Eva Herman, Iris Radisch, Christian Nürnberger: Warum die neuen Helden der Elternratgeber-Prosa einfach nur nerven.
Wenn Eltern richtig gute Eltern sein wollen, dann kommen sie möglichst bald nach Hause. Sie sagen alle familienfeindlichen Konferenzen ab, verlassen das Büro täglich eine Stunde früher - natürlich nur nach vorheriger Absprache mit den kinderlosen Kollegen. Sie verzichten auf Absacker oder Jazz-Konzerte und widmen sich: der Familie.
Deutsche Eltern haben für ihre Kinder zu wenig Zeit. Die sollten sie nicht auch noch mit Ratgeberliteratur verschwenden. (© Illustration: Eric Giriat)
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Gelegentlich lesen sie daheim in Fachartikeln, Fachzeitschriften und Fachbüchern, wie schwer die Kindererziehung in der heutigen Zeit doch ist. Aber nicht unmöglich.
Sie lesen Theorien über die armen Mütter zwischen Küche und Beruf und über die noch ärmeren Väter, auf denen so viel Druck lastet, dass sie irgendwann durchbrennen, womöglich sogar durchknallen.
Wenn ihnen zwischendurch die Augen wässrig werden vom vielen Ratgeberlesen, dann schalten Eltern den Fernseher ein. Auch dort dreht sich alles um das Thema Familie. Beseelt von den Appellen prominenter Erzieher, wollen sie gleich morgen den Kampf gegen das ungerechte Rentenrecht aufnehmen.
Es fehlt die Kraft, etwas zu wuppen
Sie haben erkannt, dass es dem Grundgesetz widerspricht, wenn Politik und Justiz ständig die Ehe über die Familie stellen und das Ehegattensplitting noch immer nicht dem Familiensplitting gewichen ist. Allein: Es fehlt ihnen die Kraft, um was zu wuppen.
Denn noch während sie sich durch hochkomplizierte Feuilletons und trantütige Talkshows quälten, mussten sie schon zweimal Windeln wechseln, dreimal Tränen wischen und einmal auch was anderes.
Sie mussten die Nudeln aufsetzen, die Lätzchen umbinden, den Boden aufwischen, die Zeichnung bewundern, beim Zähneputzen helfen und vor allen Bettchen "Kindlein mein" auf der Melodica spielen - wenn es schon mal wieder nicht zu einem Kapitel von "Onkel Tobi" gereicht hat.
Werden diese Eltern nach einer Nacht, in der sie im sechsten Jahr infolge zwischen drei- und zehn Mal aufstehen mussten, um zu trösten, um zuzudecken oder einfach nur, um den Weg zur Toilette zu zeigen, am nächsten Tag dann von wortgewaltigen Berufsintellektuellen gefragt, was sie von der gegenwärtigen Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie halten, so bekennen sie, sie wüssten darüber wahrscheinlich zu wenig.
Heimlich versorgen sie sich also weiter mit Fachliteratur. Mit deutschen Bestsellern zum Thema Familie.
Der Abend beginnt mit - da muss man jetzt durch - Eva Herman. Eva hätte besser geschwiegen, hatte die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt nach Durchsicht des nicht mehr ganz taufrischen Büchleins "Das Eva-Prinzip" in der taz gefordert.
Wahrscheinlich hat Schmidt recht. Andererseits: Wenn Thesen wie "Wir Frauen vereinsamen, statt das zu tun, was wir am besten können: ein warmes Nest bauen" oder "Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, würde ich mir einen Mann suchen, ihn arbeiten lassen und mich um unsere fünf Kinder kümmern" hunderttausendfach Absatz finden, so muss ja was dran sein.
Eva Hermanns These klingt unglaubwürdig aus Eva Hermanns Mund
Warum sollte man einer dreifach geschiedenen Karrierefrau mit Einzelkind nicht zuhören, wenn sie öffentlich Fehler bekennt? Einfache Antwort: Weil die These, die Menschen sollten "mit dem Bekenntnis zur Familie der Kälte unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen", unglaubwürdig klingt aus dem Mund einer Frau, die mehr Zeit auf Lesungen und in Fernsehstudios verbringt, als bei ihrem Nachwuchs. Nächstes Buch, bitte.
