Sie sind hin- und hergerissen zwischen Arbeit und Familie, haben ein schlechtes Gewissen und nehmen hochdosierte Ratgeberliteratur ein: ein Krankheitsbild deutscher Eltern.
Ach, Sie geben Ihr Kind in die Krippe? Wissen Sie eigentlich, was die beiden Erzieherinnen da so machen den ganzen Vormittag über? Und wenn Sie die frühkindliche Erziehung schon komplett an Fremdpersonal delegieren, haben Sie dann wenigstens das Gehirnjogging-Set für Vorschulkinder bestellt?
(© Illustration: Eric Giriat)
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Nein? Sie wissen aber schon, dass die wichtigste Entscheidung im Leben Ihres Kindes in nur fünf Jahren ansteht. Natürlich muss nicht jeder Junge aufs Gymnasium. Aber Ihrer? Wär doch schade, wenn sich Ihr Familienhintergrund plötzlich migrationsfarbig verdüstern würde, Hauptschule, Türkendeutsch, Happy Slapping. Und alles nur, weil Sie seinerzeit unbedingt arbeiten mussten? Naja, müssen Sie natürlich selber wissen.
Rabenmutter, Glucke, Egoistin
Und Sie da, in der Nachbarwohnung? Ja, Sie da am vollgekleckerten Küchentisch! Sie sind zu Hause und zementieren so die alten Familienbilder? Dachten wir uns, Ihre Kleine hat so was verhockt Introvertiertes, ganz typisch für Kinder, die in mütterlicher Isolation aufgezogen werden. Ihr Mann arbeitet? Vollzeit? Dem sind Kinder nicht so wichtig?
Wenn es das Krankheitsbild der Schizo-Eltern offiziell noch nicht gibt, dann wollen wir es hiermit patentieren lassen. Noch nie wollten Eltern so gut sein. Und noch nie haben sie sich so mies gefühlt. Arbeitende Mütter - Rabenmütter. Hausfrauenmütter - Glucken. Kinderlose - Egoistinnen. Und Väter checken's eh nicht.
Die Psychoanalytikerin Shari Thurer schreibt, sie könne sich nicht erinnern, "je eine Mutter behandelt zu haben, die nicht Geheimnisse über sich hütete, über die Art und Weise, wie ihr Verhalten und ihre Gefühle ihren Kindern geschadet hätten." Großer Renner auf dem Buchmarkt ist zur Zeit der Ratgeber: "Eltern sind nicht immer schuld. Warum manche Kinder schwieriger sind."
Laut Amazon wird es gerne zusammengekauft mit dem Ratgeber: "Was auffällige Kinder uns sagen wollen. Verhaltensstörungen neu deuten." Und gibt man auf Google die drei Begriffe "schlechtes Gewissen Eltern" ein, bekommt man 588.000 Treffer, 588.000!
Eine der 558.000 Mütter grämt sich, weil sie sich beim Spazierengehen mit einer Freundin über einen Kinofilm unterhalten hat, statt die Tochter am Ententeich für ihr Gestammel zu loben: "Prompt bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil mein Kind vielleicht sprachlich nicht ausreichend gefördert wird."
Ein Vater, der arbeitet und dessen Frau deshalb nachts mit dem Neugeborenen im Wohnzimmer schläft, schreibt auf Eltern.de: "Wenn ich ausgeschlafen aufwache und meine unausgeschlafene Frau erblicke, beschleicht mich augenblicklich ein schlechtes Gewissen."
Und der Vater, der diese Zeilen schreibt, hatte zwei Jahre lang seinem Arbeitgeber gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil er die Idee hatte, zwecks Familie auf Viertagewoche zu wechseln. Prompt bewohnte ihn das Gefühl, in der Arbeit zu wenig zu leisten. Jetzt arbeitet er wieder fünf Tage und ist dafür Rabenvater.
Früher wurde gebetet, heute kauft man Ratgeber
Früher konnte man beten, wenn mit den Kindern nichts mehr ging, man hatte dann halbwegs seine Schuldigkeit getan, den Rest würde der liebe Gott schon richten. Heute kauft man, schon lange bevor nichts mehr geht, einen Stapel Ratgeber, die einen allesamt dauernd nur zurückverweisen auf einen selbst.
"God could not be everywhere, so he created mothers" lautet ein amerikanisches Sprichwort. Grauenhaft. Gott ist tot seit hundert Jahren, aber die Mütter müssen immer noch übernatürliche Wesen sein. Kein Wunder, dass sich alle Klientinnen der Psychotherapeutin Shari Turher hochgradig überfordert fühlen.
