Im Radio Federleicht

Was geschieht, wenn die Zärtlichkeit verlischt? Zum Roman "Die blinde Eule" des iranischen Schriftstellers Sadeqgh Hedayat gibt es nun ein Hörspiel - eine große Halluzination über eine gequälte Seele.

Von Stefan Fischer

Der Mann, der keinen Namen trägt, sehnt sich nach Schönheit und nach Zärtlichkeit. Sein Beruf ist es, Federkästen zu bemalen. Aber wer braucht noch Federkästen? So stirbt die Schönheit aus vor seinen Augen, der Ekel vor der Welt wird immer größer. Alle Zärtlichkeit verendet in ihm, als würde "Lepra an der Seele nagen". Der Mann, der nicht mehr lieben kann und sich nicht mehr geliebt fühlt - er tötet, angefüllt von Selbsthass und Traurigkeit, seine Frau.

Der iranische Schriftsteller Sadegh Hedayat hat diese verstörende Szene im Roman Die blinde Eule von 1936 als pervertierten Liebesakt erzählt, aus Sicht des Ich-Erzählers, der in einem Delirium steckt, verursacht durch Drogen und die Zumutungen der Welt. Es gilt nun, die Leiche zu beseitigen. Dafür steigt er hinab in ein selbsterschaffenes Totenreich, eine Welt aus Ängsten und Traumbildern. Es gibt keine Gewähr in dieser Geschichte, was an ihr wahrhaftig sein könnte. Mal ist der Mörder klar, dann wieder halluziniert er. Erzählt im Monolog, dem Faktischen enthoben, mal sehr lyrisch, dann wieder essayistisch. Sebastian Rudolph spricht in Iris Drögekamps Hörspieladaption zart und doch bestimmt, sodass man seine Figur nicht ohne Weiteres als Wahnsinnigen abtun kann.

Der Autor Sadegh Hedayat selbst litt darunter, dass sein Werk zeitlebens nicht gewürdigt wurde. In seiner Heimat hat man ihn angefeindet und marginalisiert. Iris Drögekamp und die Komponistin Martina Eisenreich lassen ihm 67 Jahre nach seinem Tod Gerechtigkeit widerfahren. Sie bringen Die blinde Eule zum Fliegen, federleicht hebt sie sich hinweg über alle Erdenschwere; das Hörspiel wird zur Halluzination über eine gequälte Seele. Aber das bedeutet nicht, dass solche Schicksale nicht existieren würden.

Die blinde Eule, NDR Kultur, 20 Uhr.