Hightech-Dokus Schöner als schön

Minihelikopter statt Männer in Parkas, darauf setzen Dokus wie Abenteuer Erde: Die fantastische Reise der Vögel.

(Foto: WDR/BBC/John Downer Productions/Christian Moullec)

Zu Zeiten von Heinz Sielmann waren Tierdokus brave Appelle an den Artenschutz. Diese Woche wäre der Biologe 100 Jahre alt geworden. Die Filme von heute zeigen dagegen eine Natur voller Action.

Von Viola Schenz

Die Natur ist ein wilder Ort. Es wird gejagt, geflohen, getäuscht, getötet, gerammelt, gestorben, gefressen. Löwe reißt Gazelle, Orka fällt über Babywal her, Spinnenweibchen vernascht Spinnenmännchen. Ohne Spektakel kommt keine abendliche Tier-TV-Dokumentation mehr aus, entsprechend lauten die Titel: Wildes Neuseeland - Kampf ums Paradies (ARD), Im Auge des Löwen (BR), Auf Leben und Tod (ARD), Die große Jagd (Phoenix). Wer einschaltet, gibt sich einem Bilderrausch hin: galoppierende Gnus von oben, schwimmende Elefanten von unten, ferngesteuerte Endoskopkameras in Erdhöhlen, Felsspalten und Baumwipfeln, perfekte Nahaufnahmen dank Spezialteleobjektiven, Zeitraffern, Minihelikoptern und neuerdings natürlich Drohnen. Spinnen schießen Fäden über Flüsse, Mohnkapseln explodieren in Zeitlupe, Grottenolme gebären in tiefster Finsternis. Moderne Naturfilme sind Krimi und Drama zugleich.

Wer diese Filme sieht, merkt, wie lange es her ist, dass Heinz Sielmann in beigem Parka und grünen Gummistiefeln in heimischer Au minutenlang bewegungslos in nasalem Singsang über Flussbegradigungen referierte. Sielmann würde am 2. Juni 100 Jahre alt (der NDR sendet am 7. Juni eine Doku über ihn). Der Biologe hat die deutsche Tierdoku geprägt wie vor ihm nur Bernhard Grzimek (Ein Platz für Tiere), er machte Natur und Naturschutz fernsehtauglich. Seine Expeditionen ins Tierreich (ARD) moderierte er von 1965 bis 1991.

Naturdokus waren damals: schöne Bilder von Fauna und Flora, präsentiert von einem älteren Herrn, meist Zoologe oder Biologe, der die Natur liebt und erklärt und zu ihrem Schutz aufruft. David Attenborough von der BBC hat hier Maßstäbe gesetzt, auch für Grzimek (1909 bis 1987) und Sielmann. Für das Fernsehen von heute scheinen aber andere Regeln zu gelten.

Jörn Röver hat in gewisser Weise Sielmanns Erbe angetreten. Der Biologe, Journalist und Attenborough-Verehrer ist Geschäftsführer der Hamburger Produktionsfirma Doclights, die sich unter anderem auf Tierdokus spezialisiert. Die Filme sind Grundlage der NDR-Traditionsreihe Expeditionen ins Tierreich und von Erlebnis Erde im Ersten. "Natürlich sind viele Zuschauer begeistert von den neuen Techniken und Sichtweisen", sagt der 51-Jährige. Minihelikopter statt beiger Parka.

Löwen schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. Im Fernsehen aber jagen sie den ganzen Tag Gazellen

Doch verzerren diese neuen Sichtweisen nicht die Natur? Nehmen sie ihr nicht gerade die Natürlichkeit? Immer spektakulärere Drehs bilden eine Tierwelt ab, die so nicht existiert - die gar nicht so aufregend ist. Die Löwen zum Beispiel. Sie schlafen bis zu zwanzig Stunden am Tag. Doch in einer typischen Tierdoku jagen sie ständig Gazellen oder Gnus, als ob sie das dauernd täten. Wird hier das Löwenleben zur Action verfälscht? "Das ganze Fernsehen basiert auf diesem Effekt", erklärt Röver, "Krimis vermitteln den Eindruck, der Kommissar hat einen Schusswechsel nach dem anderen, in Wirklichkeit verbringen sie viel Zeit mit Schreibtischarbeit. Auch Tierfilme sind eine Konzentration auf die spannenden Momente."

