"Spiegel"-Chef zu Henri-Nannen-Preis "Szenisches und Fakten miteinander verweben"

SZ: Die Jury hat in ihrer Begründung für die Aberkennung des Preises erklärt: "Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss." Die beste Reportage des Jahres müsse besondere Anforderungen erfüllen. Können Sie diese Haltung nachvollziehen?

Mascolo: Die Entscheidung, den Preis abzuerkennen, ist falsch und dem Autor gegenüber verantwortungslos. So sieht es nicht nur der Spiegel. Der Jury hätte es zugestanden, Pfisters Stück nicht als beste Reportage auszuzeichnen. Das hätten wir nicht zu kritisieren gehabt. Eine ganz andere Frage ist, ob es angemessen ist, ihm den Preis zu entziehen und in dieser Geschwindigkeit zu handeln.

In der Geschichte des Pulitzer Preises, der großen amerikanischen Auszeichnung, gibt es eine einzige Preis-Rückgabe. Das war 1981, es handelte sich um eine frei erfundene Geschichte. Niemand erhebt gegen René Pfister den Vorwurf, dass irgendetwas an seinem Porträt erfunden sei. Wie die Jury auf den Gedanken kommen kann, den Preis abzuerkennen, ohne den Betroffenen auch nur anzuhören, empört mich. Warum so schnell? Für die Stellproben beim Fest für den Nannen-Preis war mehr Zeit.

SZ: Im Journalismus läuft technisch gerade alles zusammen. Geht dabei die formale Trennschärfe verloren? Und braucht man sie nicht gerade dann?

Mascolo: Über journalistische Standards führen wir gern jede Diskussion. In der Jury des Nannen-Preises braucht es Klarheit darüber, welche Kriterien zu gelten haben. In der Vergangenheit wurden mit dem Reportagepreis oft Texte ausgezeichnet, die recherchierte Fakten zu Szenen verarbeiteten, also auch nicht selbst Erlebtes szenisch schilderten. Reportagen basieren immer auf Erlebtem, Beobachtetem und Recherchiertem. Gute Reportagen zeichnet aus, dass sie Szenisches und Fakten miteinander verweben. Was früher ausgezeichnet wurde, ist heute ein Grund für die Aberkennung des Preises. Wer versteht das noch?

SZ: Wird der "Spiegel" die Nannen-Preis-Jury verlassen?

Mascolo: Was immer der Spiegel entscheidet, wird er zunächst dem Haus Gruner und Jahr und der Jury des Nannen-Preises mitteilen.