50 Jahre Spiegel-Affäre Der Tag, an dem die Republik erwachte

"In der Redaktion herrschte Beklommenheit. Wir waren jung und nicht so abgebrüht, wie der schnoddrige Ton unseres Blattes glauben machte." Vor 50 Jahren ließ die gereizte Staatsmacht die Redaktion des "Spiegel" besetzen. Unser Autor, 1962 Redakteur des Magazins und Augenzeuge, blickt zurück auf eine Affäre, die das Land veränderte

Von Dieter Wild

Am 26. Oktober 1962 endete die idyllische Zeit der alten Bundesrepublik, und es begann der bis heute größte Polit-Krimi in ihrer Geschichte. In einer jähen Eruption brachen bis dahin verborgene "Tendenzen zu einem Obrigkeitsstaat auf . . . weitgehend ähnlich der wilhelminischen Zeit", so der Philosoph Karl Jaspers, ans Tageslicht.

Spiegel-Chefredakteur Rudolf Augstein (links) verlässt im Februar 1963 in Begleitung seines stellvertretenden Chefredakteurs Conrad Ahlers Karlsruhe.

(Foto: dpa)

An jenem 26. Oktober 1962, kurz nach 21 Uhr, stürmten zunächst acht Beamte der Bonner Sicherungstruppe des Bundeskriminalamts die Redaktion des Spiegel im Hamburger Pressehaus, verstärkt alsbald durch drei Überfallkommandos und 20 Hamburger Polizisten, die per Amtshilfe angefordert worden waren. Sie wiesen dem amtierenden Chefredakteur Claus Jacobi Haftbefehle des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof vor: gegen den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein und den stellvertretenden Chefredakteur Conrad Ahlers, ferner einen Durchsuchungsbefehl für die gesamte Redaktion, alles begründet mit einer unerhörten Beschuldigung: Der Spiegel habe Artikel veröffentlicht, "die sich mit wichtigen Fragen der Landesverteidigung in einer Art und Weise befassten, die den Bestand der Bundesrepublik sowie die Sicherheit und Freiheit des deutschen Volkes gefährdeten".

Also waren wir verdächtig des "Landesverrats, der landesverräterischen Fälschung und der aktiven Bestechung" - die Bestechung, lediglich mit der "Lebenserfahrung" begründet, wurde schon kurz darauf sang- und klanglos wieder fallengelassen. Dass überhaupt wegen Bestechung ermittelt wurde, erklärte der Bundesanwalt Joachim Loesdau damit, dass Überweisungen unter Tarnnamen hätten getätigt sein können, "wie bei Verrätern üblich".

Das Ganze war gezielt auf den Spiegel-Titel vom 8. Oktober, Nr. 41/1962, mit dem Titelbild des Bundeswehr-Generalinspekteurs Friedrich Foertsch und der Überschrift "Bedingt abwehrbereit". Er behandelte die Nato-Übung "Fallex 62", die mit einem für die Bundeswehr schmachvollen Ergebnis geendet hatte: In dem am grünen Tisch durchgespielten Ernstfall eines Konflikts mit dem Warschauer Pakt fehlte es der stets hochgelobten Bundeswehr an allem: an Soldaten, Waffen und Gerät. Sie wäre schon in kürzester Zeit zusammengebrochen - aber 15 Millionen Westdeutsche wären dann schon tot gewesen.

Die USA kannten die schweren Mängel und hatten auf Besserung gedrungen. Doch Verteidigungsminister Franz Josef Strauß hatte andere Pläne: Er wollte eine Offensive des Ostens durch eigene deutsche Atomwaffen stoppen, mit diesen Waffen gar einen vorbeugenden Schlag (preemptive strike) führen, nach der Maßgabe: "Eine Atombombe ist so viel wert wie eine Brigade und außerdem viel billiger."

Arbeit mit Beamten im Rücken

Zu den Bundeswehroffizieren, die Straußens Strategie-Phantasien für hochgefährlich hielten, gehörte der Oberst Alfred Martin, Leiter des Führungsreferats im Führungsstab des Heeres. Aus Gewissensgründen vertraute er sich den Spiegel-Leuten Ahlers und Hans Schmelz an, und diese verarbeiteten Martins Aussagen mit Hunderten anderen Informationen zu einer großen militärpolitischen Analyse, eben der Titel-Geschichte "Fallex 62".

Bei uns in der Redaktion galt der "Fallex"-Titel keineswegs als sensationell, nicht mal als gute Titelgeschichte, sondern als langatmig und nur für Experten verdaulich. Nun aber brachte uns dieser Artikel völlig unerwartet die Polizei ins Haus.

Alle noch anwesenden Redakteure - es war Freitagnacht und Redaktionsschluss - wurden aufgefordert, ihre Räume ohne Mitnahme eines einzigen Blatts Papier sofort zu verlassen. Erst auf den Protest hin, dann werde die nächste Spiegel-Nummer nicht erscheinen können, fanden sich die anwesenden Staatsanwälte bereit, wenigstens einer begrenzten Zahl von Journalisten die Weiterarbeit an der fertigzustellenden neuen Ausgabe zu gestatten - mit jeweils einem Beamten im Rücken.

Sie beschlagnahmten 30.000 Blatt

Sie alle unterstanden dem Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback, dem später von der RAF ermordeten Generalbundesanwalt, der im Gegenzug für die großzügig erlaubte begrenzte Weiterarbeit die Vorlage aller Druckfahnen der für die neue Ausgabe vorgesehenen Artikel verlangte. Die Bundesanwaltschaft, bis dahin vorwiegend mit der Jagd auf kleine kommunistische Spione befasst, hatte aber die Größe eines Pressebetriebs wie den des Spiegel total unterschätzt. In sieben Stockwerken sollten 170 Räume durchsucht werden, insgesamt 2900 Quadratmeter. Dort war der Inhalt von 17.000 Leitzordnern und 4000 Schnellheftern, insgesamt 5,5 Millionen Blatt Papier, zu lesen. Immerhin 30.000 Blatt schienen den Staatsschützern so verdächtig zu sein, dass sie diese beschlagnahmten, darunter auffällig viele, die sich mit Strauß beschäftigten.

Beschlagnahmt wurden auch sämtliche Schreibmaschinen - man müsse Schriftvergleiche anstellen können, hieß es. In der Telefon- und Fernschreibzentrale saßen Polizisten. Sie mussten sich in den nächsten Tagen beleidigende Anrufe anhören wie "Gestapo!" oder auch Blödeleien wie: "Hier Augstein, ich bin bei meinem Freund Strauß, wir haben uns wieder vertragen. Sie können abziehen."