19. Mai 2010, 19:25 Wettern, lästern, predigen, putschen Applaus für den Spruch des Tages

Sich kurz fassen, auf den Punkt kommen und überzeugen: Der Club Speakers' Corner lehrt die hohe Kunst der Rhetorik.

Von Angela Köckritz

Mitten in London gibt es einen Park. In dem Park gibt es einen Platz, an dem sich die Menschen versammeln, Woche für Woche. Politiker und Möchtegernpolitiker, Berufene und Bessessene, Sozialisten und Adventisten. Stellen sich auf Leitern, Steine, Apfelsinenkisten und halten Reden. Wettern und lästern, predigen und putschen. Wunderbare Welt der Meinungsfreiheit. Hyde Park heißt der Park, Speakers' Corner der Platz. Speakers' Corner heißt auch Club Nummer 5993 der Toastmasters International in München. Auf dem Programm: Rhetorik, Rhetorik, Rhetorik.

Im Saal des Akademikerpastorals am Hauptbahnhof stehen keine Apfelsinenkisten. Leitern gibt es ebenso wenig. Stattdessen: 20 Menschen an Tischen. Gebügelt die Hemden, gewienert die Schuhe. Auf dem Tisch vor ihnen das Handbuch. Communication and Leadership Programm steht darauf. Darin Fotos von gut gekleideten Menschen, die dynamisch Dinge tun, die Menschen normalerweise auf weit weniger dynamische Weise in ihrem Büro verrichten. Das Buch hat zehn Kapitel, Kapitel neun zum Beispiel heißt Persuade with Power, Überzeuge mit Kraft. Auf den Tischen liegt außerdem ein genauer Zeitplan. 19.05 Uhr Spruch des Tages, 19.10 Witz des Tages.

Schluss mit lustig

Präsidentin Karen Diercksen erklärt das Prinzip, ein amerikanisches Prinzip. Die Clubmitglieder lernen Rhetorik, ganz ohne Lehrer, nur mit dem Buch. Jedes Buchkapitel entspricht einer Rede, die das Mitglied vorbereiten und halten muss. Die Kollegen bewerten alles, und das heißt in diesem Fall: wirklich alles. Der eine misst die Redezeit, der andere zählt die Ähs, der nächste begutachtet den Sprachstil. Und so fort. Sechs solcher Clubs gibt es in München: Zwei auf Deutsch, einen auf Englisch, einen zweisprachigen, einen auf Italienisch, einen auf Französisch.

Es kann losgehen. Applaus, Applaus, Händeschütteln für jeden, der das Wort ergreift. Stegreifreden, dann der Spruch des Tages: "Nichts gelingt ohne Heiterkeit". Witz des Tages: "Gehen zwei Jäger in den Wald und treffen sich."

Schluss mit lustig. 19.35 Uhr, der ernste Teil beginnt, Programmpunkt vier: Die vorbereiteten Reden. Günther Schmalzl erscheint im Talar, die Kollegen nicken anerkennend. Fortgeschrittene Technik, der Einsatz von Kostümen und Hilfsmitteln. Schmalzls Aufgabe: Handbuch Kapitel Nummer zwei, Organize your Speech, Organisiere Deine Rede, Sprechzeit fünf bis sieben Minuten, Der Titel: "Zwei Juristen, drei Meinungen". Eine kleine Einführung in unser Rechtssystem. Schmalzl legt los: Abstraktionsprinzip, WWW-Fragen, "da lacht das Strafrecht." Applaus, Applaus, doch leider: Zeit überzogen.

"Es gibt Leute, die können nix, die können nur reden."

Brigitta Egly muss Kapitel vier des Lehrbuchs bestehen: "Zeigen Sie, was sie meinen", Körpersprache. Titel: "Vermindere Deinen negativen Stress und lebe gesünder!" Egly zeigt vollen Körpereinsatz. Es geht um Fengshui, das Meditationsmännchen im Kopf und das Zielbild. Egly ballt die Fäuste vor dem Körper: "Ich weiß genau, ich werde an diesem Ziel ankommen." Der Zeitmesser zeigt die gelbe Karte. Zeit leicht überschritten. Egly nimmt die Siegerpose ein:"Ich schaffe es immer wieder". Rote Karte: Zeit leider überzogen.

Das mit der Zeit sei knifflig, sagt Edgar Niklaus. Die Reden sind fast immer zu lang. Er ist Finanzdienstleister, muss beruflich viel reden, "da ist es wichtig, wie man rüberkommt", sagt Edgar. Reden ist seine Leidenschaft, "ich habe schon immer viel geredet."

Sein Vorbild ist Marc Antonius. Große Sache, wie Antonius das römische Volk, das dem Caesar-Mörder Brutus zujubelt, mit einer einzigen Rede umstimmen konnte. Mit Manipulation habe das schon viel zu tun, sagt Edgar, aber so sei es nunmal im Leben. "Es gibt Leute, die können nix, die können nur reden. Aber die kommen weiter."