Serienmacher empfehlen Fanseh-Programm

So viele Staffeln, so wenig Zeit: Was gucken die Profis eigentlich? Die SZ hat Serienautoren um Serientipps gebeten - auch, aber nicht nur für die Feiertage.

Protokolle von Karoline Meta Beisel, David Denk, Hans Hoff, Katharina Riehl und Claudia Tieschky

Wald, kopfüber

Von allen tollen Serien, die ich gesehen habe, mag ich die US-Serie Friday Night Lights (2006-2011) am liebsten. Es ist eine Serie, die angeblich von Football handelt, aber eigentlich um alles geht. Um soziale Herkunft, Rasse, Familie, Überleben, das Gesundheitssystem. Es ist auch interessant, dass die Serie in einem Dorf gedreht wurde, dessen Bewohner als Statisten einfach mitgespielt haben, das bringt ganz wunderbare Dinge hervor.

Zwei Serien haben sich im Jahr 2017 herausgehoben, da sie die jetzigen Debatten über sexuelle Belästigung in ihrer eigenen Art vorhergesagt haben. Erstens die hervorragend geschriebene dritte Folge der letzten (sechsten) Staffel der HBO-Serie Girls, in der Lena Dunham einen Tag bei einem von ihr bewunderten Autor verbringt. Keine Spoiler hier, einfach gucken! Zweitens die mit Sternen besetzte Serie Big Little Lies (auch von HBO), die das Thema von Gewalt gegen Frauen in einem unerwarteten Zusammenhang betont.

Die beste deutsche Serie ist für mich Dark. Ich finde großartig, wie das klassische deutsche Krimithema "Tod im Wald" hier einmal auf den Kopf gestellt wird. So etwas hat man im deutschen Fernsehen tatsächlich noch nie gesehen, außerdem ist es fantastisch besetzt.

Mein guilty pleasure ist die US-Serie This is Us. Sie ist unglaublich emotional. Ich muss bei jeder Folge weinen. Ich weiß, dass ich dazu manipuliert werde, aber ich liebe es trotzdem! Es ist die erste Serie, die ich gemeinsam mit meiner 13-jährigen Tochter anschaue. Ganz klassisch übrigens: einmal pro Woche im linearen Fernsehen.

Anna Winger ist die Autorin von Deutschland 83 (RTL) und der Fortsetzung Deutschland 86.

Glückliche Brüder

Meine Lieblingsserie ist The Wire. Der Drehbuchautor David Simon hat viele Jahre als Polizeireporter gearbeitet und dann entschieden, das als Fernsehserie aufzuschreiben - die Authentizität, die das vermittelt, interessiert mich sehr. Die erste Staffel konzentriert sich noch sehr auf die Polizei und auf die Drogendealer. Richtig zur Hochform läuft die Serie in der zweiten und dritten Staffel auf, dann ist man so richtig drin im Gesellschaftsroman.

In der jüngeren Vergangenheit hat mich This is Us überzeugt. In der Serie geht es um Familien und die Frage, wie Menschen werden, was sie sind - aber es geht auch um Rassismus und Aufstiegschancen und es ist damit ein Stück amerikanische Gesellschaftsgeschichte. This is Us ist natürlich leichter und komödiantischer erzählt, aber wenn man sich ganz weit aus dem Fenster lehnt, kann man sagen, dass die Serie der glückliche Bruder von The Wire ist.

Neulich habe ich zum ersten Mal Heimat von Edgar Reitz gesehen, um eine Bildungslücke zu schließen. Die Hauptfigur ist das Dorf selbst, die Leute sprechen Dialekt, manche Figuren werden breit eingeführt - und verschwinden nach zwei, drei Folgen einfach wieder. Es ist, als ob man selber 100 Jahre in der Mitte eines Dorfes sitzt und sieht, was da so alles passiert. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich empfehle die Serie gerade auch einem jüngeren Publikum.

Bernd Lange hat gemeinsam mit Hans-Christian Schmid Das Verschwinden (ARD) geschrieben.

Geiler Trash

Eine meiner absoluten Lieblingsserien ist Dexter, weil es mich glänzend unterhält und zugleich verstört, in welchen moralischen Zwiespalt mich meine zärtliche Identifikation mit einem Serienmörder führt.

In diesem Jahr hat mich die finale Staffel von The Leftovers sehr beeindruckt durch die Konsequenz, Klugheit und den Einfallsreichtum, mit dem hier die ganz großen Themen verhandelt werden.

Meine liebste deutsche Serie ist Kir Royal, weil es ein Klassiker ist, der nichts von seiner Frische und Schärfe eingebüßt hat (und wer das Gegenteil behauptet, den scheiß ich zu mit meinem Geld).

Mein guilty pleasure ist das Dschungelcamp, weil es als Sozialexperiment mit Performanzstrukturen des absurden Theaters ... ach Quatsch: Weil es geiler Trash für den Voyeur in uns ist.

Arne Nolting schrieb mit Jan Martin Scharf die Bücher zu Club der roten Bänder und Weinberg.

