Hamburger Branchentreffen Reich an Ideen

Schön aussehen allein reicht vielen Ausstellern auf der Indiecon nicht mehr. Ihre Magazine sollen auch inhaltlich relevant sein. Ein Messe-Rundgang.

Von Silke Burmester

Wenn Opa vom Krieg erzählt, dann klingen die Zustände himmlisch. Jedenfalls, wenn der Opa Markus Peichl ist und von seiner Zeit als Tempo-Chefredakteur berichtet: "Das Tolle war, dass mir nie irgendwelche Schranken gesetzt wurden. Es gab nie, nicht ein einziges Mal, eine Vorschrift." Das Auditorium, das diese Worte am vergangenen Wochenende hörte, kennt auch keine Vorschriften. Es sind die Macher von Independent-Magazinen, die sich in Hamburg zur dritten "Indiecon" trafen. Einem Festival, das unabhängige Zeitschriften feiert. Doch die Ausnahmestellung, die Peichl genossen hat, ist klar, schließlich war Tempo alles andere als unabhängig, sondern erschien im Jahreszeiten-Verlag, Teil der Ganske-Verlagsgruppe, der mit Publikationen wie Für Sie, Petra und Der Feinschmecker schon vor 30 Jahren als angepasst zu bezeichnen war.

Den Organisatoren ist das Miteinander so wichtig, dass sie die Messe bewusst kleinhalten

Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland sind angereist, um ihre Hefte zu präsentieren, Relevantes aus den Vorträgen zu saugen - wie einen bestens organisierten Vertrieb übers Smartphone in China - und vor allem, um sich auszutauschen. Die Selbstorganisation über das Internet, die günstigen Möglichkeiten der Herstellung und vor allem die Erreichbarkeit der Zielgruppe über das Netz haben die Hürde des Blattmachens auf Gänseblümchen-Höhe abgesenkt und die Leser profitieren von einer Szene, die - anders als die etablierten Verlage - angstfrei Neues ausprobiert und künstlerisch neue Richtungen aufzeigt. Ob Das Buch als Magazin, das Klassikern wie "Heidi" und "Faust" "Geschichten aus der Gegenwart, die dazu passen" zur Seite stellt, das Magazine For Contemporary Drawing, das Kulturmagazin Elephant oder das Fotoheft Vorn des Modefotografen Joachim Baldauf - der Markt begeistert sich an den Blüten, die anscheinend nur noch an den Rändern des Mainstreams leuchten können: lange Texte, stilistische Experimente, der besondere Blick. Oder an einem Verständnis von Journalismus, dem die Absicht, Gesellschaft zu gestalten innewohnt, statt sie nur abzubilden.

Eine der Blattmacherinnen ist Ricarda Messner, die vor drei Jahren mit dem Launch von Flaneur Aufmerksamkeit, Anerkennung und Auszeichnungen gewonnen hat. Das Konzept: Flaneur widmet sich einer einzigen Straße. Berlin, Montreal, im Oktober wird die sechste Ausgabe "Moskau" porträtieren, Auflage: 6000 Exemplare. Auf der Indiecon präsentiert die 26-Jährige ihre neuestes Idee: Sofa. Ein trashig anmutendes, englischsprachiges Heft für junge Frauen mit dem Slogan "Life is A Chatroom", angelegt zwischen dem feministischen Ausdruck eines Missy Magazins und dem grafischen Overkill von Bravo. Messners Ambitionen für Sofa (Auflage: 10.000) belegen die Ernsthaftigkeit, mit der die meist jungen Blattmacher an die Arbeit gehen: "Der Indiemarkt hat in den letzten Jahren sehr stark versucht, zu zeigen, Print ist nicht tot. Mit sehr aufwendigen Produktionen, gutem Papier und Sonderformaten. Ich hatte jetzt Lust, zu gucken, ist da eine Marge?" Schließlich will sie davon leben.

