Médoc-Marathon Stark im Abgang

Kilometer 18. Das imposante Château Larose Trintaudon hat seine Tore geöffnet. Mit 175 Hektar Anbaufläche ist es eines der größeren Weingüter in der Region, belehrt der junge Mann, den man auf den ersten Blick für den Sohn des Gutsbesitzers halten könnte. Doch Pierre Amouroux - blaues Jackett, barfuß in Cognac-farbenen Weichleder-Slippern - steht in Wahrheit bei den "Assurances Générales de France", einem zur Allianz-Gruppe gehörenden Versicherungsunternehmen, auf dem Lohnzettel.

Die Versicherung kaufte das Schloss 1986 und betraute Amouroux neben allerlei Papierkrieg auch mit der Außendarstellung seines Brötchengebers. Und dem geht es, anders als das Kleingedruckte in den Hausrats- oder Haftpflichtversicherungen dies vermuten ließe, vor allem um eines: Offenheit. "Man muss die Châteaus demystifizieren", doziert Amouroux. "Früher fand das Schlossleben im Verborgenen hinter hohen Mauern statt, heute gibt es diese Mauern nicht mehr."

Dafür ist das pompöse Anwesen mit dem Prachtschloss aus dem Jahre 1858 noch immer von einem übermannshohen Eisenzaun umgeben. Es wird heute vornehmlich zu Repräsentationszwecken benutzt. Immerhin gibt es hier Wein: Château Larose Trintaudon. 60 Prozent Cabernet, 40 Prozent Merlot. Je nach Jahrgang zwischen 85 und 87 Parker-Punkte. Laut Werbung handelt es sich um "kaltes, erdiges, tintiges Bouquet, Nelkenköpfe und Waldholunder. Im Gaumen fleischig, kapselige Noten". Prima. Die Allianz gibt einen aus.

Kilometer 27. Château Lafite Rothschild. Drei Worte von fast biblischem Gewicht. Gäbe es den heiligen Gral der Önologen, er wäre in der kalkhaltigen Erde derer von Rothschilds vergraben. Rund 240000 Flaschen Grand Cru Classé presst die Dynastie um das derzeitige Oberhaupt Eric alljährlich aus seinen hundert Hektar Anbaufläche.

Der 2005er Jahrgang geht mit rund 700 Euro über den Ladentisch. Dementsprechend groß ist der Andrang an der Degustationsstation. Auch Frank und Sonja, zwei von insgesamt 328 deutschen Teilnehmern beim Médoc-Marathon, wollen sich einen echten Rothschild nicht entgehen lassen. Die 30 Kilometer und rein rechnerisch 17 Weinproben, die bereits hinter ihnen liegen, machen den mit quergestreiften Badeeinteilern und Schnauzbart kostümierten Mittfünfzigern augenscheinlich nichts aus.

Im Gegenteil: Frank scheint dem "Runner's high" nahe zu sein, jenem schlagartig einsetzenden Hochgefühl, das den Langstreckenläufer glauben macht, unbesiegbar und eins mit dem Kosmos zu sein: "Die Menschen singen, sind fröhlich und man lernt unglaublich viele interessante Leute kennen." Seine Frau sekundiert: "Beim Trinken!" - Er: "Ja! Hier interessiert nicht wie schnell der erste ist, sondern wie viel Promille der letzte hat, das macht den Unterschied."

Kilometer 35. Während die erstplazierten Läufer schon vor mehr als zwei Stunden das Ziel in Pauillac erreicht haben dürften, herrscht im Sanitätszelt unweit des Château Phélan Ségur Lazarett-Stimmung. Im Akkord kneten und drücken die freiwilligen Helfer übersäuerte Läufer-Beine, sprechen vor Erschöpfung irren Menschen Mut zu, verteilen Wasserflaschen und Durchhalteparolen. Vor dem Zelt wartet Homer Simpsons Ehefrau Marge entkräftet und mit verlaufener Schminke auf eine freie Massage-Liege.

Die Sonne brennt ihr auf die blaue Hochfrisur. Hinter ihr zeichnet sich am Horizont die Silhouette eines alten Bekannten ab: ein Schlumpf, ein Schlumpf! Seinem unrunden Bewegungsablauf nach zu urteilen hat er einen Beinschuss oder Ärgeres erlitten. Hatte das Wikingerschiff am Ende Kanonen an Bord?

Allmählich dünnt sich das Feld aus. Ein verirrter Indianer hier, ein Charlie Chaplin da. Sie wirken seltsam fremd in einer Landschaft, die aussieht als wäre sie mit Kamm und Nagelschere bearbeitet. Auch die Rest-Aromen des Lafite-Rothschild haben sich inzwischen verflüchtigt und hinterlassen einen samtigen Belag auf der Zunge. Bis ins Ziel sind es noch etwa sieben Kilometer. Die perfekte Gelegenheit für einen ruhigen Spaziergang.