Was liest man im Osten? Report Zwickau

Günstig und bloß nicht kontrovers: Mehr als 20 Jahre nach der Wende werden im Osten immer noch ganz andere Magazine als im Westen gelesen.

Von Christian Fuchs

Als die Super Illu Mitte September ihren Medienpreis Goldene Henne"im Berliner Friedrichstadtpalast verlieh, flog der Künstler Christo aus New York ein, Paul Potts kam aus Bristol und Peter Ramsauer aus dem Bundesverkehrsministerium. Neben den 20 Jahren der Wiedervereinigung wurde an diesem Abend auch der 20.Geburtstag der Super Illu (Burda) gefeiert. Noch lange nach Mitternacht stand Illu-Chefredakteur Jochen Wolff an der Tanzfläche. Er zog an einer Zigarre, man sah ihm an, dass er stolz war auf sein Magazin, das mit Abstand erfolgreichste aus dem Osten Deutschlands.

Ich wollt', ich wär' ein Huhn

mehr...

Zu anderen Medienpreisen eilen gewöhnlich auch die wichtigen Journalisten Deutschlands, die Goldene Henne allerdings war eine Veranstaltung, die so gut wie keinen Chefredakteur eines westdeutschen Magazins lockte. Da muss Jochen Wolff wieder gemerkt haben, dass er in einer Parallelgesellschaft publiziert. Jede Woche wird die Super Illu 400000-mal verkauft, das Heft bindet mehr als drei Millionen Leser. Laut AWA-Reichweitenanalyse stimmt die Eigenwerbung zwar nicht ganz, dass die Illu "mehr Menschen in den neuen Ländern erreicht als Stern, Spiegel, Focus und Bunte zusammen" - aber mehr als Spiegel und Stern sind es.

Im Printgewerbe steht auch zwei Jahrzehnte nach der Wende eine Mauer der Gewohnheiten. Titel aus dem Osten werden im Westen ignoriert, umgekehrt ist es genauso. Zeitschriften aus der BRD haben es im früheren DDR-Gebiet zwischen Ahlbeck und Zwickau schwer. 20 Prozent der Deutschen lebt in den neuen Ländern, die Verlage der Westzeitschriften verkaufen dort aber nur zehn Prozent ihrer Auflage.

Es gibt Tankstellen, die beziehen montags nur ein Exemplar des Spiegel, und das Nachrichtenmagazin bleibt dann auch noch bis zum kommenden Montag liegen. "Wir sehen, dass sich der Verkauf in Ostdeutschland zugunsten jüngerer Titel am Markt entwickelt", sagt Stern-Verlagsgeschäftsführer Thomas Lindner. Entscheidend werde sein, "wie wir Relevanz erzeugen in einer Gesellschaft, die sich ost-west-übergreifend wandelt". Strategisch gelte es, Titel so auszurichten, "dass sie die akut wahrgenommene Komplexität im Hinblick auf Bildung, Arbeit und Lebensentwürfe abbilden und herunterbrechen können, durch ihre Positionierung, innere Struktur und neue Formate der Vermittlung".

Das ist akademische Verlagssprache, doch Lindners Power-Point-Satz erklärt sich beim Blick auf die Reichweitendaten der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) sowie der Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse (AWA) trotzdem: Demnach werden im Osten Frauenmagazine, Ratgeberblätter und Fernsehzeitschriften am häufigsten gelesen. Es gibt dazu zwei zentrale Erkenntnisse: Um im Osten gelesen zu werden, sollte eine Zeitschrift nicht auf Streitthemen setzen, und sie sollte nicht zu teuer sein.

Ich wollt', ich wär' ein Huhn

mehr...