Der Fall Bernd Lammel Geschichte eines Verdachts

Ein Journalistenvertreter soll für die Stasi gespitzelt haben. Klare Beweise fehlen. Sein Verband stützt ihn, wittert eine Kampagne. Die RBB-Autorin, die die Vorwürfe erhoben hat, widerspricht.

Von Jens Schneider

Der Verband reagierte aufgeschreckt: wieder ein Stasi-Verdacht. Schnell gab es den Wunsch nach Konsequenzen. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands forderte den Vorsitzenden des DJV Berlin, Bernd Lammel, auf, sein Amt ruhen zu lassen. Damit reagierte er auf einen Bericht der Abendschau des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), wonach Lammel jahrelang gespitzelt habe: "Diese Vorwürfe müssen lückenlos aufgeklärt werden."

Das war vor drei Monaten. Am Mittwoch traf sich der DJV Berlin zur Mitgliederversammlung. Ihr Vorsitzender heißt auch danach weiter Lammel. Es ist der Zwischenstand einer Geschichte, die ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang der DDR dokumentiert, dass bis heute das Instrumentarium für einen angemessenen Umgang mit dem Ruch der Spitzelei fehlt.

Der RBB berichtete im September, dass der freiberufliche Fotojournalist seit 1984 Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen sein soll. Die Autorin Gabi Probst präsentierte Akten, er soll den Decknamen "IM Michael" getragen haben. Der Bericht fiel auf fruchtbaren Boden, gerade war in Sachsen-Anhalt der halbe Vorstand wegen Stasi-Zuarbeit zurückgetreten. Später wurde bekannt, dass die Akte dem RBB schon fünf Jahre vorlag.

Lammel war vor der Sendung mit den Vorwürfen konfrontiert worden. Er bestritt die Stasi-Mitarbeit. Ein längeres Gespräch sagte er zunächst zu, dann wieder ab. Auch in den Tagen danach äußerte er sich nicht. Er wollte erst die Unterlagen kennen. Heute redet er ausführlich, will sich erklären. Ihn treibt die Anschuldigung um, es ist ein schwerer Verdacht. Aus dem Vorstand des DJV ist zu hören, dass die Sache für Lammel schnell Folgen hatte, eine Woche nach der Veröffentlichung habe ihm der erste Kunde gekündigt.

"Ich versichere Ihnen, dass ich nicht wissentlich als IM für das MfS gearbeitet habe." Er biete jedem Kollegen an, die Unterlagen einzusehen, und habe viele individuelle Anfragen beantwortet: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen." Der Fall ist kompliziert. Eine Verpflichtungserklärung Lammels gibt es nicht. Offenkundig war die Stasi an ihm interessiert. Die Akten enthalten aber keine von ihm verfassten Berichte.

Seine Kollegen im Vorstand des DJV Berlin haben das Material intensiv gelesen, zudem erfahrene Juristen und ein Historiker, sagt Vorstandsmitglied Jens Schrader. Der Vorstand kam zum Fazit, dass es keine Belege für Denunziation gebe. Er spricht von diffamierender Berichterstattung auf dürftiger Grundlage und vermutet andere Motive. Es sei darum gegangen, Lammel und den Verband in Verruf zu bringen. In Berlin gibt es drei zerstrittene Journalistenverbände. In Gesprächen über den Fall wird das schnell angesprochen, von persönlichen Interessen ist die Rede.

Wenn in den letzten 25 Jahren ein Stasi-Verdacht ans Licht kam, spielten oft im Hintergrund aktuelle Motive eine Rolle. Zurück bleibt der konkrete Fall. Der DJV Berlin sucht einen Historiker, der die Unterlagen ergebnisoffen bewerten könnte. Auf der nicht-öffentlichen Mitgliederversammlung wurde intensiv diskutiert, aber niemand habe etwa den Rücktritt Lammels gefordert, heißt es. Es sei Kritik an der Berichterstattung des RBB laut geworden. Von einer Kampagne ist die Rede.

Gabi Probst steht zu ihrem Bericht. "Ich verfolge keine Kampagne", sagt sie. Es sei abwegig, andere Hintergründe zu vermuten. "Ich hätte Herrn Lammel gern Nachfragen gestellt, er hat abgesagt." Probst will sich erst wieder darum kümmern, wenn es Neues gibt. Mal eine Gemeinsamkeit: "Wir sagen so lange nichts, bis es etwas Neues zu sagen gibt", sagt Vorstand Schrader.

Der DJV-Bundesvorstand hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe empfohlen, dass seine Verantwortlichen auf allen Ebenen bei der Stasi-Unterlagenbehörde Auskunft über mögliche Akten verlangen sollen - egal, ob sie aus dem Westen oder aus dem Osten stammen. Das wollen nicht alle. In Ost und West.