Weltweiter Cellulite-Wahn Hilflos gegen Orangenhaut

Mit der "Cellulite" ist eine Scheinerkrankung erfunden worden, die Milliarden einbringt und gegen die kein Kraut gewachsen ist. Doch betroffenen Frauen bleibt ein Trost.

Von Werner Bartens

Die Kosmetikindustrie, die Apotheker, die Pharmafirmen, die Schleckers und die dm-Märkte dieser Welt sollten ihm schleunigst ein Denkmal setzen und es vergolden lassen. Der findige Kopf, der auf den Begriff "Cellulite" gekommen ist, hätte es zweifellos verdient. Erstaunlicherweise handelt es sich bei dem Erstbeschreiber um eine Frau, die damit permanente Verunsicherung, nagende Selbstzweifel und Unglück über ihre Geschlechtsgenossinnen gebracht hat. Nicole Ronsard, Betreiberin eines New Yorker Schönheitssalons, prägte den Begriff 1973 und beschrieb das Leiden als "Kombination aus Fett, Wasser und toxischen Abbauprodukten", die der Körper bei der Entsorgung wohl übersehen haben müsse. Damit war eine neue Beulenpest in die Welt gesetzt worden, die weit verbreitet ist, und vor der sich bis heute fast jede Frau fürchtet.

Der Begriff Cellulite ist ebenso genial wie werbewirksam. Dass die oberflächlichen Veränderungen an Beinen, Hüften und Hintern dem Relief einer Waffel nachempfunden sind, legt den Verdacht nahe, dass hier tatsächlich Zellen pathologisch verändert sind. Und die meist umgangssprachlich als "Zellulitis" beschriebene Metamorphose der weiblichen Weichteile klingt nicht nur nach Igitt und Bääh, sondern durch die medizinische Endung -itis auch nach einer fiesen Entzündung, die man unbedingt eindämmen und daher natürlich behandeln sollte, bevor es zu spät ist.

Im englischen Sprachraum ist die Sprachverwirrung noch naheliegender. Dort bezeichnet der ähnlich klingende Begriff "Cellulitis" eine Wundrose - eine schwere bakterielle Infektion, die auf jeden Fall mit Antibiotika behandelt werden muss. "Vielleicht meinen deswegen manche Menschen, dass die Cellulite ebenfalls eine Krankheit sei", sagt Matthias Augustin, Professor für Hautkrankheiten an der Universitätsklinik Hamburg. "Dies ist kompletter Unsinn. Es handelt sich vielmehr um eine harmlose, bestenfalls optisch störende Schwäche des Hautbindegewebes, die fast immer bei Frauen auftritt - und zwar im Laufe des Lebens bei fast allen."

Fachblätter und Internetportale für Klatsch, Tratsch und Hautunebenheiten enthüllen denn auch regelmäßig mehr oder weniger hämisch die Hügellandschaften von Prominenten. "Zugegeben", heißt es beispielsweise über Britney Spears auf jolie.de, "die Gute hat bereits zwei Kinder zur Welt gebracht. Trotzdem: Ihr Allerwertester ist aufgenommen in die Sammlung der Stars mit Cellulite." Meist werden auf den nächsten Seiten neue Salben, Wässerchen und Laseroperationen vorgestellt.

Einen krankhaften Prozess zu suggerieren, käme im Falle der Cellulite vielen Interessen gelegen, vermutet Augustin, denn selten in der Geschichte der unnützen Therapien hat die Behandlung einer erfundenen Krankheit so viel Geld eingebracht. Weltweit wird der Umsatz mit Cremes, Unterdruckkuren, Gels, Ölen, Vitaminen, Wickeln und Reizstrom gegen die lästige Orangenhaut auf etwa fünf Milliarden Euro jährlich geschätzt. Auch die Betreiber von Fitness-Studios sollten der Erfinderin der Cellulite huldigen. Wer sich zur Problemzonengymnastik "Bauch, Beine, Po" anmeldet, will in den meisten Fällen nicht die transversen Bauchmuskeln stärken, sondern hofft darauf, dass die wabenförmigen Muster an Gesäß und Schenkeln etwas von ihrer dreidimensionalen Plastizität verlieren.