Auch "Die Schule der Frauen - wie wir die Familie neu erfinden" von der Zeit-Journalistin Iris Radisch beschäftigt sich mit dem Thema. Ähnlich wie bei Frau Herman ist hier leider allenthalben von "wir Frauen" die Rede, was Väter ein bisschen ausschließt.
Über Männer weiß Frau Radisch: "Sie machen Krieg und Karriere und verlassen ihre Frauen und Kinder, wenn die große Geschichte, eine interessante Laufbahn oder ein schönes Kindermädchen sie lockt oder verschlingt." Ach, das wär schön.
Aber weiter: Nach einer kleinen Abhandlung über moderne Wohnungseinrichtungen ("hygienischer Sachlichkeitscharme eines Zahnarztwartezimmers") wagt Radisch, Mutter von drei Töchtern, einen Ausblick: "Liebe, Arbeit und Kinder", schreibt sie, "diese drei werden sich nicht länger ausschließen. Das wird gar nicht so schwer sein." Wie wohltuend dieser Optimismus am Ende ihres Buches doch ist!
Leider fand sich auf den 186 Seiten zuvor nichts, was ihn rechtfertigt.
Vielleicht ist es ja eher der zweigeschlechtliche Zugang, den dieses Thema braucht. Beispiel Christian Nürnberger und Petra Gerster. Er, der ewige Hausmann. Sie, die erfolgreiche Fernsehfrau. Ihr Buch über den "Erziehungsnotstand" gilt in deutschen Kleinfamilien als Standardwerk. Interessiert liest man hier, dass Siebenjährige heutzutage ein Gedicht von Hölderlin aufsagen können sollten.
Notfalls geht auch Heine. Man erfährt, dass ein ungarisches Kindergartenkind in den ersten eineinhalb Jahren 60 Lieder lernt, dass Trennungen zu Hautausschlag führen, und man Eliteschulen gutheißen kann, ohne gleich die antiautoritären Ideale des Summerhill-Internats zu verteufeln.
Gelegentlich ist von der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" die Rede, was den erschöpften Testleser stört. Schließlich müsste vielmehr von einer Addition der Belastungen die Rede sein. Vereinbarkeit klingt so harmlos.
Aber gut, dass wir jetzt auch noch 274 Seiten Gerster/Nürnberger dazu gelesen haben. Ihr Buch haben die beiden übrigens ihren Kindern gewidmet, "die im letzten halben Jahr viel Grund zur Klage hatten, weil ihre Eltern ihnen genau das vorenthielten, was sie so scharfsinnig als Grundvoraussetzung von Erziehung erkannt haben: Zeit zu haben für die Kinder".
Ach ja: Mehr Zeit für die Familie müsste man halt haben. Eine dieser Unicef-Studien hat ja wieder jüngst ergeben, dass es die deutschen Kinder und Jugendlichen am meisten stört, wenn ihre Eltern nur selten für sie da sind.
Wenn die Eltern natürlich jetzt auch noch damit anfangen, sich stundenlang mit Erziehungs- und Familien-Bestsellern auf das Wohnzimmersofa zurückzuziehen, dann gute Nacht.
Die Lektüre ist pure Zeitverschwendung
Was Eltern wirklich interessiert, nämlich wo es ordentlich bezahlte Teilzeitstellen gibt und welche Krippe günstig, unbürokratisch und auch mal nur für ein paar Stunden Kinder aufnimmt - etwa, damit Mutti kurz zum Bewerbungsgespräch gehen kann - steht leider nicht in Elternratgebern. Insofern war die Lektüre: pure Zeitverschwendung.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 20.3.2007)
Wettmanipulation im Fußball
@ Weltgeist2
Wir sind also aufgeklärt, ach so.
Und warum gibt es heute immer noch so viele Länder, in denen Frauen wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden ?
Hat die Intuition Unrecht, weil sich Menschen (als man der Intuition gefolgt ist) auch bekriegt haben ?
Wohl kaum. Denn die Menschen handeln aus einem angeborenen Antrieb heraus, wenn sie sich bekriegen.
