Pressefotopreis Unheimlich berührt

Mit dem von AFP-Fotograf Ronaldo Schemidt dokumentierten brennenden Demonstranten wird erneut ein Schockbild zum World Press Photo des Jahres gewählt.

Von Carolin Gasteiger

Am 3. Mai 2017 dokumentierte AFP-Fotograf Ronaldo Schemidt in Caracas, wie ein Demonstrant gegen die venezolanische Regierung in Flammen aufging.

(Foto: Ronaldo Schemidt/AFP)

Ein Mann steht in Flammen. Vielmehr: Er rennt davon, eine Ziegelmauer entlang, einen Feuerschweif hinter sich herziehend. Die Flammen greifen bereits auf seinen Kopf über, der unter einer Gasmaske steckt.

Ronaldo Schemidt hat das Bild in der venezolanischen Hauptstadt Caracas aufgenommen, wo im Mai 2017 Tausende gegen die demokratiefeindliche Regierung von Präsident Nicolás Maduro auf die Straßen gingen. Auch José Víctor Salazar Balza, der Mann mit der Gasmaske. AFP-Fotograf Schemidt stand nur wenige Meter neben dem 28 Jahre alten Demonstranten, als ein Motorrad der Nationalgarde explodierte und Balza Feuer fing. Nun wurde die Aufnahme zum Pressefoto des Jahres gekürt. Und die Begründung der Juryvorsitzenden Magdalena Herrera klingt ebenso erhaben wie verharmlosend: "Mich überkamen unmittelbar Gefühle."

Mit ihrer Wahl kürt die Jury wieder einmal ein "hartes" Nachrichtenbild und führt damit eine fragwürdige Tradition fort. Wurde im vergangenen Jahr doch ein Pressefoto ausgewählt, das den Moment nach einem Mord dokumentiert. Unter den diesjährigen Finalisten (die zum ersten Mal vorab veröffentlicht wurden) waren thematisch ein Terroranschlag, tote Rohingya-Flüchtlinge, vertriebene Zivilisten im Irak und ein von Boko Haram entführtes Mädchen. Kurz: mal wieder Krisen, Krieg und Katastrophen.

Als einmalige Warnung, wohin Hass, Konflikte und Vertreibung führen können, kann es richtig sein, auch ein grausames Bild zum Pressefoto des Jahres zu küren. Ja, zur Not darf das auch einen Mord zeigen. Wenn allerdings Jahr für Jahr grausame Bilder ausgezeichnet werden, verflüchtigt sich der appellative Effekt eines Bildes und verkommt zum Kriegs- und Krisenvoyeurismus.

José Víctor Salazar Balza überlebte mit Verbrennungen ersten und zweiten Grades. An der Wand hinter dem flüchtenden Balza ist, ganz klein, eine Pistole aufgesprüht. Vor deren Lauf steht das Wort "paz" - Frieden.