Oder der Kinderpsychologe Daniel Stern, laut Eigenwerbung "einer der führenden Spezialisten der Säuglingsforschung". Er interpretiert die Rolle der Mutter als diejenige des "schöpferischen Künstlers", des "mittanzenden Choreographen" und des "komponierenden, konzertierenden Musikers". Das Kind als Totalkunstwerk, die Mutter als beschwingt schöpferische Fee - was für ein grotesker Unsinn. Hat der Mann noch nie einen Blick geworfen in eine normale Familienmaschine? Man kann froh sein, wenn man es morgens schafft, sich selber die Zähne zu putzen, bevor man die Kinder in den Kindergarten bringt.
Besagter Daniel Stern behauptet auch, aus der Enge der Bindung einer Mutter an ihr Kleinkind den "wahrscheinlichen Verlauf künftiger interpersonaler Beziehungen voraussagen und skizzieren" zu können. Tja nun, liebe Mütter, da wären wir wieder im Schizopark, ihr habt in den ersten zwölf Monaten 80 Jahre Lebensglück in der Hand. Oder eben Lebensunglück, nicht wahr. Aber wir haben nichts gesagt, das müsst ihr alles ganz alleine entscheiden.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 13.3.2007)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
Ich habe mir die ersten Jahre auf dem Spielplatz mit meiner Frau geteilt und war dort immer wieder sehr verblüfft: die Auffassungen von Eltern, was für Kinder gut ist, stehen sich ungefähr so versöhnlich gegenüber wie Palästina und Israel. Wenn du erzählst, dass du dein Kind geimpft hast, klingt das für einige fast wie "mißbraucht", andere erzählen dir von neuen Impfungen, die man zusätzlich anwenden kann. Und mit drei Jahren sind vier Kurse in der Woche für einige Eltern nicht zu viel - der PISA-Schock sitzt vor allem bei denen tief, deren Kinder gar nicht betroffen sind. Mein Ratschlag: man kann Kindern massiv schaden, wenn man sie schlägt oder vernachlässigt. Der Rest ist sowieso Projektion der eigenen Befindlichkeit, und dazu sollte man auch stehen! In diesem Zusammenhang sei etwas Eigenwerbung erlaubt: ich habe einen Roman über einen Spielplatzvater geschrieben, der mit sehr viel Humor all diese Themen durchlebt und durchleidet ("Allein unter Spielplatzmüttern", Rowohlt-Verlag 2007).
Nein, es ist wirklich nicht besonders schön, was man sich in diesem Land anhören muss und erleben kann, wenn man es gewagt hat, Kinder in die Welt zu setzen. Was aber tun? Nachts, wenn die lieben Kleinen schlafen einen Ratgeber nach dem anderen lesen, um tagsüber dem Rest der Welt zähnefletschend und verbissen die Stirn zu bieten? Ist vielleicht für das Ego des einen oder anderen Elternteils empfehlenswert, wenn es um´s Überleben geht, unsere kleinen Anarchisten wird das aber kaum beeindrucken. Außer dass sie es nachahmen werden und zu kleinen Bestien mutieren, für die es dann wieder die entsprechenden Ratgeber und Therapien geben wird. Diese kleinen Wesen, die uns manchmal an den Rande eines Nervenzusammenbruchs treiben können haben jedoch noch eines, was uns im Laufe der Jahre abhanden gekommen ist: Gelassenheit! Warum z.B. der allmorgendliche Kampf um´s Anziehen, wenn das Kind partout im Schlafanzug bleiben will? Dann geht es halt mal so in den Kindergarten. Es kann sich dann dort im Erklären üben, wenn es nicht doch vorher bemerkt haben sollte, dass es anders doch vielleicht angenehmer und weniger auffällig wäre. Oder warum sich nicht einfach mal beim Bummeln der Fantasie hingeben, die wichtigen Damen und Herren in ihren Business-Outfits seien alle Marionetten, die abends in eine Kiste gelegt werden und erst morgens wieder raus dürfen? Die kleinen Anarchisten stecken doch auch noch in uns "Großen". Wir müssen sie nur mal wieder an die Luft lassen!
Vielen Dank für den gelungenen Tagesbeginn. Das war ein Latte Macchiato mit Croissant im Strassencafe am Morgen vor der Arbeit.
Und tagsüber 5 Stunden das Beste geben in dem Projekt in dem man gerade beschäftigt ist. Zu Hause sich vielleicht noch mit technischen Neuerungen in meinem Spezialgebiet beschäftigen, sich weiterbilden - oder der Familie widmen. Muss nicht alles im Büro abgesessen werden. 8-10 Std. Alibi Zeit, um zu beweisen wie wichtig man ist. Warum kann die Wirtschaft/Industrie nicht mit menschlichen Resourcen effizient umgehen?
Es könnte soviel besser gehen für die Wirtschaft wie für die Familien!
Gruß Heinrich
Zitat aus dem Artikel
Wenn es das Krankheitsbild der Schizo-Eltern offiziell noch nicht gibt, dann wollen wir es hiermit patentieren lassen. Noch nie wollten Eltern so gut sein. Und noch nie haben sie sich so mies gefühlt. Arbeitende Mütter Rabenmütter. Hausfrauenmütter Glucken. Kinderlose Egoistinnen. Und Väter checkens eh nicht.