Jeder Mensch möchte sich durchsetzen; die eigenen Gene sollen erhalten bleiben (daher auch der starke Beschützerinstinkt im Bezug auf die eigenen Kinder).
Der Stärkere möge gewinnen, damit das Beste überlebt. Das ist doch Evolution oder nicht ?
Da jeder Mensch (und alle Tiere auch) zum Leben und Überleben geboren werden, lässt sich niemand widerstandslos unterdrücken.
Daher die Kriege und Unterdrückungen, um für sich persönlich die besten Lebensbedingungen zu schaffen und den Konkurrenten auszuschalten.
Das hat nichts, aber auch rein gar nichts damit zu tun, dass die Menschen nicht aufgeklärt waren oder ihre Kinder auch nicht richtig behandelt haben !
Aber die Menschen, die zunehmend mit ADHS, Verantwortungslosigkeit, Respektlosigkeit gegenüber Alteren und höherer Suchtanfälligkeit zu kämpfen haben, leben heute und hier.
Ist man der Meinung, den Kindern geht es in der Krippe besser, da Eltern immer unfähiger werden, wird es höchste Zeit, die Pflicht für ALLE einzuführen, an Elternkursen teilzunehmen !
In diesen Kursen lernt man das, was die Menschen in der Steinzeit automatisch praktiziert haben.
Auf dieses Handeln habe ich mich bezogen.
...und jahrtausendlang schlachten sich Menschen gegenseitig ab, stempeln andere Kulturkreise als Babaren oder Untermenschen ab, halten Sklaven und betrachten Frauen als Menschen zweiter Klasse. Also: vergessen wir die Aufklärung, betrachten die Entwicklung des menschlichen Geistes als Irrweg und fahren dummdösig grinsend mit Herrn Bush & Co in den nächsten Kreuzzug.
.. dass "Millionen Jahre: Eva Hermann" anonym gepostet wurde.
Ihnen würde ich gerne beipflichten / gratulieren, besonders zu den Sätzen:
Jahrtausendelang brauchte der Mensch keine Ratgeber, weil er nach dem handelte, was er gefühlt hat. Das Problem: der zivilisierte, kopfgesteuerte Mensch traut sich nicht, Gefühlen oder Intuitionen zu vertrauen
Frau Hermann hatte den Mut, sich zu "outen" - sie hat dieses uralte Programm wahrscheinlich sehr deutlich gespürt und hatte erfreulicherweise keine Hemmungen, darüber zu schreiben - das finde ich toll."
Ich finde Sie auch mutig.
MfG
Th Fuegner
Sowohl die Intuition wie die Wissenschaft sagen: Die Mutter als einzige Bezugsperson in den Jahren ab zwei ist zu wenig. Kleinkinder brauchen Alternativen. Variatio delectat ut cerebrum prosperet.
Habe Eva Hermanns Buch nicht gelesen, möchte aber trotzdem etwas zu ihrer Verteidigung schreiben:
Obwohl sie drei Scheidungen hinter sich hat (vielleicht waren die Männer ja auch "total panne" ?!?) sowie eine tolle Karriere, kann das Geschriebene sehr glaubwürdig sein !
Das "Wissen" für den richtigen Umgang mit unseren Kindern und für das, was der natürliche Weg ist, steckt schließlich in uns drin !
Auch in einer Frau Hermann.
Jahrtausendelang brauchte der Mensch keine Ratgeber, weil er nach dem handelte, was er gefühlt hat.
Das Problem: der zivilisierte, kopfgesteuerte Mensch traut sich nicht, Gefühlen oder Intuitionen zu vertrauen (oder findet das "uncool", längst überholt, ... ?!).
Frau Hermann hatte den Mut, sich zu "outen" - sie hat dieses uralte Programm wahrscheinlich sehr deutlich gespürt und hatte erfreulicherweise keine Hemmungen, darüber zu schreiben - das finde ich toll.
Dem modernen, denkenden Menschen muß es doch möglich sein, eine Mischung aus Eva (der vom Adam) und Eva (Hermann, wie sie v o r dem Mutter-sein lebte) zu kreieren, ohne die Bedürfnisse der Kinder komplett zu vernachlässigen !?
Wenn der Staat eine Menge für uns Eltern tut, kann das irgendwann gelingen.