Neue "Herzkino"-Reihe Sonderlingin am Sonntag

Dame mit Asperger trifft patente Kleinfamilie: Ella (r.) mit Ben (Maximilian Ehrenreich), Klara (Zora Müller) und Christina (Julia Richter).

(Foto: Stephanie Kulbach/ZDF)

Das ZDF lässt Annette Frier in einer unerwarteten Rolle glänzen: Als Asperger-Patientin "Ella Schön" strukturiert sie den Alltag einer vaterlosen Kleinfamilie - und das auf dem Sendeplatz, auf dem sonst die Idylle regiert.

Von Hans Hoff

Normalerweise ist es gerade im Fernsehen die Aufgabe von Schauspielern, ihr Gesicht als Bühne zu nutzen, auf der ganz viel passiert. Genau deshalb fällt es dann so auf, wenn Schauspieler sich trauen, ihr Mienenspiel einzubetonieren und immer auf die gleiche Art zu gucken - zu wirken wie eine Maschine oder wenigstens wie ein Außerirdischer. Annette Frier schafft das ganz wunderbar in der ersten Folge von Ella Schön, einer kurzen Reihe, die das ZDF in die Rubrik mit dem unfassbar dämlichen Titel "Herzkino" gepackt hat.

Premiere feiert Ella Schön am Sonntagabend auf dem 20.15-Uhr-Termin, wo das Zweite sonst all jene Gemüter einfängt, denen der Tatort zu düster und die abgehangenen Blockbuster bei den Privaten zu krachig sind. Zu dieser Zeit ist man als ZDF-Stammkunde gewöhnt an pilchereske Traumschifferzählungen mit extra viel Groschenromanlogik. Und dann kommt da jetzt so eine positiv Bekloppte wie die Frier daher und wirft alles über den Haufen, was man so weiß über gelernte Sendeplätze.

Nun gut, es ist immer noch "Herzkino". Was bedeutet, dass den Zuschauer pittoreske Drehorte erwarten, an denen in einer Art Margarinereklame-Idylle lauter gut aussehende Menschen leben, die ihr Herz auf dem rechten Fleck haben, aber in ihrer dörflichen Naivität nicht immer so ganz genau wissen, wo der Fleck jetzt gerade liegt. Aber dann schauen sie auf die Gestalten, die neu in ihr Dörfchen gekommen sind, wundern sich, und dann wird mit ein bisschen Bauernschläue munter drauflos integriert.

Die komische Gestalt, die diesmal in das Idyll am Ostseestrand einmarschiert, heißt so wie der Film: Ella Schön. Frau Schön arbeitet normalerweise in Frankfurt, muss aber nun ein geerbtes Haus verkaufen, in dem zu ihrem Leidwesen eine unglaublich patente Kleinfamilie ohne Vater lebt. Die muss da raus, die Familie. Das wäre normalerweise kein Problem, ist es aber im Falle der Titelfigur Ella Schön schon, denn die lebt mit der Diagnose Asperger, kann also mit Gefühlen, die nicht ganz geradeaus angelegt sind, wenig anfangen. Dafür ist sie in der Lage, sehr strukturiert zu denken, Dinge so klar zu regeln, dass sie sich ihr nicht als Unsicherheiten in den Weg stellen.

Man kennt diese Sonderling-Konstellationen aus Rainman, aus der Serie Monk, vom Asperger-Toni aus dem Club der roten Bänder bei Vox. Im Filmkontext sind es stets anders begabte Menschen, deren Schrulligkeit sich allerdings ins Positive drehen lässt, denn irgendetwas können die ja immer, diese Sonderbegabungen. Und wenn man sie nur lange genug mit Gutherzigkeit überschüttet, dann fügen sie sich schon ein in die nach cineastischen Kriterien konzipierte Welt.

Zwischendurch überlegt man wirklich, ob da im ZDF noch "Herzkino" draufstehen kann

So etwas kann leicht zu einem absehbaren Gähnen führen, weil man es halt schon so oft gesehen hat. Aber dann kommt Annette Frier ins Bild und legt die Titelfigur so konsequent blutleer an, dass man zwischendurch schon mal überlegen muss, ob da immer noch der Titel "Herzkino" draufstehen kann. Sie redet so sehr wie ein Roboter, dass der Sohn aus der patenten Kleinfamilie anfangs arg ins Grübeln kommt. "Haben Sie was genommen?", fragt er, und dann guckt Ella so, dass gegen sie R2D2 oder E.T. als Charakterdarsteller durchgehen. Und wenn sie "Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden" runterrattert, ist man für einen Moment geneigt, Amazons Alexa oder Apples Siri für schlauer zu halten als diese Ella Schön.

Spätestens an dem Punkt glaubt man zu wissen, dass diese Rolle auch für Annette Frier eine sehr bedeutsame sein muss. Sie, die sonst entweder diese unerträglich patenten Frauen mit ein wenig Hang zum Komischen spielen muss (Danni Lowinski) oder ins unglaublich Tragische tendiert (Nur eine Handvoll Leben), findet hier mit präziser Darstellung einen erstaunlichen Mittelweg. Sie öffnet einen Raum, nachdem man nie gesucht hat, schon gar nicht auf diesem Sendeplatz.

Das ist trotz aller Brechungen der romantischen Klischees am Ende natürlich immer noch ZDF-Sonntagabendfernsehen mit den voraussehbaren Wendungen. "Die hat zwar 'nen Knall mit ihrem Asperger, aber ich mag sie irgendwie", sagt die Mutter der patenten Kleinfamilie, und natürlich geht am Ende alles gut aus. Für Ella gibt es sogar eine Zukunft an der Ostsee. Muss es ja auch geben, denn am 15. April läuft schließlich schon der zweite Film der Reihe.

Ella Schön: Inselbegabung, ZDF, Sonntag, 20.15 Uhr