Lebenserkenntnisse

Meine Lieblingsserie ist eine, die schnell wieder abgesetzt wurde, aber für Darsteller wie James Franco zum Karriere-Startschuss wurde: Freaks and Geeks hat sich mir mit liebevoll gezeichneten Figuren, den Themen rund um Außenseiter und soziale Ängste sowie der bis dato ungewöhnlichen horizontalen Erzählweise ins Hirn gebrannt. Erfinder Judd Apatow war seiner Zeit voraus - und wie so oft, wenn man seiner Zeit voraus ist, wurde Kult daraus.

Bei der Serie des Jahres kann ich mich nicht für eine entscheiden. Weil Mindhunter mit seiner entschleunigten, selbstbewussten Erzählweise die angenehmste Überraschung war, und Fargo durch erzählerische Präzision und lyrischen Mut die nunmehr dritte Wiedererfindung der selbst kreierten Tonalität gelungen ist.

Der Tatortreiniger ist meine liebste deutsche Serie, weil sie ein Original ist, etwas, das ich so noch nicht gesehen habe. Und weil sie wahrhaftige Figuren präsentiert, die mir Erkenntnisse über das Leben liefern - mit einer unaufgeregten, bescheidenen Selbstverständlichkeit.

Der Fremdschäm-Anarcho-Humor, die konsequente Weiterentwicklung der Figuren zu den größten Arschlöchern der Seriengeschichte und die schamlos narzisstischen Konflikte von It's Always Sunny in Philadelphia sind nicht jedermanns Sache. Aber mir macht's einfach Spaß!

Oliver Kienle ist Headautor von Bad Banks, im Frühjahr 2018 bei Arte und im ZDF.

Salbadernder Wussow

Die für mich beste Serie überhaupt ist Derek von Ricky Gervais über einen Pfleger in einem Altenheim, weil sie auf eine unglaublich ökonomische Weise witzig und klug ist. In jeder Episode muss ich lachen, ich ekle mich und ich weine. Die Figuren sind alle großartig sperrig, die Themen existenziell - aber nichts wirkt ausgedacht. Derek ist für mich ganz große Kunst, Ricky Gervais ein Genie.

Meine liebste Serie dieses Jahres ist eine Wiederentdeckung, und zwar eine deutsche. Ich schaue jeden Morgen zum Frühstück eine Folge Schwarzwaldklinik. Ich liebe diesen salbadernden Klausjürgen Wussow. Beeindruckend, was er aus dieser biederen Figur Brinkmann herausholt. Ein toller Schauspieler, der macht in 50 Folgen kein einziges Gesicht zweimal.

Meine liebste deutsche Serie ist auch schon etwas älter, das ist Ein Mann will nach oben von 1978, die Serie beruht auf dem Roman von Hans Fallada. Die 13 Folgen sind für mich der Beweis dafür, dass die Figuren und die Erzählung das Entscheidende sind, nicht die Kulisse. Es reicht nicht aus, wenn etwas optisch aufwendig gemacht ist und einen hohen Produktionswert hat; manche Serien wirken auf mich, als würden die Macher an jeder roten Ampel den Motor aufheulen lassen. Aber eine Geschichte muss eine Seele haben. Wenn die Figuren leben, wenn sie so widersprüchlich und wahrhaftig sind wie bei Fallada, dann wird auch das Setting lebendig. Und wenn es nur aus Pappe ist.

Wenn man Schwarzwaldklinik nicht als guilty pleasure zählen will, dann vielleicht In aller Freundschaft. Da gucke ich manchmal aus nostalgischen Gründen rein. Denn da habe ich selbst vor über 15 Jahren als Autorin angefangen und so den Beruf quasi von der Pike auf gelernt. Die Darsteller kenne ich ja teilweise persönlich und das ist immer wie ein nettes Wiedersehen. Ich verstehe auch, warum die Serie weiterhin so erfolgreich ist. Sie ist in ihrer Verlässlichkeit einfach extrem entspannend.

Annette Hess erfand Weissensee (ARD) und Ku'damm 56 (ZDF); Ku'damm 59 ist in Arbeit.

Schmerzfreie Frauen

Ich liebe Girls! Der Umgang mit Weiblichkeit, sowohl visuell als auch erzählerisch: soviel Nacktheit, sowohl psychisch wie auch physisch, ohne den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen beziehungsweise entsprechen zu wollen. Und das im Zeitalter von Facebook, Instagram, Photoshop und Mein-Leben-ist-so-toll-Posts. Es ist eine selbstbewusste, schmerzfreie Serie von Frauen, witzig, böse, frech und manchmal traurig, wie das Leben.

Meine Serie des Jahres ist Love, weil die einzelnen Episoden so nah am Leben sind und die Figuren mit ihren unterschiedlichen Lebenskonzepten voller Liebe gezeichnet. Es gibt viel zu lachen und tut trotzdem immer etwas weh hinzusehen.

Schon 2010 haben Regisseur Dominik Graf und Autor Rolf Basedow mit Im Angesicht des Verbrechens gezeigt, was jetzt alle versuchen: Ihre Serie erzählt eine packende Geschichte, die mich in eine mir fremde Welt entführt, bevölkert von vielschichtigen Figuren.

