Messie-Syndrom Chaos im Kopf

Nichts als Müllberge, Dreck, Krempel? Dieses Bild von Messies ist zu einseitig. Unter den gehorteten Bergen an Unrat liegen oft auch die Gefühle verschüttet.

Von Viktoria Weichselgartner

Alles ist blitzblank. Kein Staubkörnchen liegt auf dem Tisch, vom Boden könnte man essen, die perfekte Ordnung - so scheint es zumindest. Susanne L. (Name von der Redaktion geändert) ist Herrin über dieses Haus. Doch sie sieht die Ordnung nicht. Der Dachboden sei nicht aufgeräumt. Und im Keller sehe es noch viel schlimmer aus. Deswegen könne man hier auch niemanden reinlassen. Dass Gäste im Normalfall weder Keller noch Dachboden zu Gesicht bekommen, hat in ihren Gedanken keinen Platz. Den besetzen schon die unaufgeräumten Schränke. Wenn jemand die Schränke aufmacht, würde sie vor Scham im Boden versinken. Deswegen darf auch keiner das Haus betreten.

Welcher Gast reißt schon die Schränke der Gastgeberin auf und überprüft sie auf ihre Ordnung? Aber diese Logik zieht bei Susanne nicht. Sie steckt fest in ihrem gedanklichen Konstrukt aus irrealen Ängsten. So oft man auch versichert, wie ordentlich alles sei, Susanne schämt sich, wertet sich selbst ab.

Susanne ist ein Messie. Das Symptom wurde nach dem englischen Wort "mess" (Unordnung, Chaos) benannt. Das hat oft wenig mit den bekannten Bildern von total vermüllten Wohnungen zu tun. Die Betroffenen haben das Chaos im Kopf: Messies sind Menschen, die große Probleme damit haben, räumliche und zeitliche Strukturen zu organisieren. "Wann das Messie-Syndrom beginnt, lässt sich schwer sagen. Die minimale Definition von einem Messie kann man nur an dem subjektiven Gefühl des Betroffenen messen, der langsam ein internes Gefühl der Überforderung wahrnimmt", sagt Gisela Steins, Professorin für allgemeine Psychologie und Sozialpsychologie, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt und das Buch "Das Messie-Phänomen" dazu verfasst hat.

Handlungsblockade in der eigenen Wohnung

Das Messie-Dasein beginnt oft damit, dass man Dinge nicht zu Ende führen kann. Der Messie verzettelt sich, räumt nach dem Frühstück das Geschirr nicht ab, später bleibt auch noch der Teller vom Mittagessen bis zum Abendbrot stehen. Er tut alles andere, nur nicht aufräumen.

"Messies denken zwar die ganze Zeit daran, noch aufzuräumen, aber sie können die Gedanken nicht in die Tat umsetzen. Das endet dann in einer Stresssituation, die in einer totalen Handlungsblockade mündet. Meiner Meinung nach ist das Messie-Dasein eine Krankheit", erklärt Marianne Bönigk-Schulz, einst selbst betroffen und heute im Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms.

Bis zum 30. Lebensjahr gibt es immer wieder chaotische Lebensphasen. Ein Teenager, der sein Zimmer nicht aufräumt, ist also noch lange kein Messie. Aber ist der Entwicklungsprozess zum Erwachsenwerden abgeschlossen, sollte der Mensch zu gezieltem und gewohnheitsmäßigem Handeln fähig sein. Bei Messies ist diese Funktion gestört.

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