Einmal nutzte ich den redaktionsinternen Chatroom und schrieb einer Kollegin: "Echt tolle Frisur. Wenn ich nicht glücklich verheiratet wäre, würde ich versuchen, ein Date mit dir zu bekommen und hoffen, dass du dich in mich verliebst." Ihre Reaktion war ein Smiley, der einen Kussmund formt. Keine Abmahnung wegen sexueller Belästigung, sondern ein Augenzwinkern während der nächsten Redaktionskonferenz.
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Ehrliche Fragen
Andere Kollegen gingen mir in dieser Woche aus dem Weg, nur eine Kollegin war schmerzfrei, sie holte sich bei ihrem Bruder sogar Inspiration für die Fragen. Wen von meinen Kollegen hasse ich? Wie viel verdiene ich eigentlich? Hätte ich das Zeug zum Chefredakteur? Habe ich Angst vor dem Tod?
Ich habe jede Frage beantwortet. An die anderen Kollegen: Das würdet ihr nun auch alles gerne wissen? Tja, ihr hattet Eure Chance!
Warum die anderen nicht wollten? Der Psychologe Charles Bond hat eine Theorie entwickelt, die vom doppelten Standard ausgeht. Für den Belogenen gilt das biblische Gebot "Du sollst nicht lügen", er denkt, ihm würde Schaden zugefügt. Der Lügner jedoch rationalisiert seine Aussage, oft mit der Begründung, größeren Schaden vermieden zu haben. So entstehe der Begriff der "Notlüge". Eine Studie der University of California ergab, dass Lügner in vier von fünf Fällen angaben, nur deshalb gelogen zu haben, um den anderen nicht zu verletzen.
Speckschwarte, Saustall und Strafzettel
Diese Theorie kann man nur auf eine Art überprüfen - bei der Art Ehrlichkeit, die am meisten weh tun kann. Denn Radical Honesty bedeutet auch, sich selbst nicht anzulügen und nichts zu beschönigen. Kein Baucheinziehen vor dem Spiegel. Lass diese weiße Kugel im Badezimmer-Licht glänzen wie eine mit Öl eingeriebene Speckschwarte und sieh sie dir an. Minutenlang.
Die Zähne sind dunkelweiß vom Rauchen und die Haare waren auch schon mal dicker. Die Klamotten sind dem Beruf nicht angemessen, sondern eher für einen Teenager entworfen worden. Die Wohnung sieht aus wie ein Saustall. Ich habe meine Finanzen überhaupt nicht im Griff und es gibt da noch ein paar Strafzettel auf dem Küchentisch.
Kurz: Dieser Mann, der doch gerne vorgibt, selbstbewusst und attraktiv und cool zu sein, dieser Mann hat sein Leben von hinten bis vorne nicht im Griff. Ständig will ich von anderen hören, dass der Text gut ist, weil ich sonst vor lauter Selbstzweifeln nicht einschlafen kann. Ich kann nicht verlieren. Ich bin zornig.
Es ist ziemlich deprimierend, ehrlich zu sich selbst zu sein.
Wirst du jetzt wieder lügen?
Am Ende der Woche war die häufigste Frage: "Wirst du jetzt wieder lügen?" Natürlich. Natürlich. Natürlich. Ich werde wieder beschönigen, ein gewisses Maß an Taktgefühl einsetzen und manchen Menschen unverhohlen ins Gesicht lügen.
Aber nicht mehr so oft. Ich werde den Menschen, die ich mag, auch sagen, dass ich sie mag. Ich werde meinen Kollegen offen sagen, was ich von ihnen halte. Und ich wünsche mir, dass mir mal öfter jemand die Meinung geigen würde.
Die Welt muss ja vor lauter Wahrheit nicht in Anarchie versinken. Aber ein bisschen mehr davon schadet ihr auch nicht.
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Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de/mmk/viw)
Partyzone Flußufer
OK - dem kann ich so zustimmen. Wichtig finde ich, daß man zuerst sich selbst - und dann auch den Anderen - klar macht, daß jeder einzelne nur subjektive Meinungen von sich geben kann.
