1. Februar 2013 18:21 Schrumpfende Pressevielfalt im Revier Dortmunder Einerlei

In Dortmund erscheint die "Westfälische Rundschau" nun als Geisterblatt ohne Redaktion. Die Lokalnachrichten kommen absurderweise von der Konkurrenz, die noch dazu politisch ganz anders getaktet ist. Vielfalt am Kiosk sieht anders aus. Zu Besuch in der Tristesse.

Von Hans Hoff

Natürlich regnet es in Dortmund. Es ist Freitag, und der Himmel über der Stadt hüllt sich in tristes Grau. Auf der Ruhrallee donnern die Autos in Richtung Innenstadt, vorbei an Elisabeth Demiruks Kiosk. Seit 26 Jahren verkauft sie hier Zeitungen und Kekse. Draußen deuten zwei Schilder an, was es hier gibt. Westfälische Rundschau steht auf einem mit einem roten Logo, "Ruhr Nachrichten - größte Zeitung in Dortmund" ist auf dem anderen zu lesen, da dominiert die Farbe blau.

Zwei Logos, zwei Zeitungen. Aber nur noch an diesem Freitag. Da erscheinen die bislang konkurrierenden Blätter zum letzten Mal mit unterschiedlichen Lokalteilen. Von diesem Samstag an ist die einst als SPD-Blatt verschriene Westfälische Rundschau Geschichte und existiert als Geisterblatt ohne Redaktion nur noch dem Namen nach. Nun kommen die lokalen Dortmunder Nachrichten von der CDU-nahen Ruhr Nachrichten-Konkurrenz, der Mantelteil weiterhin von der Essener WAZ. Und das im Ruhrgebiet, in dem der Zeitungskauf immer auch ein politisches Statement war. Aufsteiger kauften die Ruhr Nachrichten, Kumpel eher die Rundschau.

Ja, da habe sie von gehört, sagt die Zeitungsverkäuferin Demiruk. Kunden haben ihr davon erzählt. Beschwert hat sich noch keiner. "Die werden aber schon was sagen", sagt die 71-Jährige. "Es lässt alles nach", sagt sie doppeldeutig und seufzt.

Nach Seufzen ist den Mitarbeitern der Westfälischen Rundschau wohl schon lange nicht mehr zumute. Sie wurden entlassen, und da ist Seufzen eben eine viel zu milde Reaktion. Am Donnerstag haben sie die letzte Lokalausgabe gefertigt. Über das bevorstehende Ende, über den Wechsel der Lokalredaktionsverantwortung hin zur Konkurrenz, durften sie im Blatt kein Wort verlieren. Aber Redakteure sind manchmal auch findige Menschen, und so kann man den "WR-Blickpunkt" in der letzten Ausgabe auch als verschlüsselte Botschaften an die WAZ lesen. Die nun arbeitslosen Redakteure empfehlen dort ihre Lieblingsfilme, und die einzelnen Titel drücken deutlich ihre Wut aus. Der Untergang steht da direkt neben Stirb langsam und unter Denn sie wissen nicht, was sie tun. Chefredakteur Malte Hinz empfiehlt Armageddon, und sein Stellvertreter hat sich eine Ruhrkomödie zum Thema ausgesucht: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Auch Teile der lokalen Aufmacherseite gehen leicht als verschlüsselte Botschaften durch. "Dunkle Wolken über Arbeitsmarkt" heißt die Hauptschlagzeile, die es bei den Ruhr Nachrichten nur auf Seite fünf geschafft. Wer weiß, dass er am nächsten Tag seinen Betreuer bei der Arbeitsagentur aufsuchen muss, handelt halt anders als jener, der auch morgen noch zu tun hat.

Links auf der Aufmacherseite steht eine Glosse, in der es um altersgerechte Würdigungen beim Abschied geht. Offiziell handelt es von Vätern, die es unangemessen finden, wenn sie von ihren Töchtern mit dem Imperativ "Hausse rein!" verabschiedet werden. So was sagt man in Dortmund und meint damit den Wunsch, das Gegenüber möge verstärkte Arbeitsanstrengungen zeigen. Im Schatten der Ereignisse rund um den radikalen Wandel im Hause WAZ klingt es wie eine Art Selbstermutigung der Geschassten: "Hausse rein!".

