Projekt 15: Mein Bauch gehört mir! Wer abnimmt, muss leiden

Die Lunge läuft auf Anschlag, der Jogginganzug sieht aus, als hätte es in Strömen geregnet. Doch am Ende des Tages darf man fragen: Rocky? Wer ist Rocky?

Von Jürgen Schmieder

Es gibt diese berühmte Sequenz im Film "Rocky", in der Sylvester Stallone als Boxer morgens um fünf sein Training beginnt. Im schluffigen Jogginganzug und mit schwarzer Kleingauner-Wollmütze schlappt er nach draußen in die Kälte. Er schleppt sich durch die Straßen von Philadelphia, zum Museum of Arts. Die Treppe davor wirkt wie ein Monster, wie der Endgegner in einem Computerspiel, den es zu bezwingen gilt.

Rocky stolpert die Stufen hinauf, er japst nach Luft, bricht beinahe zusammen. Der Trainingsanzug ist durchgeschwitzt und hängt noch schlabbriger an seinem Körper. Gerade noch schafft er es nach oben. Er ist nicht fit, ganz im Gegenteil. Eine traurige Figur, die Rocky in dieser Sequenz abgibt. Ehrlich. Eines künftigen Weltmeisters unwürdig. Und doch wirkt er im Gegensatz zu meiner Gestalt geradezu heroisch.

Aber von vorne: Diese Woche ist Sport dran. Jeden Tag laufen, mindestens 45 Minuten. In München gibt es dafür einen perfekten Ort: das Olympiagelände. Obwohl ich nicht weit weg wohne, fahre ich doch lieber mit dem Auto zum Parkplatz. Man weiß ja nie, was alles passiert. Zwei Runden ums Gelände schafft man locker, sagen die Kollegen. Auch mein Arzt hat mir das Laufen empfohlen.

Schon bei der ersten Runde denke ich mir: Mensch, die haben aber ganz schön gebaut 1972. Und so weitläufig. Toll! Mein Jogginganzug sieht aus, als hätte es gerade in Strömen geregnet, dabei haben wir doch frühlingshaftes Wetter. Naja.

Am Ende der ersten Runde wartet er: der Olympiaberg. Die schönste Aussicht auf München und das Stadion. Da muss ich hoch! Ich stelle den MP-3-Player auf "Rocky - the Training Montage". Am ersten Anstieg ertönt "Daa-daa, da-da-daaa, da-da-daa-da-da-da", ich fühle mich olympisch. Dieses Gefühl ist aber bald vorbei. Verdammt, der Berg ist steil.

Ich gebe nicht auf. Ich schlapfe, schlurfe, schleppe mich hoch. Fluche, verzweifle, heule fast. Aber ich komme oben an. Ich hüpfe wie Rocky am Ende seines zweiten Versuches, die Treppen hochzukommen - und lasse mich von dem 12-jährigen Mädchen, das mich unterwegs überholt hat, gebührend feiern.

Ich erkenne jedoch: Die freie Wildbahn ist nicht gemacht für einen wie mich. Ich bin eher der Indoor-Sportler. Vor allem kann man auf einem Laufband seine Leistung besser kontrollieren. Ich habe von meinem Fußballtrainer die Anweisung, in Intervallen zu laufen. Erst 800 Meter, dann 1000, dann 1600. Dann nochmal 1200 und 800. Jeweils höchstes Tempo, dazwischen Pause. Pyramidenlauf nennt er das. Vollkommen verrückt nenne ich das.

Aber egal: 800 Meter, das kann so lang nicht sein. Zwei Runden auf einer Tartanbahn, das schafft man in drei Minuten - zumindest ergeben das meine Dr.-Kawashima-Gehirntraining-gestählten Kopfrechnen-Künste. Ich stelle das Laufband auf 15 Stundenkilometer ein und laufe los.

Nun ist es nicht unbedingt so, dass ich zu den Gazellen im Laufsport gehöre. Und so ein Fitnessstudio-Laufband hält ja auch nichts aus. Ich trample also drei Minuten vor mich hin und schnaufe dazu wie ein Rhinozerus mit offener Tuberkulose. Die anderen Trainierenden wundern sich. Da brettert einer drei Minuten los wie die Feuerwehr, hört dann auf, japst kurz ein "Ja, spinn' ich denn?" durch die Halle und fängt ein paar Minuten später von vorne wieder an. Mit Würde und Eleganz hat das nur sehr wenig zu tun. Der 60-jährige Stallone sieht in "Rocky VI" besser aus als der 27-jährige Schmieder in "Projekt 15".

Neben mir trainiert eine 18-jährige Yogurette-Esserin fröhlich vor sich hin. Weiß die eigentlich, wie schwer es ist, mit einer Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern zu laufen und dabei den Bauch einzuziehen?

Aber ich merke: Sport tut mir gut. Nach jedem Training kehre ich in meine Wohnung zurück und fühle mich wie ein Neandertaler, der gerade ein Mammuth erlegt hat. Großartig. Aber ich habe auch Hunger wie ein Neandertaler, der gerade ein Mammuth erlegt hat. Nicht so großartig.

Denn die Ernüchterung folgt in Zahlen: kein Gramm weniger, gerade mal 0,2 Prozent weniger Körperfett. Und dafür tun mir die Beine weh, der Rücken sowieso, die Lunge läuft auf Anschlag.

Nein! Es muss eine bessere Methode zum Abnehmen geben.

Deshalb gehe ich zum Hypnotiseur. Ich habe einen Termin bei David Woods vom Hypnosezentrum Bayern. Der soll mich kurieren. Von meiner Süßigkeiten-Sucht, von meinen Fress-Attacken, von meiner Faulheit.

Das Laufen behalte ich bei, weniger Süßigkeiten auch. Mein Leben ändert sich dank "Projekt 15". Ich bleibe dran!

Am kommenden Samstag tritt unser Kolumnist bei der Sendung "Frank Elstner - Menschen der Woche" auf. Dann können Sie sich ein Bild von "Projekt 15" machen. Die Sendung wird am Samstag um 22.20 Uhr beim SWR ausgestrahlt.

"Projekt 15" erscheint regelmäßig bei sueddeutsche.de. Wollen Sie einen Kommentar zur Kolumne abgeben möchten, können Sie das gerne unten tun.

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