Medizinisch entsteht die Cellulite durch eine strukturelle Veränderung des weiblichen Bindegewebes. Eine Schwäche der Bindegewebsfasern führt dazu, dass Unterhaut-Fettgewebe in höhere Hautschichten vordringt - die Fasern halten die Fettpartikel säulenförmig zusammen. Das Ergebnis ist eine grobporig gemusterte, noppen-artige Hautoberfläche wie bei frischen Orangen, obwohl der Begriff Orangenhaut längst nicht so viele medizinische Assoziationen weckt. Zusätzlich sammelt sich vermehrt Bindegewebswasser in den oberen Hautschichten an, und der Fettgewebeaufbau verändert sich. "Dieser Vorgang ist so harmlos, dass sich unsere Vorfahren darüber nie Gedanken gemacht haben und Frauen mit Orangenhaut unbeschadet genauso alt geworden sind wie solche ohne", sagt Dermatologe Augustin. "Die Zusammensetzung und Funktion des Hautbindegewebes unterliegt zudem dem Einfluss von Geschlechtshormonen, was erklärt, warum Cellulite hauptsächlich bei Frauen und zyklisch unterschiedlich stark ausgeprägt vorkommt."

In der Tat wurde sogar bei Sex-Symbolen vor Erfindung des angeblichen Leidens wenig auf die Beschaffenheit der Beinhaut geachtet, sofern sie nicht grob entstellt war. Ursula Andress betörte 1962 in "James Bond jagt Dr. No" mit ihrer Bikini-Figur. Ihre erkennbar an die Textur eines Tischtennisschlägerbelags erinnernden Oberschenkel störten niemanden. Und Jahrhunderte zuvor schuf Peter Paul Rubens eine Vielzahl von seinerzeit erotisch-attraktiven Frauenansichten, an denen man Cellulite in verschiedenen Schweregraden hätte studieren können - wenn es sie denn schon gegeben hätte. Doch seit 1973 wurde jeder Abweichung vom äußerlichen Ideal ein Krankheitswert zugeschrieben und eine neue Scheinerkrankung aufgebracht.

Seitdem sind Frauen verzweifelt, hassen ihre Beine und glauben den Versprechungen vieler Scharlatane, ihre Haut von den lästigen Wellentälern zu befreien. Doch dieBehandlungsversuche gegen das gewellte Muster auf der Haut enden fast immer in Frustration. "Es gibt viele gute Gründe, warum sich Betroffene zweimal überlegen sollten, ob sie Cellulite als krankhaft auffassen und sie zu bekämpfen versuchen", sagt Hautarzt Augustin. "Ein großer Teil der Bindegewebsveränderungen beruht auf einer genetischen Veranlagung und entzieht sich jeglichen Therapieversuchen. Zudem halten die meisten gegen Cellulite angebotenen Therapieverfahren nicht das, was sie versprechen." Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit im Fachblatt Journal of the American Academy of Dermatology hat im Frühjahr 2010 unter den mehr als 50 dokumentierten Verfahren kein einziges erkannt, das bei Cellulite sicher Abhilfe schafft.

Dennoch können Frauen auch bei ausgeprägter Neigung zur Cellulite etwas tun - ohne teure Cremes, Tabletten oder obskure Rüttel-, Schüttel- und Vakuumgeräte. Erwiesen ist, dass die Cellulite eher bei Frauen mit Übergewicht, Überernährung und Bewegungsmangel auftritt. Sport und Abnehmen verringern zumeist die Intensität des Wabenmusters. Es gibt allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Starke Gewichtsreduktion kann kurzfristig dazu führen, dass sich das Relief der Orangenhaut sogar noch verstärkt.

Betroffenen Frauen bleibt immerhin ein Trost. Sie befinden sich in prominenter Gesellschaft mit den Schönen und Reichen dieser Welt. Britney Spears, Kate Hudson, Mischa Barton und Kylie Minogue gehören schließlich ebenfalls zu den bekennenden Orangenhautträgerinnen. Sie sind allerdings schon weiter in der Krankheitsbearbeitung. Dem dermatologischen Fachmagazin InTouch haben sie kürzlich mitgeteilt, dass sie inzwischen eine positive und bejahende Grundhaltung zu ihrer ausgeprägten Cellulite entwickelt haben.