Rosé-Weine Eine schicke Plörre

Einst galt der Rosé als Deppen-Wein - nun handeln ihn Experten als Gaumenschmeichler mit Potenzial.

Von Ijoma Mangold

Der große Publizist und Hitler-Biograph Joachim Fest erzählte gelegentlich gerne von den drei Formen der Unentschiedenheit, die seiner Meinung nach gar nicht gingen: Liberalismus, Bisexualität und Rosé-Wein. Und in der Tat: Wer in den achtziger und neunziger Jahren etwas auf sich hielt, wollte sich lieber nicht mit einer Flasche Rosé erwischen lassen. Das war jenes fragwürdige Gesöff, das die Nachbarn nach den Sommerferien aus der Provence mitbrachten, und das auf der heimischen Terrasse partout nicht jenen Zauber entfalten wollte, den es noch zwischen Pinien, Lavendelduft und Mistral-Böen hatte.

Rosé - das war aber auch ein unmännlicher Wein, ein Wein ohne Rückgrat, Anspruch und Charakter. Etwas für Warmduscher und Laientrinker, die sich sowohl vor der Säure von Weißwein als auch vor den pelzigen Tanninen von Rotwein fürchteten und sich deshalb für den Mittelweg entschieden, der in diesem Fall geschmacklich tatsächlich den Tod bedeutete. Rosé war das Getränk des naiven Stimmungstrinkers, dem das Kondenswasser auf der Flasche bereits das Gefühl von prickelndem Lebensesprit zu versprechen schien. Ein Wein für jene schafsköpfigen Marketing-Opfer, die sich von ihrem Supermarkt im Mai gerne ein fades Weinchen als Spargel-Wein andrehen lassen und die traurige Plörre des Rosés dann als frischen, unkomplizierten Sommerwein feiern.

Einen guten Eindruck von der Herablassung, mit der man sich dem Rosé zuzuwenden pflegte, vermittelt noch der große britische Weinkritiker Hugh Johnson in seinem Erinnerungsbuch "Weinwelt" aus dem Jahr 2006, wenn er gönnerhaft zu den Rosés aus Bandol bemerkt: "Im Anbaugebiet Bandol, das auf den besten Rotwein der Provence stolz sein kann, geraten die Rosés tiefgründiger und runder und sind fast schon ernsthafte Weine."

Und was ist jetzt mit diesen "fast schon ernsthaften Weinen" passiert? Gerade berichtet der Guardian, dass ausgerechnet in Frankreich, dieser Trutzburg traditioneller Weinkultur, jeder fünfte Wein, der in diesem Jahr über die Ladentheke geht, ein Rosé ist.

Aber - und das ist für den Weinfreund viel entscheidender - es wird nicht einfach mehr Rosé getrunken, sondern die Produzenten nehmen das neue Modegetränk sehr viel ernster als früher und liefern entsprechend deutlich bessere Qualitäten. Früher war der Rosé in den meisten Fällen ein Abfallprodukt. In Bordeaux zum Beispiel zog man in schwachen Jahren gerne Saft von der Maische ab, um auf diesem Weg den verbliebenen Most zu konzentrieren - aus dem abgezapften Most aber wurde ein liebloser Rosé hergestellt: als Abfallprodukt, man soll ja nichts verkommen lassen.

Heute gilt dem Rosé ein ganz anderes vinologisches Engagement. Das hat auch mit der Entstehung des Rosé-Hypes zu tun - eine "Top-down"-Marketing-Entwicklung, wie man das nennt, denn der Hype nahm im höchsten Preissegment seinen Ausgang. Es war nämlich die bessere New Yorker Gesellschaft, die vor einigen Jahren den Rosé-Champagner für sich entdeckte. Plötzlich war der Rosé von Ruinard für distinguierte Gaumen das vornehmste Partygetränk. Aber auch Roederer Crystal war sich nicht zu schade, einen Rosé auf den Markt zu bringen. Die New Yorker, einmal auf den Geschmack am lachsfarbenen Tropfen gekommen, entdeckten bald so eigenwillige Weine wie den herrlich urtümlichen Schilcher aus der Steiermark, der mit seinen wunderbaren Noten von Hagebutte und Himbeere auch als leicht moussierender Wein einen perfekten Aperitif darstellt, der jeden Prosecco an Charakter mit links schlägt.

Und weil es bei allen Genuss-Dingen auch immer um das Drumherum, um das Zeremoniell, um das Lebensgefühl geht, nahm dann das innovative Weinbauland Südafrika den Ostküsten-Hype auf und popularisierte ihn unerschrocken, indem man ihn am Kap als einen Zungenschmeichler präsentierte, den man gerne in großen Gläsern mit viel Eis drin serviert. In Deutschland ist man zwar noch weit davon entfernt, dass jede fünfte Flasche wie in Frankreich ein Rosé ist, aber zehn Prozent des Weinumsatzes macht der Rosé auch hier aus. Und er kommt auch oft richtig mit Klasse daher, seit er seinen altfränkischen Namen abgelegt hat: Weißherbst.

Trotzdem ist es kein Zufall, dass zum Beispiel Rothschild 2006 und 2007 groß ins Rosé-Geschäft einstieg und seinen Mouton Rosé mit gewaltigen Marketingkampagnen unters Volk brachte, denn beide Jahre zählen in Bordeaux zu den schwachen Jahrgängen - zu schwach nämlich für die anspruchsvollen Roten. "Der Rotwein", sagt Weinkritiker Mario Scheuermann, "ist ein elaborierter Wein, der Rosé das Gleiche im Naturzustand." Aber wenn er gut gemacht sei, fügt Scheuermann hinzu, dann sei er ein schönes Vergnügen: "Wenn man den Saft früh genug abzieht, hat er eine pikante und animierende Säure, die pure Frucht und Lebendigkeit des Rotweins, ohne im Fassausbau mit Holz in Berührung gekommen zu sein. Eine rotfruchtige klare Duftigkeit von Himbeer und Erdbeer mit geringer Alkoholgradation zeichnet einen guten Rosé aus."

Ein großer Rosé wie der aus dem Château Pibarnon, Bandol, ein ernstzunehmender Wein ganz und gar (in Deutschland um die 18 Euro zu haben), muss sich ohnehin nicht verstecken. Und ansonsten steht der Rosé mit seiner romantischen Leuchtkraft für eine unkomplizierte, entspannte Lebensfreude: ein Wein, der gewissermaßen sein Hemd immer einen Knopf weiter offen trägt als seine weißen und roten Brüder.

Gaumenschmeichler mit Potenzial

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