Baller-"Tatort" Wahnsinn mit Tschiller

Russen überfallen die "Tagesschau". Nur Til Schweiger kann Judith Rakers retten. Der NDR stellt seine seriöse Nachrichten-Marke dafür bereitwillig zur Verfügung.

Von Katharina Riehl

An einem Fernsehabend wie dem vergangenen Sonntag finden sich beim Kurznachrichtendienst Twitter immer ein paar hübsche Zusammenfassungen der Dinge, zum Beispiel diese hier: "Überfall auf Studio der @tagesschau - so langsam könnten Sie den #Tatort mal unterbrechen."

Am Sonntagabend sollte sich in der ARD die Fiktion mit der Realität vermischen, der Tatort sich an einer Spur Orson Welles versuchen. Der hatte einst im Radio vom Krieg der Welten berichtet und damit angeblich eine Massenpanik ausgelöst. In der ARD wurde Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers samt Redaktion von vermummten Schwerverbrechern mit sehr schlechtem russischen Akzent in Geiselhaft genommen und konnte erst mit Hilfe des großen Baller-Kommissars Nick Tschiller (Til Schweiger) befreit werden.

Was da im Ersten Deutschen Fernsehen stattfand, war in vielerlei Hinsicht großer öffentlich-rechtlicher Wahnsinn, auch weil man inzwischen weiß, wie die Sache ursprünglich geplant war. Eigentlich sollten die beiden Schweiger-Tatorte früher gezeigt werden, nach den Anschlägen von Paris wurden sie verschoben. Angedacht war damals, dass Judith Rakers die echte Tagesschau von 20 Uhr bis 20.15 Uhr moderieren sollte, danach wäre ein Schwarzbild gesendet worden, und dann - ohne Tatort-Vorspann - die Entführungsszene in der Tagesschau, aber laut NDR "mit einem "Tatort-Logo deutlich gekennzeichnet".

Nach Paris jedoch sei diese Idee nicht mehr vertretbar, heißt es beim Sender. "Wir wollten die Zuschauer nicht verunsichern. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, den Tatort mit Vorspann zu zeigen." Geklärt wäre nun zumindest, warum der NDR sich strikt geweigert hat, den zweiten Teil der Presse zu zeigen - der Überraschungseffekt wäre hinüber gewesen.

Das alles ist schon ziemlich irre, schließlich ist die Tagesschau die größte Marke des Senderverbundes, für sehr viele Menschen der Inbegriff gebührenfinanzierter Verlässlichkeit; die Tagesschau ist ja oftmals fast ulkig spröde, gerade weil man sehr ernsthaft sein will. Außer eben, wenn Til Schweiger und die Russen kommen.

Ohne Geiselnahme im Studio wäre die Aufmerksamkeit für den Film nur halb so groß gewesen

Will man bei der ARD erfahren, wie es zu der Idee kam, antwortet die Pressestelle des NDR: Im Drehbuch sei nun mal die Geiselnahme in einer Nachrichtensendung in Hamburg gestanden; da wäre es unglaubwürdig gewesen, eine Nachrichtensendung zu erfinden. Das kann man so oder so sehen, auf jeden Fall sollen im NDR einige Mitarbeiter von der Information alles andere als begeistert gewesen sein. Laut NDR war ARD aktuell nicht an der Entstehung beteiligt. Wahr ist aber auch, dass die Aufmerksamkeit für den Film mit einer erfundenen Redaktion nicht halb so groß gewesen wäre. Und Aufmerksamkeit mögen sie beim NDR, wo man ja auch berühmte Sänger für Gesangswettbewerbe verpflichtet, auch wenn diese zuletzt vor allem mit Verschwörungstheorien aufgefallen sind. Dazu passt, das Judith Rakers ausgerechnet von Thomas Schreiber - dem ARD-Unterhaltungskoordinator vom NDR, der auch schon die Naidoo-Personalie erdacht hatte - für den absurden Tatort-Auftritt angefragt worden ist, wie sie in Bild sagte. Ein Problem für die Tagesschau will keiner sehen: "Die Tagesschau war schon mehrfach Teil von fiktionalen Erzählungen. Das hat der Seriosität der Marke nicht geschadet." Doch nicht nur die Tagesschau hat ein bisschen ihrer Seele am Sonntag an den großen Quotenbringer Til Schweiger und seinen grauenhaft langweiligen Tatort verkauft. Schweiger ist einer der wenigen echten deutschen Kinostars, und so war seine Verpflichtung 2011 ein ziemlicher Coup.

Der NDR hat sich die Gunst Schweigers teuer erkauft, zumindest wirkt es so, hat der doch seinen TV-Tatort nutzen dürfen, um den von ihm mitproduzierten Kino-Tatort zu bewerben, der am 4. Februar startet. Sein Vorgesetzter im LKA erklärte gegen Ende des Films, Tschiller würde wohl für ein Jahr suspendiert werden. "Tschiller: Off Duty" heißt also das Kino-Projekt, Tschiller außer Dienst; danach kommt Schweiger als LKA-Mann wieder ins Fernsehen. Kino-Promotion, gebührenfinanziert. Beim NDR heißt es auf Anfrage, in "Tschiller: Off Duty" stecke so viel Gebührengeld wie in einem regulären Tatort.

Til Schweiger hat sich für die nette Behandlung durch die ARD noch in der Nacht nach der Ausstrahlung erkenntlich gezeigt. Bei Facebook verfasste er ein Brieflein an Regisseur Christian Alvart: "Ich sage, du hast ein Stueck deutsche Fernsehgeschichte geschaffen! Kompromisslos, atemlos, viril, phantastisch für das schmale Geld." Das ist angesichts Schweigers nicht geringer Beteiligung schon mal hübsch bescheiden, aber es geht noch weiter: "andere verschwenden das Budget für zwei moppelige Kommissare, die ne Currywurst verspeisen, oder ein Bier vor einem bayrischen Imbiss zocken...du bringst Non Stop Action in diese 90 Minuten, in denen sonst meistens dummes Zeug gelabert wird (Frau Meier, hatte Ihr Mann Feinde?)". Mit freundlichen Grüßen aus Hamburg.