Die technische Perfektion macht es möglich, und manche greifen zu weiteren Tricks. Es werde immer wieder mit dressierten oder zahmen Tieren gearbeitet, kritisiert der Tierfilmer Hans Schweiger die Branche, "und dann mit dem Computer poliert". Andreas Kieling etwa geriet in die Kritik, als herauskam, dass er in der ZDF-Dokumentation Kielings wildes Deutschland, Wolfshunde als Wölfe ausgab. Darf es solche redaktionellen Eingriffe geben? "Durch den Technikwandel tendieren Redakteure zu High-End-Filmen mit Hochglanzbildern. Wir haben das abgelehnt und gelten deswegen als Saurier", sagt Schweiger. "Aber auch das wird sich abnutzen. Nur schöne Bilder zeigen reicht nicht, man braucht eine gute Story."

Schweiger, 67, war mit seinem gleichaltrigen Kollegen Ernst Arendt schon zu Zeiten von Grzimeks Ein Platz für Tiere als Filmer aktiv. 40 Jahre lang haben sie für die ARD die Reihe Tiere vor der Kamera gedreht. Sie gelten als Traditionalisten, Kritiker warfen ihnen auch mal vor, man sehe sie die Hälfte der Filme nur rumfahren oder campen. Vergangenes Jahr war Schluss. Der BR dürfe keine Filme mehr kaufen von Personen, die älter als 65 sind, habe es geheißen. Der 91 Jahre alte, noch aktive Sir David Attenborough würde da wohl verwundert das Haupt schütteln.

Bis auf die öffentlich-rechtliche Altersbeschränkung scheint im Tier-TV allerdings alles erlaubt zu sein - und für die Bedürfnisse jeder Zuschauergruppe ist gesorgt. Das norwegische Slow TV zum Beispiel zeigt tagelang Rentiere bei ihrer Migration durch Lappland, Millionen schalten ein - Natur als Meditation. Aber auch das deutsche Fernsehen bietet Tiere für jeden Geschmack. Für all jene, die es gerne niedlich haben, laufen Sendungen wie Elefant, Tiger & Co. oder Nashorn, Zebra & Co., nachmittags in den ARD-Programmen. Sie spielen im Zoo, wo weder gejagt noch getötet wird, stattdessen kümmern sich Pfleger rührend um ihre Lieblinge, und die Oma mit dem kleinen Enkel schaut zu.

Das andere Extrem sind die spektakulären Sendungen am Abend, speziell für das jungmännliche Publikum auch mit einem gefahrensuchenden "Presenter" wie Andreas Kieling (ZDF), der mit Haien taucht oder sich von Gorillaweibchen umarmen lässt. Die sieben Millionen Zuschauer für Tierdokus bei Sielmanns Erstsendung 1965 oder die 13 Millionen seines Films vom November 1985 sind passé, inzwischen schwankt die Zahl bei den Abendsendungen von ARD und ZDF zwischen knapp drei und fünf Millionen. Das liegt natürlich auch daran, dass es mehr Wettbewerb gibt, mehr Sparten- und Dokusender mit Naturfilmen, von Arte, 3sat und Phoenix über Pro Sieben Maxx, Kabel Eins Doku bis zu N24 Doku oder National Geographic. Die Zuschauer verteilen sich.

Tierdokus haben einen großen Vorteil: Sie sind auf keine bestimmte Sprache angewiesen, also universal einsetzbar. Das erleichtert ihre Finanzierung. Ohne internationale Partner und ohne Weiterverkauf in andere Länder wären Drehs, bei denen ein Kamerateam gerne auch mal 200 Tage und mehr für einen 45-minütigen Film unterwegs ist, nicht möglich. Und so besteht ein Gutteil von Jörn Rövers Arbeit darin, Koproduktionen einzufädeln, den ORF, Arte, japanische und russische Sender ins Boot zu holen, oder eben die BBC und National Geographic.

Warum haben Tierdokus überhaupt nach wie vor Konjunktur? Wurde die Szene "Gepard jagt Antilope" oder "Pinguin watschelt übers Eis" nicht schon x-mal gefilmt, gesendet, gesehen? "Tiere beobachten ist sicherlich die älteste Form der menschlichen Unterhaltung", sagt Hans Schweiger, "das haben schon unsere Vorfahren in der Steinzeit gemacht: beobachten und jagen. Nur so überlebten sie." Heute tun sie das eben vom Sofa aus.