Sicherheit auf den Pisten Die H-Frage und die Freiheit

Ist Skifahren zum Wochenend-Harakiri geworden? Der Ruf nach einer Helmpflicht wird von Experten nicht geteilt.

Von Birgit Lutz-Temsch

Der Schnee staubt. Die Flocken glitzern in der Sonne. Der Himmel ist blau, die Piste frei. Skifahren kann Spaß machen, ja das kann es. Seit Jahresbeginn umwedelt den alpinen Skisport jedoch kein Hauch von Freiheit mehr.

Aus Zweier- werden Vierersessel - doch wann verträgt ein Skigebeit keinen ausbau mehr?

(Foto: Foto: ddp)

Von Rasern und Risikozonen ist jetzt die Rede, von Kollisionen und Kontrollen. Unfallzahlen und Verletzungsbeschreibungen wirbeln durcheinander, und langsam aber sicher wird aus einem Freizeitvergnügen ein gefühltes Wochenend-Harakiri. Skiverbände bemühen sich landauf und landab, positive Stimmung für ihren Sport zu machen; es gelingt ihnen zurzeit selten.

Der Geschäftsführer und Ausbildungsleiter der Tiroler Bergrettung, Peter Veider, reagiert mittlerweile verhalten gereizt, wenn man ihn unter Bezug auf den folgenschweren Althaus-Unfall nach der Notwendigkeit einer Helmpflicht fragt: "Ich verurteile es absolut, dass wegen des bedauerlichen Unfalls eines Prominenten nun derartige Diskussionen aufflammen. Das ist eine völlige Überreaktion, mit der man das Problem nicht beseitigt", sagt er. Und damit steht er nicht allein.

Nachhaltigkeit gefragt

Viele, die sich seit Jahren die Köpfe über mehr Sicherheit im Skisport zerbrechen und etliche Maßnahmen umgesetzt haben, wurmt die emotional geführte Debatte, die sich zurzeit auf die H-Frage zuspitzt. "Dabei muss man wesentlich nachhaltiger an die Sache herangehen", sagt Veider. Die Bergrettung, der Deutsche Skiverband (DSV) und der Deutsche Skilehrerverband sprechen sich einhellig gegen eine Helmpflicht aus - wohl aber für das Tragen eines Helms.

Die Tiroler Bergrettung hat sogar zusammen mit einem Sportartikelhersteller einen eigenen Multifunktionshelm entwickelt, der zum Skifahren, Radfahren und Rodeln taugt - doch über das Aufsetzen des Helms solle jeder selbst entscheiden: "Beim Skifahren sucht der Mensch doch nach Freiheit", sagt Veider. "Wir wollen nicht für alles Vorschriften." Anstelle neuer Reglementierungen müsse weit mehr in der Prävention und Bewusstseinsbildung getan werden.

Auch für Peter Hennekes, den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Skilehrerverbands, ist Sicherheit ein Verhaltens- und kein Ausrüstungsthema. "Helme reduzieren das Verletzungsrisiko, aber als Verband wollen wir erreichen, dass das Risiko erst gar nicht besteht oder es zumindest so weit wie möglich minimieren."

Es könne nicht angehen, so Hennekes, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr auf die Piste lassen oder Senioren ihre Ski in den Keller stellen, nur weil die "gefühlte Gefährdung" so hoch sei. "Die Skigebiete seien für alle da, folglich müsse sich jeder Einzelne angemessen verhalten. "Wenn wir wollen, dass Skifahren ein erlebnisorientierter Freizeitspaß bleibt, müssen wir uns mit dem Thema Sicherheit noch mehr beschäftigen als in der Vergangenheit." Hier sieht er auch die Liftbetreiber in der Pflicht: "Die Frage, wie viele Skifahrer ein Gebiet verträgt, muss schon erlaubt sein."

Ende der Kapazitätssteigerung?

Gerade in den kritischen Zeiten wie an Weihnachten, Fasching oder langen Wochenenden werde es manchmal eng auf den Pisten. "Man könnte sich zusammensetzen und Skigebieten einer bestimmten Größe eine festgelegte Höchstzahl an Skifahrern zuweisen - aber das ist natürlich schwierig, denn schließlich will ja jeder Geld verdienen."

Dass die Frage nach einem sicherheitsbedingten Ende des Kapazitätsausbaus "gerade in diesen Zeiten" eine schwierige ist, bestätigt Karina Oberhofer von der Skiwelt Wilder Kaiser Brixental.

Mit 279 Pistenkilometern ist das Gebiet das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs, 91 Lifte und acht Bahnen absolvieren an starken Tagen 600.000 Fahrten; pro Stunde können 137.100 Menschen befördert werden. Wie fast alle Gebiete wird auch hier ständig ausgebaut, klassischerweise werden beispielsweise alte Einer- oder Zweiersessellifte durch größere ersetzt. Allein in der Saison 2008/09 wurden hier vier neue Bahnen in Betrieb genommen.

Der ständige Ausbau hat den positiven Effekt, dass die Skifahrer nicht mehr so lange am Lift anstehen müssen. Und den negativen, dass sich mehr auf den Pisten bewegen. Das führt zum einen dazu, dass sich heute mehr Skifahrer aus Übermüdung verletzen als noch zu Zeiten, in denen man eine halbe Stunde in der Liftschlange stand.

Zum anderen wird es ganz einfach enger. "Gefahrloses Skifahren liegt aber an jedem selbst", sagt Oberhofer. Eine Obergrenze sei in der Skiwelt schwierig zu realisieren, da sich der Verbund aus sechs Gesellschaften zusammensetze, zwischen denen die Skifahrer ständig wechselten. Ein Argument, das viele Gebiete verwenden könnten, denn oft schließen sich kleinere Gebiete zum Zweck der besseren Werbung mit mehr Pistenkilometern zusammen.

Zudem kämen die Skifahrer tageszeitlich versetzt in die Gebiete und ein großer Teil halte sich auch in den mehr als 70 Hütten auf.

Laut Michael Berner, Sicherheitsexperte des DSV hat ein Skifahrer derzeit ein 0,14-prozentiges Risiko, auf der Piste einen Unfall zu erleiden. In den vergangenen 30 Jahren haben sich die Unfallzahlen gut halbiert.

Als Gründe führt er die Präventionsarbeit der Verbände und die in den Skigebieten umgesetzten Maßnahmen an, zu denen bessere Pistenpräparationen, die Entschärfung oder das Markieren von Gefahrenstellen oder das Errichten von Fangzäunen gehört. Der Skisport brauche keine weiteren Reglementierungen, denn mit den zehn Verhaltensregeln des Internationalen Skiverbands sei alles geregelt. "Die Menschen müssen Eigenverantwortung übernehmen, ohne immer nach dem Staat zu rufen", sagt er.

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