Anschlag in der Stadtmitte Münchens geplant Neonazis wollten jüdisches Zentrum sprengen

Die Rechtsextremisten, bei denen die Polizei 1,7 Kilogramm TNT sichergestellt hat, haben offensichtlich einen Sprengstoffanschlag bei der Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindezentrums am 9. November im Zentrum von München geplant. Das erfuhr die Süddeutsche Zeitung aus Kreisen der Ermittler.

(SZ vom 12.9.2003) - Ein Anschlag auf das geplante jüdische Gemeindezentrum am Münchner Jakobsplatz wäre "ein nicht zu überbietendes politisches Fanal" gewesen, sagte ein Sicherheitsexperte. Nach dem Brandanschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf im Oktober 2000 hatte die Bundesregierung den "Aufstand der Anständigen" ausgerufen.

An dem Fest zur Grundsteinlegung des Gemeindezentrums in München sollte neben dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, auch Bundespräsident Johannes Rau teilnehmen.

Das bestätigte das Bundespräsidialamt in Berlin. Noch ist nicht klar, ob die Neonazis nur vorhatten, den Bauplatz zu verwüsten oder auch Menschen in Mitleidenschaft ziehen wollten.

Karlsruhe ermittelt

Generalbundesanwalt Kay Nehm hatte bereits am Donnerstagmorgen einen Verbindungsbeamten nach München geschickt. Nach den neuesten Erkenntnissen ist sich die Karlsruher Behörde sicher, dass das Verfahren gegen die Münchner Neonazis wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung in die originäre Zuständigkeit des Generalbundesanwalts fällt. Nehms Sprecherin Frauke-Katrin Scheuten sagte am Donnerstag: "Wir werden das Verfahren noch heute übernehmen." Dabei müsse bedacht werden, dass die laufenden Ermittlungen nicht gestört werden sollen.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München, Charlotte Knobloch, reagierte mit Fassungslosigkeit auf die Nachricht, dass der Anschlag sich gegen das Kultuszentrum richten sollte. "Es ist ein unglaublicher Schock für mich. Der Neubau des Zentrums war für mich bislang ein Lichtblick in dieser schwierigen Zeit. Allein die Tatsache, dass wir jetzt wieder mehr aufpassen müssen, ist eine absolute Katastrophe für uns."

Das geplante Jüdische Gemeindezentrum auf dem St.-Jakobs-Platz im Zentrum Münchens wurde jahrelang geplant und soll aus drei separaten Gebäudekomplexen bestehen: dem Gemeindehaus mit Schule, Restaurant, Versammlungssaal und Büros sowie der Synagoge und dem Jüdischen Museum. Die Kosten sind mit 50 Millionen Euro veranschlagt.

Die Stadt stellt das Grundstück zur Verfügung, der Freistaat Bayern beteiligt sich mit sieben Millionen Euro. Eröffnet werden soll das Zentrum im Jahr 2005.

Die Neonazis, die den Anschlag planten, gruppieren sich um den im mecklenburgischen Anklam geborenen, aber seit drei Jahren in München lebenden Rechtsextremisten Martin Wiese. Der 27-Jährige hatte mit dem bereits seit Juli in Haft sitzenden Alexander Metzing in einer Wohnung in der Landsberger Straße in München zusammen gewohnt.

Auf die Spur der potenziellen Attentäter kam die Polizei durch eine Schlägerei, bei der Metzing und ein Kumpan am 19. Juli einen Kameraden verprügelten, der aus der rechten Szene aussteigen wollte. Bei dem Sprengstofffund handelt es sich um eine der größten Mengen, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland entdeckt wurden.

Bei den Waffenhändlern

Wiese hat gute Kontakte in die neuen Bundesländer und zu einflussreichen Rechtsradikalen wie dem Neonazi Steffen Hupka und dem Hamburger Christian Worch. Wiese hatte sich den Sprengstoff offenbar von Waffenhändlern in Mecklenburg und Brandenburg beschafft.

In Mecklenburg rückte nach Informationen der Süddeutschen Zeitung das Sondereinsatzkommando des LKA aus, um den Verdächtigen festzunehmen. Bei ihm wurden zwei scharfe Schusswaffen und mehrere Hieb- und Stichwaffen sichergestellt. Wie auch in Brandenburg haben die Behörden dort aber keinen Hinweis auf einen rechtsradikalen Hintergrund der Waffenhändler. Sie waren weder bei Polizei noch Verfassungsschutz auffällig.

Immer wieder werden bei Rechtsradikalen Waffen gefunden. Erst vor zwei Wochen stellte die sächsische Polizei bei einem Rechten in Bautzen eine Pumpgun und mehrere Revolver sicher. Auch bei der extremistischen Gruppe Skinhead Sächsische Schweiz (SSS) wurden im Jahr 2000 Munition, Granaten und sogar Teile von Raketen gefunden. Der Verfassungsschutz wertet die Waffenfunde in der rechtsextremistischen Szene als äußerst gefährlich - obwohl das offene Bekenntnis zur Gewalt seit 1999/2000 abgenommen habe.