Nicht für alle Kinder Die Fünf-Sterne-Kita

In Potsdam hat die "Villa Ritz" eröffnet - eine luxuriöse Betreuungseinrichtung für die Kinder von besserverdienenden Eltern.

Von Constanze von Bullion

Das Haus, das rundum sorglos machen will, ist noch nicht ganz so, wie es mal werden soll. Im Keller gucken rohe Kabel aus der Wand, und unterm Dach schleppen Handwerker schwere Platten hin und her. Vieles ist noch im Bau in dieser alten Villa und einiges noch Phantasie, aber die Kinder, die man unten im Erdgeschoss antrifft, die sind echt. Sie sitzen an kleinen Tischen in einem weiten Salon, spielen artig mit gutem Holzspielzeug, hören geschmackvolle Musik, und wenn sie wollen, können sie dazu einen gesunden Biosaft trinken. Viel spektakulärer allerdings wird es nicht in diesem Kindergarten der Extraklasse.

Erlebniswelt Kindertagesstätte: Die Villa Ritz bietet Yoga, Reitunterricht, Chauffeurdienste und, falls gewünscht, auch Übernachtungen an. Man möchte "konservative Werte" vermitteln.

(Foto: Foto: dpa)

Nachmittag in der Villa Ritz in Potsdam, einem Kindergarten der besonderen Art, der gerade eröffnet worden ist. Die "Nobel-Kita", in der ein Platz 980 Euro und mehr kostet, ist in einem herrschaftlichen Haus untergebracht, es liegt in der Potsdamer Vorstadt und in einem Viertel, in dessen malerischen Villen sich seit Jahren die bessere Gesellschaft einnistet. Schauspieler, Fernsehleute und Diplomaten zieht es hierher, ein passendes Umfeld für einen Kindergarten, der Menschen mit viel Geld und wenig Zeit die Sorge um den Nachwuchs abnimmt.

Das Gewissen freikaufen

Nun weckt so ein teurer Laden im armen Osten natürlich nicht nur Neugier, sondern auch Neid. Es wird ja im Moment viel gestritten darüber, welche Betreuung einem Kind wann zuzumuten ist. Eine Debatte ist das, die arbeitende Eltern nicht nur in den neuen Ländern ärgerlich finden können. Denn sie führt bisher kaum dazu, dass Eltern besser arbeiten können oder ihre Kinder besser betreut sind, sondern höchstens dazu, dass solche Eltern mit schlechtem Gewissen tun, was sie sowieso nicht lassen können. Wer Geld hat allerdings, kann versuchen, sich da rauszukaufen, weshalb eine Einrichtung wie die Villa Ritz über mangelnde Kundschaft nicht klagen kann.

Jessica Noi ist eine Pädagogin, wie Eltern sie mögen. Sie ist 37 Jahre alt, wirkt engagiert und irgendwie kreativ, zuletzt hat sie im wenig privilegierten Berliner Norden Erzieherinnen angeleitet, jetzt ist sie Leiterin der Villa Ritz. Jedenfalls was das Pädagogische angeht.

Im Spätsommer 2006 führte Jessica Noi schon einmal Besucher durch die alte Villa. Es wird zu diesem Zeitpunkt schon viel geredet über das Haus, das kräftig Werbung für sich macht und eigentlich im November 2006 eröffnet werden soll. Ein etwas zu ehrgeiziger Zeitplan, wie sich herausstellt. Das Gebäude, das in der DDR als Standesamt herhielt, muss vom Keller bis zum Dach saniert werden, die Böden sind aufgerissen, überall liegen zerfetzte Tapeten herum. Die Beschreibung dessen, was entstehen soll, ist dafür umso blumiger.

"Das wird der Erlebnisraum, hier wird das Projekt sinnlich erlebt", sagt Jessica Noi und zeigt auf ein Zimmer, in dem, wenn alles klappt, "das Eintauchen in ein Thema gewährleistet" wird. Das Thema Wüste könnte zum Beispiel animiert werden, und weil man die Kleinen da nicht hinschicken kann, soll ein Beduinenzelt aufgebaut und ein Sandsturm nachempfunden werden. Gleich nebenan liegt ein Raum, der "das Wassererlebnis gewährleisten" kann, also ein Badezimmer, das farblich der "frühklassizistischen Zeit nachempfunden" ist. Auch im Treppenhaus werden historische Töne dominieren, ein königliches Purpurrot, abgesetzt mit dezentem Beige.