Das einzige, was leuchtet, ist eine vergessene Reklame der Rundschau

Reingehauen wird auch am Brüderweg, wo bis Donnerstag das emsige Herz der Westfälischen Rundschau schlug. Direkt vor dem Haus wird gebaut, ist gerade Sackgasse. "Keine Wendemöglichkeit" steht auf einem Schild. Selbst so etwas kann man dieser Tage doppeldeutig lesen. Im Erdgeschoss bietet ein Laden persische Lebensmittel feil. Der Hifi-Laden daneben ist schon länger geschlossen. Das einzige, was in dieser Gegend noch leuchtet, ist eine vergessene Reklame der Westfälischen Rundschau. "Guten Morgen Dortmund", steht da, und wer um die Verhältnisse weiß, mag das wie Hohn empfinden. An diesem Samstag soll hier ein Trauerzug starten, rüber zu den Ruhr Nachrichten. Mit Sarg und Trauernden soll er Flagge zeigen und protestieren gegen das kaltschnäuzige Abwickeln eines Traditionsblattes.

Anders als das bröckelnde Beige der WR-Zentrale wirkt die frisch blau gestrichene Fassade der Ruhr Nachrichten-Redaktion. Hier geht es voran, hier wird ab sofort Geschichte geschrieben. Oft hat man erlebt, dass ein Verlag zwei Zeitungen am selben Ort herausgibt. Aber dass sich zwei Verlage eine Zeitung teilen? "So etwas haben wir im deutschen Markt noch nicht erlebt", sagt der Zeitungsforscher Horst Röper. Er ist Dortmunder und hat schon viel gesehen. Aber das, was jetzt geschieht, lässt auch ihn seufzen. "Keiner kann sich vorstellen, wie man das hinkriegen soll", sagt er. Also das Zusammenwirken der Konkurrenten WAZ und Ruhr Nachrichten. Wie funktioniert die Zusammenarbeit, wenn die Lokalredaktion ein heißes Thema hat. Wird sie das dann an die Mantelredaktion der WAZ weitergeben? Oder doch lieber an den Mantel der Ruhr Nachrichten?

Dafür, wie die Zukunft aussehen könnte, hat Röper schon jetzt ein schönes Beispiel parat und verweist auf die Nicht- oder Kaumberichterstattung der WAZ in Sachen Westfälische Rundschau. "Wenn die Leser der Rundschau nicht auch andere Medien nutzen, haben sie von den Vorgängen noch nichts erfahren", sagt er und seufzt noch einmal.

Immer mehr vereinheitlicht

Kein Thema ist das derweil für das Bundeskartellamt. Derzeit sehe man sich als nicht zuständig an, da ja keine Fusion vorliege. Ob die Zusammenarbeit in Zukunft kartellrechtlich relevant werde, müsse sich zeigen und sei dann ohnehin Ländersache in NRW, sagte ein Kartellamtssprecher auf SZ-Anfrage.

Bernd Berke war früher bei der Westfälischen Rundschau. Der 61-Jährige hat 2009 nach 30 Jahren bei der WR ein Abfindungsangebot der WAZ angenommen und gekündigt. Die Frage, ob er den Entschluss jemals bereut hat, erübrigt sich eigentlich. "Wenn ich das jetzt sehe", sagt der Dortmunder und zeigt dann seine Empörung. "Die Kollegen tun mir richtig leid. So hinterrücks erwischt zu werden."

Nie hat er gedacht, dass es so schlimm werden würde, wenn auch gewisse Tendenzen in der Blattentwicklung offensichtlich waren. "Das Produkt ist immer mehr vereinheitlicht worden. Das Lokale war die Bastion", sagt er. Von Abo-Kündigungen kundiger Leser hat er schon viel gehört. Er weiß aber nicht, ob wirklich alle mitbekommen, was da vor sich geht. "Ich rätsele, ob die Leser merken, was sich da tut", sagt Berke. Draußen regnet es immer noch. Kein schöner Tag in Dortmund.