftbildarchäologie vom Denkmalschutzamt stark zurückgefahren und vor allem von privaten Archäologen würden sie weiter betrieben. Vor allem der Flughafen München würde eine genauere Untersuchung im Bereich Erding verhindern. "Das ist Sperrzone heute. Im gesamten Bereich Lohkirchen aufwärts war seit 1993 keine Luftbildarchäologe mehr. Dabei ist dort alles voller Viereckschanzen und römische Bauten."