BMW-Hochhaus Denkmal mit vier Zylindern

Vor genau 30 Jahren ist das BMW-Haus eröffnet worden. Zu seinem Geburtstag wird das mittlerweile weltberühmte Wahrzeichen der Stadt zum ersten Mal saniert. "Das Ding" soll für die Ewigkeit halten.

Von Alfred Dürr

Geniale Baumeister, so heißt es, kritzeln mit ein paar schnellen Strichen ihre ersten Gedankenblitze für ein spektakuläres Projekt beim Mittagessen auf eine Papierserviette. Dann entwickeln sie daraus das Meisterwerk.

BMW-Hochhaus

Das BMW-Hochhaus: Eine architektonische Meisterleistung und eines von Münchens weltberühmten Wahrzeichen.

(Foto: AP)

Um den Wiener Architekten Karl Schwanzer rankt sich eine ganz andere Anekdote: Vier Maßkrüge soll er vor einigen Jahrzehnten beim Geschäftsessen mit Managern des Autobauers BMW auf dem Biergartentisch zusammen gestellt haben, um so zu verdeutlichen, welche Form das Hochhaus für die Konzernzentrale am Petuelring einmal haben soll.

"Das Ding", so nennt es heute Martin Bittel, der Baufachmann von BMW locker-respektvoll, steht nun seit exakt 30 Jahren, ist zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden und weltweit bekannt. Pünktlich zum Jubiläum gibt es ein großes Sanierungs- und Modernisierungsprogramm für das Ensemble mit Hochhaus, der Museums-Schüssel und mit dem Flachbau an der Basis. Der Komplex wird von innen gründlich erneuert. Das äußere Erscheinungsbild des Bau-Denkmals bleibt hingegen unverändert.

Akzente setzen

Der 18. Mai 1973. Mit einem Festakt wurde die Konzernzentrale (Baukosten rund 100 Millionen Mark), die zu den Olympischen Spielen 1972 zwar schon fertig aber noch nicht bezogen war, offiziell eröffnet. Längst hatte das Haus - mit 99,5 Metern so hoch wie die Frauentürme - in der Öffentlichkeit seine Spitznamen weg: "Vierzylinder" (passt zum Image des Autokonzerns, hat aber mit der Optik von Motoren wenig zu tun), "Kleeblatt-Haus" (nach dem vierblättrigen Grundriss) oder "Hängehaus" (nach seinem Konstruktionsprinzip).

Mit Symbolik wollte der Architekt Karl Schwanzer wenig zu tun haben. Es ging ihm um den unverwechselbaren Akzent in unmittelbarer Nachbarschaft der markanten Olympiabauten und um ein funktionales Büroraum-Konzept. Die Ansprüche hat er erfüllt. Um den Kern des Hauses (für die Versorgungseinrichtungen) mit seinen vier Röhren sind vier Dreiviertel-Kreise gelagert.

Die Vorteile dieser Bauform: Die Räume können maximal ausgenutzt und variiert werden, sie sind gut belichtet und die Wege für die Beschäftigten bleiben kurz. Die Aluminium-Fassade wird übrigens durch ein Detail belebt, das man auf die Ferne nicht sofort erkennt. Die Fenster in den 22 Stockwerken sind schräg gestellt. Lärm von außen wird also gegen die schallschluckenden Decken gelenkt, und so ist es auch mit den Gesprächsgeräuschen in den Büros. Für die Fassade gab es damals nur in Japan Vorbilder. Die 2304 Elemente wurden aus dem Fernen Osten antransportiert.

Das Gebäude steht nicht, es hängt

Ebenso bemerkenswert wie die äußere Gestalt des BMW-Hochhauses ist seine ungewöhnliche Art der Konstruktion. Das Gebäude steht nicht, es hängt. Oben am Haus ist ein vierarmiges Trägerkreuz, an dessen sechzehn Meter langen Armen die Geschosse mit gewaltigen Trossen vertäut sind. Nach der Fertigstellung des Kerns und des Trägerkreuzes wuchs das Hängehaus, dessen Konstruktion insgesamt 16.800 Tonnen wiegt, von oben nach unten.

Die am Boden vorgefertigten Stockwerksblöcke wurden mittels eines hydraulischen Hubverfahrens Stück für Stück nach oben gehievt und verankert. Auch hier setzte der Architekt nicht primär auf den spektakulären Effekt, sondern er folgte einer schlichten Notwendigkeit - nämlich dem enormen Zeitdruck.

Genau eineinhalb Jahre durfte das Rohbau-Geschehen dauern, damit man rechtzeitig zum großen Olympia-Ereignis fertig war. Schwanzers Technik erlaubte das Bauen nach einem minutiösen Verfahren. Ein Großteil der sonst auf solchen Baustellen üblichen manuellen Arbeiten konnte eingespart werden.

Karl Schwanzer wird in der Fachliteratur als einer der besten Architekten des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Sein Ende war tragisch. Im August 1975 erhängte sich der damals 57-Jährige in seinem Wohnhaus in der Nähe von Wien. Er habe sich Kritik von Kollegen ausgesetzt gefühlt und sei damit nicht fertig geworden, wurde berichtet. Vor allem sei ihm vorgeworfen worden, bei einem Projekt in Österreich versagt zu haben.

Ins Lob für das Hochhaus ist auch Schwanzers Entwurf für das angrenzende BMW-Museum mit der typischen Beton-Schüssel (Durchmesser 40 Meter) eingeschlossen. Im Zuge der Sanierung soll es "deutlich erweitert" werden, so Holger Lapp, Leiter der BMW-Group Mobile-Tradition. Zwei Stockwerke im Flachbau gewinnt das Museum an Ausstellungsfläche hinzu. Die Renovierung beginnt wie beim Hochhaus im nächsten Jahr und soll Mitte 2006 fertig sein.

BMW-Freunde müssen während der Bauarbeiten nicht auf alle Exponate verzichten. Das Unternehmen plant als Interimslösung eine kleinere Ausstellung, die im nächsten Jahr im Olympiapark in Gebäudeprovisorien zu sehen sein soll.

"Ding für die Ewigkeit"

Seit 1999 stehen der "BMW-Vierzylinder" und das Museum unter Denkmalschutz. Äußerlich werde man nur die Fassadenelemente reinigen und versiegeln, sagt Holger Lapp. Innen hingegen werden Kommunikations-, Ver- und Entsorgungsleitungen, die Klimaanlage, Aufzüge und sämtliches Inventar entfernt und durch eine moderne Infrastruktur ersetzt. Die 1500 Beschäftigten ziehen vorübergehend ins Forschungs- und Innovationszentrum an der Knorrstraße um.

Als nach Abschluss der Bauarbeiten 1972 auf dem Dach des Vierzylinders das Firmenlogo angebracht wurde, gab es heftigen Streit mit der Stadt. Doch es bleibt auch weiter da, denn es ist "am" Haus und nicht "auf" dem Gebäude - der kleine Unterschied zu Mercedes, die den Stern "auf" ihre neue Münchner Zentrale setzen wollen, was die Stadt aber strengstens untersagt.

Nun kommt nur ein Witterungsschutz auf das Dach. Tragwerk und Seilbündel sind immer noch ganz in Ordnung. "Das Ding", sagt Martin Bittel, "hält für eine Ewigkeit".