Gleichzeitig zeugt das Vorgehen von einer pragmatischen Berührungslust mit der Industrie, die auch den großen Verlagen nicht mehr fremd ist: Im November, so plant Messner, wird in einem New Yorker Kunst- und Kulturzentrum die Reihe "Sofa-Talk" stattfinden. Eines der Themen: Frauen und Gaming. Denn nicht nur im Programm der Indiecon spielen Frauen kaum eine Rolle, auch die Hersteller von Computerspielen interessieren sich nicht besonders für sie, obwohl ein großer Teil der Spieler weiblich sei, wie Messner sagt. Die Blattmacherin, für die das Heft nur ein Teil des "Sofa-Universums" ist, kann sich vorstellen, sich "mit Marken zusammen zu tun, die unterstützen, dass man andere Games produziert".

Malte Brenneisen, Mitorganisator der Indiecon, beobachtet einen Wandel der Szene hin zu mehr Inhalt. Zwar gäbe es immer noch genügend Hefte, die rund um Lifestyle kreisen, doch versuchen er und seine Mitstreiter mit der Auswahl der Teilnehmer jenen ein Forum zu geben, "die inhaltlich was wollen", wie der 30-Jährige sagt. Etwa den Machern von Froh!, die für ihre aktuelle Ausgabe den Autor Ben Knight nach Utah schickten, um über Bewohner zu berichten, die im wahrsten Sinne des Wortes versuchen, der NSA für den größten zu errichtenden Datenspeicher der Welt das Wasser abzudrehen. Oder die in Kooperation mit dem Deutschen Volkshochschulverband International und dem Auswärtigen Amt dabei sind, mit Türken und Armeniern ein Magazin zum Genozid an den Armeniern zu erstellen.

Es wäre ein Leichtes, die Indiecon aus der hübschen Villa am Alsterufer herauszuholen und größer zu machen. Doch den Organisatoren, die als Agentur "Die Brüder" selbst publizistisch tätig sind (Gentle Rain), ist das Miteinander wichtig. Brenneisen geht es darum, die Leute in Kontakt zu bringen, statt die Veranstaltung sich in Größe verlieren zu lassen. Ein Grund, die Preise (Teilnahme ab 100 Euro) niedrig zu halten: "Erhöhen wir die, haben wir nur noch die Verlagsleute hier, die das aus den Marketingtöpfen bezahlen, aber nicht mehr die, um die es uns geht."

Ausgerechnet die biedere Ganske- Verlagsgruppe unterstützt das Indie-Magazine-Happening

"Die Brüder" und ihre diversen Freunde, die ehrenamtlich ihre Zeit für die Organisation der Indiecon opfern, profitieren bei der Finanzierung von der Bigotterie der Verlagsbranche: Neben Unterstützung durch die Kreativ Gesellschaft Hamburg ist es vor allem die Ganske-Verlagsgruppe, die das Happening ermöglicht, indem sie ihre "Heine-Villa" zur Verfügung stellt und Geld gibt. Ein Medienhaus, das mit dem Jahreszeiten-Verlag vor gut 15 Jahren eines der ersten war, dass Journalismus zur "Ware" umdefinierte, indem es den ehemaligen Marmeladen-Verkäufer Jörg Hausendorf zum Geschäftsführer machte. Und doch wird im Gespräch mit Peter Rensmann, Geschäftsführer Marketing und Sales, deutlich, wie sehr es dem Haus ein Anliegen ist, die unangepasste Szene zu unterstützen. Rensmann selbst ist an den Indiecon-Wochenenden mitunter bis drei Uhr nachts zugegen, und er ist das gern. Einen Widerspruch zwischen dem Engagement und dem eigenen biederen Verlagsportfolio will er nicht gelten lassen. Vielleicht muss man es in die Reihe des Engagements von Verleger Thomas Ganske einordnen, der entgegen aller wirtschaftlicher Vernunft über Jahre neben dem konservativen Verlagsprogramm die überaus ambitionierte, immer aber defizitäre Wochenzeitung Die Woche am Leben hielt.

Die Hoffnung auf das Gute muss man nicht aufgeben: Auf die Frage, ob es nicht als Verlag reizvoll wäre, auch mal wieder ein Heft zu machen, das etwas anderes ist als das nächste Lifestyle-Magazin, antwortet Rensmann unumwunden: "Ja, auch das!"

Weitere Informationen: indienet.de