"Krautreporter" Das verflixte zweite Jahr

Ein anderer Journalismus muss doch möglich sein: Krautreporter Rico Grimm in der Redaktion in der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Die Portal-Betreiber sind im vergangenen Jahr angetreten, den Online-Journalismus besser zu machen. Nicht alles klappt, wie sie sich das gewünscht hatten - derzeit suchen sie neue Unterstützer.

Von David Denk

Wie radikal und selbstbewusst die Krautreporter klangen. "Der Online-Journalismus ist kaputt", behaupteten sie während der Crowdfunding-Phase im vergangenen Sommer. Und: "Wir kriegen das wieder hin." Auf seiner Plattform zur Reparatur des Journalismus wollte das Team um Sebastian Esser so vieles anders machen: mehr auf die Wünsche der Unterstützer eingehen, weniger auf Klickzahlen achten, wie das sonst in der Online-Medienbranche der Fall ist. Wie oft werden vor allem banale Stoffe geklickt - und die Online-Redaktionen richten sich auch noch auf diese oberflächlichen Affekte ein.

Jetzt ist bald ein Jahr dieses Experiments vergangen. Und, ist der Journalismus nun neu erfunden worden? Nein, sagt Esser, überhaupt sei das doch ein "großes Missverständnis": "Es war nie unser Anspruch, den Online-Journalismus neu zu erfinden." Viele, sagt der Krautreporter-Mitgründer und -Herausgeber, hätten sich nur diese eine sportliche Aussage herausgepickt - und ausgeblendet, worum es ihnen eigentlich immer gegangen sei. Die Krautreporter wollten ungeschriebene Themen recherchieren und aufschreiben. Und sie wollten sich auch strukturell emanzipieren, weg von den Werbekunden, weg von den großen Verlagen - mit einem alternativen Finanzierungsmodell und einem engen Austausch von Autoren und Lesern.

Aber muss man nicht damit rechnen, dass einem das nachhängt, wenn man den Mund so voll nimmt, wenn man sich zu Rettern einer ganzen Branche stilisiert?

Ja, erwidert Esser, "aber das Ausmaß der Häme hat mich schon überrascht."

Im vergangenen Oktober ist Krautreporter gestartet: Mehr als die benötigten 15 000 Unterstützer ermöglichten mit einem Jahresbeitrag von 60 Euro den Betrieb des Online-Magazins für ein Jahr, mittlerweile sind weitere 3000 Mitglieder hinzugekommen. Derzeit werben die Krautreporter bei ihren Mitgliedern um eine Verlängerung und kalkulieren äußerst zurückhaltend: "50 Prozent Ja, 50 Prozent Nein", sei der bisherige Rücklauf. "Ist das jetzt gut oder schlecht?" fragt Esser und beantwortet die Frage gleich selbst: "Ich würde sagen: Es ist normal." Absolute Zahlen will er lieber nicht nennen.

Für das Geschäftsjahr 2016 gehen die Krautreporter von rund 6500 Abonnenten aus, wie aus dem Wirtschaftsplan der neu gegründeten Genossenschaft hervorgeht. Eine "konservative Prognose", sagt Esser, der sich die wirtschaftliche Verantwortung mit Co-Geschäftsführer Philipp Schwörbel teilt. Einem Umsatz von 325 000 Euro stehen Kosten von 365 000 Euro gegenüber. Um den Verlust abzufedern, sollen sich 400 Mitglieder mit mindestens 250 Euro an der Genossenschaft beteiligen. "Ab dem dritten vollen Geschäftsjahr soll die Genossenschaft kostendeckend arbeiten", heißt es im Wirtschaftsplan.

