Radio-Projekt Was für ein Spaß

"Ein Bursch' von unendlichem Spaß": Der Autor David Foster Wallace vor zehn Jahren bei einem Vortrag in San Francisco.

(Foto: Steve Rhodes/dpa)

Der WDR testet David Foster Wallace voll aus: Sein 1500 Seiten langer Roman soll ein Hörspiel werden.

Von Stefan Fischer

Es soll das größte Hörspiel aller Zeiten werden; 100 Stunden lang, vielleicht sogar noch länger. Allein für die Fußnoten sind acht oder neun Stunden vorgesehen. Es hakt an der Technik, die Website www.unendlichesspiel.de funktioniert nicht einwandfrei. Von Dienstag an soll sie jedoch zur Verfügung stehen. Und das soll im Ernst einmal Unendlicher Spaß werden? Es ist für Andreas Ammer gerade vor allem unendlich nervenaufreibend.

Ammer ist Autor, Hörspielmacher und Produzent der Literatursendung Druckfrisch. Für sein Riesen-Hörspiel sucht er außerdem nur noch die Kleinigkeit von 1500 Sprechern. Aber die werden sich schon finden, da ist er zuversichtlich. Ammer möchte David Foster Wallaces monströsen Roman Unendlicher Spaß, der 1996 im Original und 2009 in der deutschen Übersetzung von Ulrich Blumenbach erschienen ist, mit Laien inszenieren. "Nur das erste Kapitel haben wir mit professionellen Schauspielern eingesprochen, damit mal was da ist", sagt Ammer. Die Idee seines irrwitzigen Projektes ist, dass jeder, der möchte, eine der mehr als 1500 Seiten des Romans liest, Laufzeit ein Jahr. "Wir wollen das mit unperfekten Stimmen machen", sagt Ammer - das Hörspiel soll stilistisch so heterogen sein wie der Roman. Der schwankt in seinem Ton zwischen Sportreportage und Slang, zwischen Partygeplauder und technischen Anleitungen.

1500 Sprecher, kein Sendeplatz, dafür einen festen Ort im Netz

Als reguläre Hörspiel-Produktion, mit professionellen Sprechern und in einem Studio inszeniert, wäre ein Projekt dieser Dimension niemals zu verwirklichen. Dafür sind selbst die Kapazitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht ausreichend. Das ist aber nicht der Grund, weshalb Unendlicher Spaß mit Laien und weitgehend außerhalb eines Hörspielstudios realisiert wird. Das Projekt arbeitet mit einer Website, die dem Nutzer die notwendigen Mittel für eine Sprachaufnahme zur Verfügung stellt. Man kann das auch als durchaus radikales Experiment des WDR verstehen, mit dem der Sender herausfinden will, wie weit der Hörfunk sich vom klassischen Radio lösen kann.

Es geht also um die Zukunft eines Mediums, das sich nicht mehr auf die lineare Verbreitung in seinem bewährten UKW-Nutzgarten beschränken kann. Gerade die gehobenen Programme, die Kultur- und Informationswellen, die nicht im Hintergrund vor sich hin plappern, werden inzwischen stark unabhängig von UKW genutzt. Diese Sendungen werden als Podcasts und Streams gehört, aufwendige Hörspiele wie Memory Loops und Die Quellen sprechen (beides Produktionen des BR) haben eine Webpräsenz, die solchen groß angelegten Projekten überhaupt erst einen Auftritt geben - und sie auch dauerhaft verfügbar machen.

Mit Unendlicher Spaß geht der WDR einen Schritt weiter: Er finanziert ein Hörspiel-Projekt, das erst einmal keinen Niederschlag im linearen Programm finden wird. Denn es wird nicht nur weitgehend außerhalb der üblichen Senderstrukturen produziert, sondern auch ausschließlich im Web kapitelweise zugänglich gemacht. Der WDR hat die Hörspiele zum Jahreswechsel gestärkt durch einen prominenten Sendeplatz um 19.05 Uhr an jedem Werktag. Das ist kein Widerspruch, es steckt hinter beiden Überlegungen die Absicht, kostspieliges Programm dort zu präsentieren, wo es potenziell besonders viele Hörer erreicht: in den Hauptsendezeiten des UKW-Programms - und im Netz.

Eine reine Lesung wird Unendlicher Spaß übrigens nicht: Andreas Gerth und Acid Pauli alias Martin Gretschmann haben eine Art unendliche Musik komponiert, die auf der Webseite zu hören ist und bei der Aufnahme einer Sprechpassage mit dieser fusioniert wird. Auch hier spielt also das Zufallsprinzip eine Rolle. Das Spielerische ist wesentlich, was der Ernsthaftigkeit des Stoffes nicht entgegensteht. Er handelt von der Unterhaltungsindustrie, aber dieses Projekt macht die Unterhaltung mit Sicherheit nicht dümmer.