Sorge um die Sicherheit Baum des Anstoßes

Eine zweihundert Jahre alte Sommerlinde in Tegernau entzweit Gemeinde und Naturschutzbehörde.

Von Carolin Fries

Es gibt Tage, da macht die mächtige Linde vor dem Haus von Josef Ametsbichler in Tegernau Geräusche, die ihn bis ins Mark erschüttern. Dann wagt sich der Mann hinaus unter den gigantischen Baum, richtet einen kritischen Blick ins Geäst und geht einmal links herum und einmal rechts herum. Dabei hofft und bangt er. An diesen Tagen weht ein kräftiger Wind oder aber der Himmel schleudert helle Blitze herunter. Ob er dann Angst hat? "Nicht nur ein bisschen", sagt Ametsbichler.

Deswegen hat der pensionierte Pädagoge bei der Gemeinde einen Antrag auf Beseitigung des Baumes gestellt. Nicht, weil er den Baum nicht mag, sondern weil er ihn für gefährlich erachtet: für ihn und seine Familie, aber auch für die Kinder, die morgens unter der Linde auf den Schulbus warten und nicht zuletzt auch für die Verkehrsteilnehmer, die die angrenzende Straße befahren. Der Frauenneuhartinger Gemeinderat hat sein Anliegen im August vergangenen Jahres einstimmig befürwortet und eine Ersatzpflanzung vorgeschlagen. Doch so einfach ist das nicht, denn die mehr als 200 Jahre alte Sommerlinde ist seit 1959 ein Naturdenkmal. Und die Untere Naturschutzbehörde hat eine Befreiung der Schutzwürdigkeit abgelehnt. "Ein externer Gutachter hat Anfang Januar die Bruch- und Standsicherheit des Baumes bestätigt", sagt Sprecherin Evelyn Schwaiger. "Die müssten sich mal drunter stellen, wenn ein g'scheiter Wind geht", sagt Josef Ametsbichler.

Er glaubt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert - und verweist auf die Unwetterschäden in Frauenneuharting im Sommer vergangenen Jahres. Dort ist im Juli eine 120 Jahre Linde nahe des Kriegerdenkmals auf die Dorfstraße gestürzt, Personen wurden nicht verletzt. "Auch dieser Baum war laut einem Gutachten, das die Gemeinde beauftragt hatte, stabil", sagt Ametsbichler. Er vertraue den Baumexperten ja, gibt aber zu bedenken: "Das sind halt auch nur Menschen." Frauenneuhartings Bürgermeister Josef Singer versteht die Sorgen Ametsbichlers und sagt, "das muss man ernst nehmen". Als er selbst noch die Grundschule besuchte, seien die Kinder regelmäßig durch den hohlen Stamm der Linde geklettert, "ich habe mich das nicht getraut", erzählt Singer. Über die Jahre hätten Baumpfleger den Stamm zwar wieder zusammenschieben können und auch für einen Kronenschutz habe die Naturschutzbehörde gesorgt. "Es ist schon viel Geld in diesen Baum gesteckt worden", sagt Singer. Doch einige Äste und auch Teile des Stammes seien verfault, auch wenn man das der Linde auf den ersten Blick nicht ansehe.

Ohne eine Zustimmung des Landratsamtes aber darf der Baum nicht gefällt werden, betont Schwaiger. Und mit der Linde am Kriegerdenkmal sei der Baum in Tegernau "nicht zu vergleichen", sagt sie. So würden die Naturdenkmäler des Landkreises halbjährlich überprüft, einmal belaubt und einmal unbelaubt. "Seit 1959 ist der Baum lückenlos dokumentiert", sagt Schwaiger. Josef Ametsbichler ist das schnuppe, er fragt sich, "wer verantwortlich ist, wenn etwas passiert". Zunächst mal die Gemeinde als Eigentümer, wie Evelyn Schwaiger sagt. Da diese aber nicht handeln könne, der Freistaat - allerdings nur, bei grob fahrlässigem Verhalten. Also? "Bei normalen Unwettern wird nichts passieren, lediglich bei einem Jahrhundertereignis", sagt die Pressesprecherin voraus. Und für diesen Fall könne weder die Gemeinde noch der Freistaat haftbar gemacht werden. Explizit für diesen Fall empfiehlt sie Josef Ametsbichler eine Zusatzversicherung.

Doch der sieht das gar nicht ein. Er habe sich bereits gegen Sturmschäden versichert, allerdings nicht für einen Fall von höherer Gewalt. Warum auch, Denkmalschutz hin oder her, "es ist ein Baum". Und mit diesem Baum lebt Ametsbichler seit 24 Jahren Tür an Tür, wenn man so will. Im Frühling "freue ich mich jedes Mal, wenn er austreibt", im Herbst recht er das Laub zusammen. "Doch der schlägt mir eines Tages durch den Dachstuhl."