Die Umwandlung in eine Genossenschaft nach dem Vorbild der linksalternativen taz ist eine von zwei wesentlichen Korrekturen am Krautreporter-Konzept. Die zweite bezieht sich auf die Arbeitsorganisation: "Das Experiment Autorenplattform ist leider ziemlich in die Hose gegangen", schrieb Herausgeber Esser im Juni an die Mitglieder. Künftig soll eine von Chefredakteur Alexander von Streit geführte "vielleicht drei, vielleicht fünfköpfige Redaktion, je nachdem, wie viel wir uns leisten können", Textnachschub in verlässlicher Qualität und Quantität garantieren. "Es macht nur Sinn weiterzumachen, wenn wir jeden Tag mindestens einen neuen Beitrag veröffentlichen", sagt Esser. Ursprünglich sollten es drei bis vier sein.

Ein gewisses Grundmurren liegt aber wohl im Wesen eines auf Teilhabe basierenden Projekts

Mit dem Zwiespalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit haben die Krautreporter im ersten Jahr viele Sympathien verspielt - bei Mitgliedern wie Autoren. "Schema-F-Formate, wenig Relevanz, null Brisanz und geringe Vielfalt" bescheinigt die Bloggerin und Abonnentin Meike Lobo den Krautreportern. "Und warum hat man von der Hälfte der angetretenen KR-Journalisten noch nicht einen einzigen Beitrag bei Euch gesehen?" In seiner "Bleibst du Krautreporter?"-Mail musste Herausgeber Esser den Abgang "einiger wichtiger Krautreporter-Autoren" vermelden: Anne Philippi, Richard Gutjahr und Stefan Niggemeier sind künftig nicht mehr dabei. Kein Drama, beschwichtigt Esser: "Das Projekt war immer wichtiger als einzelne Namen." Der Medienjournalist Niggemeier schrieb in seinem Blog: "Krautreporter war und ist ein richtiger Versuch - aber für mich ist er nicht geglückt." Darüber hinaus möchte er sich nicht zu den Gründen äußern.

Im Gegensatz zu einigen Mitstreitern, die sich zusätzlich eine stärkere thematische Fokussierung wünschen, bleibt das "Community-Journalismus-Prinzip" für Herausgeber Esser das entscheidende Differenzierungsmerkmal, aber anders als er sich das ursprünglich vorgestellt hatte: Man sei davon abgekommen, "offene Fragen zu stellen, um Stimmungen zu ertasten", sagt Esser, "denn wir haben das klare Feedback bekommen, dass die Crowd gar nicht ständig mit uns kommunizieren will, sondern das Projekt unterstützt, damit wir als Profis unseren Job machen können."

Esser ist kein Schönredner - aus Prinzip. "Unsere Mitglieder honorieren Offenheit", ist er überzeugt. Daher sei es "Strategie Schwachpunkte anzusprechen". Etwa die fehleranfällige Software Marke Eigenbau oder der Mangel an "geeigneten Kommunikations-Tools", um von der Expertise auch derjenigen zu profitieren, "die nicht von sich aus Beiträge kommentieren". Kommentieren ist bei Krautreporter ein Mitglieder-Privileg, das die schweigende Mehrheit aber genauso wenig nutzt wie das nachträglich eingeführte Forum. Ein gewisses Grundmurren liegt aber wohl auch im Wesen eines auf Teilhabe und Mitbestimmung basierenden Projekts wie Krautreporter. "Es ist total normal, dass man ein paar Kurven nehmen muss, bis man einen Weg findet, der funktioniert", sagt Esser. Auch wenn der Bestand fürs zweite Jahr noch nicht gesichert ist: Unterm Strich sei Krautreporter ein "erfolgreiches Geschäftsmodell" - sowohl wirtschaftlich als auch kulturell: "Ich glaube, dass Krautreporter im deutschen Journalismus atmosphärisch sehr viel verändert hat." Nicht zuletzt dank Krautreporter und der Diskussion darum habe sich herumgesprochen, "dass etwas nicht stimmt zwischen den Lesern und den Journalisten", sie sich voneinander entfernen. Krautreporter möchte die Gegenbewegung sein.

Vielleicht ist - unerhörter Gedanke - Krautreporter ja als Symbol wichtiger denn als publizistische Stimme.