"Zeit Online" Geht's gut?

Die Nachrichtenseite eröffnet eine irre Praxis für Telemedizin und fragt seine Leser von jetzt an jeden Tag, wie sie sich gerade so fühlen. Über diese möchtegernkalifornische Idee jubelt vermutlich das Big-Data-Team.

Von Cornelius Pollmer

Wenn einen nicht alles täuscht, dann haben die Menschen in Deutschland endlich das Glück gefunden. Ganz früher fragten sie einander noch, wie es dem jeweils anderen denn gehe, die Erkundigung aber modernisierte sich bald ins Suggestive: Geht's gut? In einem vorletzten Schritt wurde daraus vor Kurzem Alles gut?, schließlich wich das ? einem ! - jeder noch so leeren Frage nach dem Wohlbefinden kommen die Menschen nun mit einem Globalglucksen zuvor, alles gut, wirklich, fantastisch, du! Was geht sonst so ab? Puh, nicht viel los heute bei Facebook, Welt is live now, immerhin, nur womit? "Schokoladen-Pizza: So schmeckt die wilde Kombi wirklich." Nee, das macht auch wieder schlechte Laune oder Bauchweh, aber zum Glück gibt es Zeit Online, da gibt es noch Qualität, die Gräfin ist damals ja nicht umsonst übers Haff geflohen! Und der Artikel gestern beim Zeit-Jugendportal ze.tt über diese einäugige Lacto-Vegetarierin, die vermutete, ihr Feminismus habe sie beziehungsunfähig gemacht, der war bestimmt ein Versehen. Also, www.zeitundsoweiter und, hm, komische Überschrift: "Warum wir Sie ab sofort fragen, wie es Ihnen geht". Darunter eine Erläuterung, jeden Tag möchte Zeit Online von seinen Lesern nun wissen, ob es ihnen "gut" oder "schlecht" oder anders geht, wobei man für andere Zustände eigene Adjektive eintragen darf, die allerdings - erste Pointe - daraufhin geprüft werden, "ob sie unseren Standards entsprechen".

Das ist, menschlich betrachtet, schon komisch, weil dahinter kein ernsthaft-soziales Interesse am Einzelnen steht, sondern eine möchtegernkalifornische Idee aus der Big-Data-Redaktion, die sich vermutlich "Team" nennt. Und wenn man jetzt "nicht so gut, können Sie mir helfen?" eintippt, dann kommt weder der Arbeiter-Samariter-Bund, noch die Chefredaktion von Zeit Online, aber vermutlich entspricht diese Eingabe ohnehin nicht den Standards. Das Tool ist, streng betrachtet, auch befremdlich, cc sei an dieser Stelle die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen gesetzt, die schon länger weiß, dass ein Stimmungstagebuch ähnlicher Art helfen kann, mit einer ebensolchen Störung besser umzugehen. Und es ist, drittens, journalistisch gesehen auch schon wieder so gaga, dass man zwar erstens heimlich kichern muss, es sich aber zweitens bestimmt irgendwie rechnen wird und dann mit, hust, etwas Juroren-Glück, gewiss auch einen Preis in der "Kategorie Innovation" gewinnt. Also, alles gut? Mindestens das. Vielleicht sogar: zu gut.