Dokumentarfilm "Endstation Seeshaupt" "Die Erzählungen rührten an ein Trauma"

Walter Steffens Film "Endstation Seeshaupt" erzählt in eindringlichen Szenen die Geschichte des Todeszugs, der im April 1945 mit KZ-Häftlingen vom Dachau-Außenlager Mühldorf losfuhr.

Interview: Sabine Reithmaier

Endstation Seeshaupt" hat Walter Steffen den Dokumentarfilm genannt, der an diesem Donnerstag anläuft (www.endstation-seeshaupt.com). In eindringlichen, ruhigen Szenen erzählt er die Geschichte des Todeszugs, der am 25. April 1945 mit 4000 KZ-Häftlingen vom Dachau-Außenlager Mühldorf losfuhr. Die Odyssee fand fünf Tage später in Seeshaupt ein Ende, als die Amerikaner die Überlebenden aus dem Zug befreiten.

SZ: "Endstation Seeshaupt" startet in 28 Kinos, während Ihre bisherigen Dokumentarfilme meist nur einem kleinen Kreis vorbehalten waren. Haben Sie Ihren Durchbruch als Regisseur geschafft?

Walter Steffen: Durchbruch ist übertrieben. Aber es wäre schön, wenn der Erfolg helfen würde, einmal einen Film mit nicht nur dem minimalsten Budget machen zu müssen.

SZ: Der Film hat 150000 Euro gekostet. Produziert haben Sie ihn selbst, öffentliche Filmfördergelder oder eine Fernsehbeteiligung gab es nicht. Sie haben die Dreharbeiten trotzdem riskiert.

Steffen: Ich war jahrelang der Meinung, dass über den Todeszug ein Dokumentarfilm gedreht werden müsste. Allerdings dachte ich nicht an mich als Regisseur, weil mich das, so glaubte ich, doch ziemlich überfordern würde. Aber Claudia Rittig (Produzentin von "Liesl Karlstadt und Karl Valentin", "Dr. Hope - Eine Frau gibt nicht auf", Anm. der Red.) hat mich so lange ermutigt, bis ich mit den Recherchen begonnen habe. Das Startkapital stellte die Seeshaupter Bürgerstiftung zur Verfügung. Nach dem ersten Drehblock sind alle Gemeinden, die an der Strecke liegen, eingestiegen, und auch die Stiftung Bayerischer Gedenkstätten. Letztlich habe ich den Film mit 20 Prozent des Gesamtbudgets gemacht.

SZ: Was Ihre Darstellung von ähnlichen Dokumentationen unterscheidet, ist der starke Bezug zur Gegenwart.

Steffen: Das ist meine dritte Ebene. Die erste Perspektive liefern Louis Sneh und Max Mannheimer, die die Zugfahrt überlebten und von ihren Erinnerungen erzählen. Eine zweite Sichtweise bringen die Anwohner ein, Menschen, die als Kinder den Zug und die Häftlinge 1945 gesehen haben. Die aktive Erinnerungsarbeit, die heute entlang der Strecke geleistet wird, ergänzt diese beiden Ebenen. Die Aufarbeitung, die durch Schüler, Lehrer und Initiativen geschieht, erscheint mir sehr wichtig, sie schlägt eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart.

SZ: Der Film erhält dadurch versöhnliche Momente. In anderen Szenen dagegen spürt man die Erschütterungen derjenigen, die als Kinder den Zug und die Häftlinge gesehen haben, ganz nah.

Steffen: Für mich am stärksten im Gespräch mit Annemarie Gutmann. Sie schildert so anschaulich, wie ihre Mutter einen der ausgemergelten Flüchtlinge ins Haus bittet, ihm Essen gibt und wie der Mann, als ihm die Mutter übers Haar streicht, zu weinen beginnt und Grauenvolles von der Ermordung seiner Frau und der fünf Kinder erzählt. Annemarie Gutmann musste dreimal ansetzen, um sich die Erinnerungen abzuringen, immer wieder brach sie in Tränen aus.

SZ: Ihr Hauptdarsteller Louis Sneh dagegen wirkt heiter und abgeklärt.

Steffen: Das ist er auch. Für mich war es wichtig, dass er sich mit mir in den Zug setzt und erzählt. Ich habe gezittert, ob er das durchhält, sich all den Erinnerungen noch einmal auszusetzen. Nach der Fahrt war er total erschöpft, aber auch erleichtert und froh.

SZ: Und Sie?

Steffen: Mich hat der Film verändert. Ich dachte immer, dieser Teil des Holocausts sei für mich abgearbeitet, weil mein Vater sehr offen über die Untaten der Nazis gesprochen hat. Aber beim Drehen habe ich meine Angst vor dem Thema, vor den Geschichten gespürt. Obwohl ich nicht dabei war und durch meinen Vater von allen Gräueln wusste, rührten die Erzählungen bei mir an ein Trauma, das mir nicht bewusst war. Die Arbeit am Film hat mir geholfen, mich diesem zu stellen.