Über die Sinne zu lernen, ist so eine Grundidee hier, Jessica Noi stapft in den Garten. Wo jetzt Matsch zu sehen ist, soll neben einem Gewächshaus eine "Wasserstrecke" entstehen, die haptisch, also mit Händen und Füßen, erfahrbar ist. Vom Garten kommt die junge Kundschaft, für die es beschmutzbare Kitakleidung gibt, in den Garderobenbereich. Hier soll, wenn alles fertig ist, an einem Counter eine pädagogische Kraft stehen, die "die Bedürfnissse der Eltern aufnimmt". Die Kraft kann in den Computer eintippen, ob ein Kind krank ist oder Kummer hat. Damit die Eltern auch von lästigen Arztbesuchen entlastet werden, können sie ihr Kind gleich hier im Haus zur Krankengymnastik schicken oder in die Sauna, wenn auch "nicht bei 90 Grad".

Diätfachkraft inklusive

Stephan Knabe ist jetzt zum Rundgang dazugestoßen, er ist Steuerberater und ein Gesellschafter dieses Betriebs. Kinder hat Knabe nicht, aber Ahnung davon, was Eltern und Besserverdiener so für Bedürfnisse haben. Die Idee mit dem Kindergarten stammt von einer Frankfurter Investmentbankerin, erzählt er, deren Arbeitzeiten waren nicht zu vereinbaren mit einem normalen Kindergartentag. Die Finanzfrau hat also mit dem Steuerberater und interessierten Psychologen beschlossen, "bis zu einer halben Million" Privatkapital zu investieren. Einen Kredit von der Bank gab es nicht, sagt Knabe, "weil es ja nicht rentabel ist, das ist sicher". Ein Abschreibeobjekt nennt er das Projekt natürlich nicht.

Es geht in der Villa Ritz vor allem darum, gehaltvolle Kinderbetreuung "serviceorientiert" anzubieten, sagt Knabe. Die Kernzeit reicht von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends, sie ist verlängerbar und schließt drei Mahlzeiten ein. "Wir setzen einen ganz großen Schwerpunkt bei der Ernährung."

In der Küche soll eine "Diätfachkraft" werkeln, die sich um die Allergiker kümmert. Serviert werden auch Gerichte aus anderen Kulturen, schließlich kann man in der globalisierten Welt nicht früh genug lernen, "mit den entsprechenden Behelfsmitteln" fremdartige Dinge zu verspeisen. Jedes Kind darf Wünsche äußern, was es mag und was nicht, sagt Knabe. Jetzt schaltet sich die Pädagogin Jesssica Noi sacht ein. "Es geht natürlich nicht von einer Laune zur nächsten", sagt sie. "Es hat ja auch einen pädagogische Effekt, mit anderen zu essen."

Die Erziehung in der Villa Ritz orientiert sich an einem humanistischen Weltbild, an Benimm und "alten, konservativen Werten", sagt Noi, die den Eindruck hat, dass manche Eltern sich vom Kindergarten wünschen, was ihnen schwerfällt: Grenzen zu setzen. Mehr als nach pädagogischen allerdings wurde erst mal nach Organisatorischem gefragt, nach Kosten, und nach Sicherheit. Die gibt es, in Person eines entsprechend ausgebildeten Hausmeisters. Ein Chauffeur kann auch bestellt werden, kostet allerdings extra, genau wie Ballett, Geigenunterricht, Yoga, Reiten, Nachhilfe, die Vermittlung einer Nanny, eines Anwalts oder einer Person, die die Geburtstagsparty schmeißt.

Jessica Noi und Stephan Knabe machen sich auf den Weg ganz nach oben, wo sich ein Highlight des Hauses verbirgt. Unterm Dach, wo noch geschraubt und gespachtelt wird, können später bis zu vier Kinder mit einer Erzieherin übernachten. Der Bedarf ist womöglich größer als die Zahl der Betten, gefragt wurde nach dem 24-Stunden-Service jedenfalls oft, vielleicht nur so zur Sicherheit, sagt Jessica Noi. Sie will selbstverständlich darauf achten, "dass die Kinder nicht abgeschoben werden". Das hat sie auch den Leuten vom Jugendamt erklärt, die anfangs etwas skeptisch waren.

Um es kurz zu sagen: Die meisten dieser Extras gibt es noch nicht. Seit wenigen Wochen ist die Villa Ritz eröffnet, sie betreut zehn Kinder auf einer Etage, der Rest ist mehr oder weniger Baustelle. Es gibt noch keinen Kummercounter, keine Reitkurse, keine Diätfachkraft, dafür aber eine eher unspektakuläre Atmosphäre. Bis weit in den Nachmittag bemühen sich junge Erzieherinnen um ziemlich kleine, müde Kinder. Irgendwann geht die Tür auf, eine Mutter steht da, sie trägt zum flotten Stiefel den Pelzkragen. Die Mutter wird hier noch eine ganze Weile sitzen. Und warten. Ihr Sohn will lieber nicht nach Hause gehen.