Das sollte sich auch in der Sprache niederschlagen - und obwohl es einfach klingt, ist die entsprechende Hygiene nicht einfach.
Also zum Beispiel: "ich finde, Du siehst..." und nicht "Du siehst...". Ebenfalls nicht "Du machst immer...", sondern stattdessen "Mir kommt es so vor, als ob Du...".
Der Unterschied klingt spitzfindig, ist aber meiner Meinung nach ziemlich elementar.
@himbeerkuchen: Wir reden ja hier nicht über die objektive, sondern die subjektive Wahrheit jedes Einzelnen. Und da entspricht der Satz "In dem Kleid siehst Du schlecht aus" durchaus der Wahrheit.
Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Wahrheit in Bereichen, in denen sie gesellschaftlich so gerade noch anerkannt wird, meistens einen positiven Effekt hat. Ich kann meinen Mitmenschen durchaus sagen, dass mich manche ihrer Eigenschaften stören, ohne dass sie sauer auf mich sind. Natürlich muss ich auch Meinungen über mich vertragen. Was ich daraus mache, bleibt ja mir überlassen.
bitte sehr - was soll denn "Wahrheit" sein? Man braucht sich doch nicht einzubilden, ein Mensch habe sie gepachtet und habe daher überhaupt die Möglichkeit, sie anderen kundzutun.
Dinge wie "in dem Kleid siehst Du schlecht aus" sind keineswegs die Wahrheit, sondern die subjektive, momentane Meinung des Sprechers. Damit eine Wahrheit daraus wird, müßte man mindestens einen repräsentativen Querschnitt anderer Mitmenschen konsultieren. Ebenso dürfte es mit vielen anderen Dingen sein.
Diese Art von "Wahrheit" wird wohl meist mehr über ihren Verkünder durchblicken lassen, als über die Dinge, über die zu urteilen er sich anmaßt.
Viel Glück wünsche ich dem Autor beim Kitten seiner Beziehungen nach dieser Woche!
Die Einhaltung der Spielregeln des Miteinanders und des gekonnten Umgangs mit Menschen ist auch ein Zeichen von Respekt gegenüber den Anderen. Z.B. bin ich bei einigen Menschen gar nicht daran interessiert, wie ihre Meinung über mich und meine Ansichten ist. Von daher bin ich z.B. den Kollegen dankbar, dass sie ihre Ansichten für sich behalten. Der sachliche Umgang funktioniert und bleibt effektiv.
Der höfliche Umgang mit anderen Menschen ist auch ein Zeichen von Kultur, sowie das Essen mit Messer und Gabel und anderen Tischmanieren.
Die sog. Ehrlichkeit endet oft in Rücksichtslosigkeit den anderen gegenüber. Das kann ich nicht gutheißen, solange ich mit Menschen zusammenarbeite oder lebe, die ich mit nicht ausgesucht habe.
Insofern ist diese Art von angestrebter Ehrlichkeit eine Form von Dummheit und Dreistheit, die ich nicht für sinnvoll erachte, auch nicht als Spiel.
Ich stimme meinen Vorredner bisher zu. Ich vertrete ebenfalls die Meinung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn sich alle die Wahrheit sagen würden. Man ist nur deshalb beleidigt, weil man so selten die Wahrheit hört. Stattdessen glaubt man, mit jemandem gut befreundet zu sein, obwohl die Freundschaft - wie im Artikel gelesen - offenbar eine einseitige ist.
Sobald es die Norm wäre, könnte jeder die Wahrheit als Chance begreifen, an sich zu arbeiten, oder wenigstens auf Kritik angemessen zu reagieren. Durch die Lüge verlieren oft beide Parteien. Man kann seiner Partnerin durchaus mitteilen, dass ihr das Kleid nicht steht. Falls sie das als angemessene Kritik ansieht, können beide gewinnen: Die Partnerin hat ein schöneres Kleid, und der Autor einen schöneren Anblick.
Natürlich kann ich nicht in die Welt gehen, willkürlich irgendwelche Leute beleidigen und dann enttäuscht von der Wahrheit sein. Ich muss auch beachten, dass eine geäußerte Kritik im Gegensatz zur Lüge auch positive Folgen haben kann.
Paging