Das nennt man die Degeneration einer Gesellschaft.
Langsam habe ich das Gefühl, wir sind alle , die Gesellschaft , die Mütter , die Väter und die Politiker irgendwo krank.
alles ist mehr wert als Kinder
Jede Arbeit wird besser bewertet als Kinererziehung und Familienarbeit
Alles ist ständig in Aufruhr
Alle wollen so schnell wie möglich das lästige Kind los werden
Alle wollen Karriere machen
Alle wollen Ego pflegen
alle wollen sich verwirklichen.
Jeder weis alles besser
jeder konkuriert mit dem anderen
jeder glaubt den Zug der Zeit zu verpassen.
Dabei ist eine Gesellschaft ohne das , was sie am wenigsten schätzt verloren
Dabei ist gerade das das wichtigste , was sie am wenigsten schätzt, was sie am wenigsten leisten will, was sie am lästigsten findet, nämlich
Kinder haben und Kinder großziehen.
Das geht eben nicht, ohne dass es einer tut. Die Heinzelmännchen können wir dafür nicht mehr bestellen, die wurden auch schon vertrieben, genau wie der Nachwuchs systematisch vertrieben wird.
Wir sind ein Heer von Neurotikern,Profisüchtigen, Egoisten und Selbstverwirklichungsfannatikern.
Da haben wohl Kinder keinen Platz, schon gar nicht Mütter von gestern, die das leisten wollen. Die sollen gefälligst der Wirtschaft dienen und arbeiten.
Da sind wir wieder am Anfang: Kindererziehung ist keine Arbeit- man arbeitet da bei nicht. Keine "Wichtige" Sache das Ansehen verdient, keine Arbeit, schon gar kein Vergnügen. Was soll den diese Herumhockerei zu Hause mit dm Kind auf dem Schoß?
Die Politiker sind natürlich Teil der Gesellschaft und somit genauso dekadent.
Vielleicht seid ihr irgendwann noch froh, wenn es diese "noch" verächtlich angeshenen Mütter wieder gibt.
Sie allein sorgen für eurer aller Altenteil.
Wir wollen modern,fortschrittlich, am "Puls der Zeit" sein, den Zeitgeist nachlaufen, das Ausland kopieren, wir wollen alles und sind dabei so schrecklich dumm und einfältig.
Wir sind so dumm - schizophren und verkorkst, Freu dich deutsche Elternschaft.
Freut euch glückliche Kinder, wir wollen alle nur das Beste, - aber zuerst für uns!
Na dann gutes Wohlergehen in dieser Geselllschaft .
Ich denke, es muss einen Mittelweg geben. Ein paar Stunden Kindergarten am Tag um den Umgang mit anderen Menschen zu lernen, zu spielen unter Kindern, ein wenig lernen, gemeinsam singen, basteln usw und den Rest zuhause - dort aber nicht nur paedagogisches Programm sondern Alltag: Mithelfen beim Abwaschen, Kochen, Putzen und dann gezielt Spielen, Basteln oder sonstiges mit den Eltern. Das aber setzt voraus, dass Teilzeitstellen selbstverstaendlich werden, was besonders fuer Akademiker nicht oder fast nicht der Fall ist. Warum, weiss ich nicht. Nach 18 Jahren in Technologie-Betrieben habe ich mich zu einem grossen Teil der Arbeitszeit gelangweilt, in ueberfluessigen Projektbesprechungen gesessen, e-mails geschrieben und im Internet gesurft. Angesichts der Unmengen e-mails mit Witzen usw., mit denen ich tagtaeglich von Freunden ueberschwemmt werde, gehe ich davon aus, dass es tausenden aehnlich geht - nicht, dass die alle nicht mehr arbeiten wollen: es gibt nichts! Projekte werden verzoegert, Arbeiten aus Kostengruenden nicht vergeben (muss ja alles mit Kostenstelle belegt werden, also besser rumsitzen), usw. Ich habe meinen Job als Ingenieurin nach 18 Jahren aufgegeben, da ich es pervers fand jeden Tag eine Stunde zur Arbeit zu fahren, eine Stunde zurueck und 8 Stunden meist untaetig auf Projekte zu warten waehrend mein kleiner Sohn 11 Stunden im Kindergarten verbringen musste. Nun lebe ich auf einer Insel, arbeite als Buerokraft 2 Minuten von zuhause fuer einige Stunden, mein Sohn geht fuer ein paar Stunden in den Kindergarten und den Rest verbringen wir gemeinsam mit Spaziergaengen am Meer, Lesen, Basteln, Spielen. Der Preis: ein Leben am Existensminimum mit ungewisser Zukunft - der Lohn: eine lebenswerte Gegenwart und ein froehliches und gesundes Kind.