Wenn Promis über Liebe reden - "Schmachtwort der Woche" "Männer dürfen weinen"

Das haben wir nun davon: Der sonst so harte Kerl Heino Ferch muss ab und an weinen - sogar bei Liz-Taylor-Filmen! Und wie finden wir Frauen das? Na ja, irgendwie lästig. Doch es gibt einen Ort, an dem Männer gesellschaftskonform flennen dürfen. Sogar im Kollektiv.

Eine Kolumne von Violetta Simon

Er hat den Max Schmeling gespielt, ist abonniert auf die Rolle des harten Kerls. Als Kunstturner hat er schon früh gelernt, auf die Schnauze zu fallen und wieder aufzustehen. Und jetzt sagt ausgerechnet Heino Ferch im Playboy: "Männer dürfen weinen, wenn sie in Situationen sind, die sie zu Tränen rühren." Habt Ihr es alle gehört, Ihr Machos? Heulen erlaubt! Heino hat es euch offiziell gestattet!

Schmachtwort Heino Ferch

Das Schmachtwort der Woche lieferte diesmal Schauspieler Heino Ferch.

(Foto: Sophie Kaiser)

Schon bei alten Liz-Taylor-Filmen müsse er weinen, sagte Ferch dem Magazin. Die Tränen kullern auch bei Klassikern wie Hochzeit oder Geburt, gesteht der 49-Jährige im Interview - und wirbt sogleich um Verständnis: "Wer da nicht mal feuchte Augen hat!"

Es ist doch so: Weinende Männer haben noch immer ein Imageproblem: Wie der britische Historiker Bernard Capp in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt hat, gilt der jahrhundertealte Satz "ein Mann weint nicht" nach wie vor. Die meisten Männer hören daher in der Pubertät lieber damit auf. Vermutlich, weil sie dabei nicht so überzeugend sind: "Weibliches Weinen wirkt dramatischer und herzzerreißender", so die Experten. Einer deutschen Studie zufolge tun es Jungs und Mädchen bis zum 13. Lebensjahr etwa gleich häufig, später dann heulen Männer viel seltener als Frauen, die mindestens einmal pro Woche vor Zorn, Trauer oder Freude bitterlich weinen.

Weinen ist also erlernt. Wenn ein Mädchen die Erfahrung macht, dass es mit Tränen weiterkommt, ist es nur logisch, dass es dieses Verhalten als Frau beibehält. Ebenso logisch ist aber auch, dass ein Mann es lieber bleiben lässt, weil er befürchten muss, sich lächerlich zu machen. Ein Mitarbeiter, der beim Meeting in Tränen ausbricht, weil der Chef seinen Entwurf kritisiert, wird in seinem Unternehmen nicht weit kommen. Auch als Schauspieler tut man sich keinen Gefallen, wenn man sich mit dem Regisseur tränenreiche Gefechte am Set liefert - dann schon lieber einen angsteinflößenden Wutausbruch à la Klaus Kinski. Ansonsten aber sind Männer dafür bekannt, NICHT zu weinen: Nicht beim Tod ihrer Hauskatze. Nicht beim ersten Schultag ihrer Tochter. Nicht im Kino. Und wenn, dann wischen sie sich verstohlen ein Tränchen aus den Augenwinkel.

Beim Fußball wird gesellschaftskonform geflennt

Offiziell weint ein Mann also nur noch, wenn er einen verdammt guten Grund dazu hat. Zum Beispiel, wenn Bayer Leverkusen absteigt. Oder der Schiri das Foul an dem begnadeten Stürmer der eigenen Mannschaft nicht gesehen haben will. Mit anderen Worten: "Wenn er alles oder nichts auf seine letzte Karte setzt, am Ende aber doch sein Spiel verliert und einsieht, dass nun alles, was er tut, zu nichts mehr führt, dann kann es sein, dass ein Mann auch einmal weint" - hat Udo Jürgens gesungen.

Fußball: die einzige Möglichkeit für einen Mann, gesellschaftskonform zu flennen. Dann jedoch, aber hallo, sind die Schleusen geöffnet. Die Mensch gewordene Verzweiflung sitzt da vor einem! Denken wir an Ottmar Hitzfeld: Ja, der Erfolgs-Trainer litt am Burnout-Syndrom. Doch erst auf seiner Abschiedsfeier 2008 brach sich die permanente Überlastung Bahn: Der Bayern-Coach stand auf dem Rasen und schluchzte mit offenem Mund. Kein Wunder: Da war nicht irgendein Kanarienvogel gestorben oder die Lieblingshose hat gespannt. Das war Fußball! Und so erntete Hitzfeld für seinen Zusammenbruch auch keinen Spott, sondern Anerkennung.

Selbst der kantige Engländer Paul Gascoigne wurde zur Ikone männlicher Emotionen, als er 1990 im WM-Halbfinale wegen einer gelben Karte wie ein Kind heulte, weil er damit für das Finale gesperrt war. Das Spiel fand dann nicht einmal statt, weil England zuvor gegen Deutschland verloren hatte. Aber darum ging es auch gar nicht: Die Tränen mussten einfach raus, sonst hätte Gascoigne sie bei irgendeiner anderen, unpassenden Gelegenheit vergossen. Am Ende noch bei einem Liz-Taylor-Film! Man stelle sich vor, da sitzt dieser Schrank mit rasiertem Schädel auf seinem Designer-Ledersofa vor dem DVD-Rekorder und schnüfft in sein Taschentuch, während Scarlett O'Hara vom Winde verweht wird oder Virginia Woolf die Männerwelt in Angst versetzt.

Hach! Da möchte man sich als Frau doch gleich rankuscheln und mitschluchzen - oder sich peinlich berührt abwenden und davonschleichen. Jetzt mal ehrlich: Wir Frauen können doch gar nichts anfangen mit in Tränen aufgelösten Männern. Jahrzehntelang haben wir ihnen vorgenölt, dass sie Gefühle zeigen und ihren Tränen freien Lauf lassen sollen. Und wenn es dann passiert, sind wir ratlos. Weil wir uns fragen, wer denn jetzt die dicken Bretter für uns bohrt, während der Mann an unserer Seite vor sich hinwimmert wie ein Häufchen Elend, das man am liebsten mit dem Handbesen unters Bett kehren möchte. Und schuld sind wir ganz allein. Weil wir uns nicht entscheiden können, wann uns gerade nach einer starken Schulter ist und wann wir die Sache lieber selbst in die Hand nehmen wollen.

So gesehen ist es eigentlich unheimlich rücksichtsvoll von den Männern, dass sie sich regelmäßig in Fußballstadien zurückziehen - zum kollektiven Weinen. Wahrscheinlich machen sie sich in Wirklichkeit gar nichts aus Fußball, sondern wollen uns nur nicht mit ihren Tränen behelligen. O Gott, das ist so rührend - ich glaub, ich muss gleich weinen.

Kennen Sie einen peinlichen Spruch von einem Prominenten, ein witziges Zitat einer berühmten Persönlichkeit oder eine Liedzeile zum Thema Liebe? Dann behalten Sie das nicht für sich, sondern schicken Sie es an leben@sueddeutsche.de - Betreff: "Schmachtwort" (bitte den Urheber des Ausspruchs angeben!).