Fernsehserien Injektionen aus Nahost

Lior Raz, Erfinder und Hauptdarsteller von Fauda, war selbst mal Agent.

(Foto: Yes)

"In Treatment", "Homeland" und bald vielleicht "Fauda": Warum ausgerechnet das kleine Land Israel die USA zu so vielen Serien-Remakes inspiriert.

Von Ronen Steinke

Die Titelmusik ist arabisch, schwermütig, wütend. Die allermeisten Dialoge auch. Und die Darsteller? Zum großen Teil Palästinenser. Die neue Fernsehserie, die Israels Zuschauer in Bann hält wie keine zuvor, bricht in so ziemlich jeder Hinsicht aus der Entertainment-Komfortzone dieses kleinen Landes aus. Sie zeigt Hamas-Terroristen als Familienväter, mit rebellischen Kindern, eifersüchtigen Kollegen, klügeren Ehefrauen, und das alles so facetten- und konfliktreich wie einst der Mob von New Jersey in The Sopranos.

Schwer erträglich für Israelis? Und wie. Im israelischen Privatsender Yes, der sonst vor allem HBO- und andere US-Produktionen ausstrahlt, hat die neue Serie Fauda trotzdem alle anderen überflügelt, 60 Prozent der Zuschauer schalteten ein, während Game of Thrones und House of Cards, die in Israel begeisterte Anhänger haben, nur auf 31 beziehungsweise acht Prozent kommen. Die Kritik überschlägt sich mit Lob.

Fernsehmacher beobachten den erstaunlichen Markt Israel schon lange. Von hier kam die Ur-Idee für den US-Erfolg Homeland, auch viele weitere Serien gingen von hier aus um die Welt. Gerade adaptiert HBO die israelische Geschichte eines Psychiaters, der seinen Patienten geheime Wünsche erfüllt (House of Wishes); die BBC adaptiert eine Fernsehserie über eine Familie, deren Fünfjähriger die Diagnose Autismus erhält (The A Word); und Allenby, eine israelische Serie über das Sex-Gewerbe in der Tel Aviver Allenby Street, bekommt ein Remake in Brasilien.

Das geht schon seit ein paar Jahren so. Bereits 2005 empfing der Psychotherapeut Reuven Dagan seine Patienten in Tel Aviv, die Serie hieß Betipul ("In Behandlung") und sie war nicht nur aufgrund ihrer Erzählstruktur einzigartig - jede Folge eine Therapiesitzung in Echtzeit -, sondern auch aufgrund der tiefgründigen Reflexion des Therapie-Themas. Drei Jahre später verpflanzte HBO all das nach Maryland, ohne Dagans löchrige Jeans zwar, aber sonst originalgetreu. In Treatment mit Gabriel Byrne in der Hauptrolle gewann Emmys und Golden Globes.

Manche glauben, der Erfolg der israelischen Formate liege in der Kultur begründet. "Wir sind nicht gut in Olympischen Spielen oder Fußball, aber wir sind gut im Geschichtenerzählen", glaubt etwa der israelische Produzent Avi Armoza. Andere erklären den Erfolg mit der politischen Lage: Das ständige Leben auf Messers Schneide gebe den Menschen viel zu erzählen. An staatlicher Förderung jedenfalls kann es nicht liegen; die Medienlandschaft Israels ist ein harter Kampfplatz.

Beim Vergleich zwischen den israelischen Originalen und den US-Erfolgen, die daraus geworden sind, fällt inzwischen eine Art Wechselwirkung auf: Was die US-Produzenten den Originalen an Ingredienzien hinzufügten, das kommt als kreativer Impuls zurück ins Ursprungsland.

Das düstere israelische Drama Hatufim ("Gefangene") aus dem Jahr 2010 ist ein gutes Beispiel dafür. Es erzählt von der plötzlichen Rückkehr zweier israelischer Soldaten aus langjähriger Gefangenschaft bei der Hamas. Die Serie ist langsamer, stiller, zielt weit mehr aufs Zwischenmenschliche als das, was ein weltweites Publikum von 2011 an im US-Remake Homeland kennengelernt hat. Wie gut das israelische Original ist, haben deutsche Zuschauer bei Arte sehen können. Der Sender hat die bislang zwei Staffeln synchronisiert.

Aber erst die Amerikaner injizierten der Kriegsgefangenen-Serie eine heftige Dosis Adrenalin, Politik und Romantik: Die von Claire Danes gespielte Gegenspielerin zum traumatisierten Ex-Kriegsgefangenen ist eine Schöpfung des Senders Showtime. Auch ihre pulstreibende Jagd nach einer islamistischen Schläferzelle gab es im israelischen Original noch nicht.

In Israel ist seither der Mut gewachsen, politischer zu werden. Auf der Berlinale hatte False Flag Premiere, die Serie handelt von einer Mossad-Aktion in Iran. Die Rechte für ein US-Remake hat sich Fox International schon gesichert. Die Serie Fauda, deren erste Staffel gerade zu Ende gegangen ist, bildet für diese Entwicklung möglicherweise das beste Beispiel. Vielleicht werden die Hamas-Sopranos das nächste erzählerische Wagnis sein, das ein Publikum auch weltweit fesselt, fünf Jahre nach dem Start von Homeland.

Die Serie begleitet eine Spezialeinheit der israelischen Armee: Offiziere, die akzentfrei Arabisch sprechen und sich unbemerkt in die besetzten Palästinensergebiete schleichen. Getarnt als Zivilisten, Militante oder sogar als palästinensische Sicherheitsleute. Sie verbringen Jahre damit, sich Umgangsformen und Stil der Gegner anzueignen, in Israels Militär werden sie dafür bewundert. Aber auch misstrauisch beäugt. Denn ihr Verhältnis zur Welt der anderen ist kompliziert. Um die Gegner erfolgreich infiltrieren zu können, genügt es nicht, sie zu kennen. Man muss auch lernen, sie zu lieben; davon erzählt Fauda. Auch der Titel der Serie ist arabisch. Er bedeutet: Ein Durcheinander.

Der Erzählstil ist im Vergleich zu Homeland wieder eher ruhig. Die Serie ist nicht so durchgetaktet und effizient, nicht jede Begegnung treibt die Handlung voran. Die Israelis erzählen noch immer leicht verschwenderisch. Manche Szenen sind nur Beobachtungen, erratisch, skurril. Der palästinensische Taxifahrer etwa darf einen Dada-Monolog à la Tarantino über Zigaretten-Entwöhnung führen. Der israelische Verhör-Spezialist darf mittendrin Telefonate mit seinem Sohn führen, mit landestypisch überbordender Kinderliebe. "Reis und Lamm sind im Kühlschrank. Wärm es dir auf, mein Hübscher. Den Reis in der Mikrowelle, aber das Lamm auf keinen Fall." Und klar ist es beängstigend, wie der Hamas-Kommandeur Abu Ahmad Kollaborateure tötet. Aber die Kamera bleibt eben auch dabei, wenn er anschließend zitternd einen Schokoriegel herunterschlingt.

Der Blick auf beide Seiten im Anti-Terror-Kampf, auf die Deformation, welche die Feinde einander langsam ähnlicher werden lässt - diesen Schritt sind die amerikanischen Homeland-Macher noch nicht gegangen. Beim Blick herüber zu den Kollegen in Tel Aviv könnten sie auf Ideen kommen.