Wenn ich die Gilmore Girls von Amy Sherman-Palladino gucke, bin ich jedes Mal bereit, aufs Land zu ziehen. Viel wichtiger aber sind die unglaublich schnellen Dialoge mit ihrem unerreichten Wortwitz.

Ipek Zübert hat die ersten beiden Folgen von Bruder - Schwarze Macht (ZDF Neo) geschrieben.

Ausgelebte Visionen

Die komplexesten und subtilsten Charakterentwicklungen, die ich im Fernsehen je gesehen habe, gibt es bei Mad Men. Das ist meine Lieblingsserie, weil die Autoren auch den Mut haben, dass sich eine Figur mal nicht weiterentwickelt, entgegen allen dramaturgischen Gewohnheiten. Das ist gleichzeitig realistisch und aufregend. Von den neueren Serien finde ich Black Mirror extrem spannend. Das ist eine Anthologie, bei der die einzelnen Folgen keinerlei Bezug zueinander haben, sondern nur durch ihr Thema - Technik und Gesellschaft - miteinander verbunden sind. Man merkt, dass die Regisseure der einzelnen Folgen ihre Visionen vollständig ausleben konnten. Ich würde mir wünschen, dass es so etwas in Deutschland auch mal gibt.

Von den deutschen Serien mochte ich die Gangsterserie 4 Blocks sehr, weil sie total deutsch ist und niemals in Amerika spielen könnte - aber den Unterhaltungsfaktor der amerikanischen Serien hat.

Bei der trashigen Arztserie Nip/Tuck kommen auf jede geniale Idee fünf hanebüchene Plotwendungen, und sie ist auch wirklich nicht gut geschrieben - aber irgendwie so sympathisch, dass ich auch sie trotzdem zu Ende geguckt habe.

Marc Schießer ist Koautor und Regisseur von Wishlist, die zum Angebot von funk gehört.

Füße in Folie

Nie hätte ich gedacht, dass ich mich mal in einen abgehalfterten alten Mann verlieben würde, der seine von Ekzemen übersäten Füße in Frischhaltefolie wickelt und sich in der U-Bahn mit einem chinesischen Essstäbchen daran kratzt. Und in einen jungen Mann mit sanften Rehaugen, der ein Mädchen bestialisch abgeschlachtet hat, oder auch nicht, die Wahrheit interessiert nicht mal den Mann mit der Hautkrankheit, der ihn vor Gericht verteidigt. The Night Of erzählt vom unbarmherzigen, gigantischen Justizapparat, der Menschen verschlingt und - wenn überhaupt - nur entstellt wieder ausspuckt.

The Handmaid's Tale hat mich wie keine andere Serie in diesem Jahr tief bewegt, weil sie zeigt, wie zerbrechlich die Freiheit ist. Das weiß man zwar aus den Nachrichten, aber hier konnte ich es fühlen. So intensiv, dass mir fast schlecht wurde.

Nach jeder Folge von Babylon Berlin kam ich mir ein bisschen so vor wie beinahe jede der Figuren, all diese verletzten Seelen: berauscht. Und gierig nach mehr, mehr, mehr. Ein herrliches, überwältigendes Spektakel. Und manchmal in geradezu unheimlicher Weise aktuell.

Mein guilty pleasure ist Shopping Queen (aber nur mit den normalen Frauen), wegen der mitunter großartigen kleinen Dramen, wenn man Menschen beim Einkaufen zuschaut. Und weil Guido Maria Kretschmer die witzigste und warmherzigste Figur im deutschen Fernsehen ist.

Conni Lubek ist Autorin von Tempel, der ersten Dramaserie von ZDF Neo.

Stuhlkanten-Gefühl

Ich bin ein ziemlicher Serienjunkie geworden. Hauptsächlich seit Netflix, aber das fing schon im Studium an oder noch früher, mit Akte X, den Simpsons und Emergency Room. Schon bevor der große Boom losging, war ich davon überzeugt, dass die Serie ist eine tolle Form des Erzählens ist. Kottan ermittelt hat mich sehr geprägt. Wenn es so was wie objektiv messbare Kategorien dafür gibt, was die beste Serie ist, da finde ich The Wire ganz, ganz weit vorne - allein die Recherche und Genauigkeit. Wo ich aber emotional zur Zeit am meisten mitgehe, das ist tatsächlich The Walking Dead. Obwohl ich die kompletten Vorlagen kenne, also die Comic-Serie dazu, sitze ich da immer noch auf der Stuhlkante.

In letzter Zeit hat mich The Knick von Steven Soderbergh sehr beeindruckt, und ich mag die Zeichentrickserie Rick and Morty. Ganz früher schaute ich Sledge Hammer, das war ein bisschen der Humor von Die nackte Kanone, aber es gibt eigentlich wenig, was ich mochte und das mir heute peinlich ist. Ich gehe auch wahnsinnig gern ins Kino, aber da war es mit den innovativen Geschichten in letzter Zeit, finde ich, vergleichsweise dünn.

Boris Kunz ist Koautor und Regisseur von Hindafing (BR).