Martini & Co. Gerührt und geschüttelt

Natürlich dürfen Sie trinken, was Sie wollen. Aber wissen Sie überhaupt, was Sie wollen? Deutschlands Experte für Whisky und andere Feinstoffe erklärt, was ein guter Drink ist.

Von Stefan Gabányi

Die Wahl des Getränks beschränkt sich in unseren Graden ja nicht auf die Suche nach einem Durstlöscher. Ebenso wenig geht es hier nur um den reinen Genuss. Zumindest in der Öffentlichkeit kann jede Getränkeorder auch als Style-Statement interpretiert werden, und entsprechend hoch ist also das Stresspotential.

Martini & Co.

Bei einem ordentlichen Martini muss mehr als nur der Wodka stimmen.

(Foto: Foto: Istockphoto)

Da erfordert es Mut, einen Jack Daniel's auf Eis zu nehmen, und wenn Sie dann noch eine Cola dazu bestellen, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn jemand fragt, wann ihre letzte S-Bahn fährt.

Um wieviel eleganter erscheint da ein Martini Cocktail, die ultima ratio aller Mischgetränke. Ursprünglich eine reichlich süße Kombination aus Gin und Vermouth, wurde der Martini in den 1950ern zum Sorgenbrecher des amerikanischen Mittelstandes. Und brachte es bald zum glamourösen Vademecum des Trinkeradels in Hollywood und Manhattan.

Der Martini Lunch gehörte zum täglichen Ritual des Bürobürgers, die Hausbar bildete den Mittelpunkt geselliger Feierabendgestaltung. Die Bezeichnung "Martini Lunch" war seinerzeit von John F. Kennedy ins Spiel gebracht worden, um gegen die steuerliche Absetzbarkeit von Geschäftsessen Stimmung zu machen.

Kollege Nixon zog es, wenn er nicht in gegnerische Wahlkampfzentralen einbrechen ließ, vor, Pressevertretern im Weißen Haus eigenhändig gerührte Martinis zu servieren. Als Jimmy Carter den Spesenrittern wieder an den Kragen wollte, konnte er bereits gegen den "Three-Martini-Lunch" wettern.

Inzwischen hat sich das Problem von selbst erledigt: Heutzutage wird bei derartigen Anlässen nur noch die Frage diskutiert, ob man sein Mineralwasser lieber mit oder ohne Kohlensäure nehmen sollte. Glücklich kann sich der höfliche Kellner nur dann schätzen, wenn vom Gast nicht altklug nach dem Hydrogencarbonatgehalt gefragt wird (der stimmt angeblich z.B. bei Fiji).

In der Kennedy-Ära kam auch der schöne Brauch auf, den Vermouthgehalt auf Homöopathiemaß zurückzufahren und den Gin durch Wodka zu ersetzen.

Ein Wodka Martini verfügt zwar über deutlich weniger Geschmack, dafür hinterlässt er so gut wie keine Alkoholfahne. Auch Spätfolgen am nächsten Morgen halten sich in Grenzen. Vom ordinären Schnapstrinken unterscheidet sich diese Form des Alkoholgenusses immerhin noch durch die rituelle Art der Zubereitung - gerührt oder geschüttelt?

Dann ist da noch die hochstielige, im Lauf der Zeit schick zum internationalen Cocktail-Piktogramm transzendierte Martinischale.

Und, natürlich: die Olive.

Welcher Genius erstmals die traditionell als Garnitur verwendete Zitronenzeste durch eine Olive ersetzte, ist nicht überliefert. Jedenfalls setzte sich die Idee durch, und die Olive wurde zu einem wesentlichen Stilelement. Die in den USA beliebte, mit Paprika gefüllte Olive wird bei europäischen Barkeepern seit je aufs Schärfste missbilligt. Auch "originelle" Paprika-Substitute wie Blauschimmelkäse oder Sardellen finden bei Puristen keine Gnade.

Cool dagegen ist es, statt der Olive eine kleine Silberzwiebel zu verwenden. Damit heißt der Martini dann Gibson und zeugt von echter Old-School-Eleganz.

Anhänger dieser Fraktion würden die Zwiebel übrigens selbst in Notzeiten nicht anrühren, wie überhaupt der Verzehr jeglicher Garnituren verpönt ist. Angesichts des hierzulande vor allem in Hotelbars geübten Brauchs, Cocktails mit überbordenden Früchtedekorationen zu beladen (auch in dieser Saison gilt: kein Drink ohne Physalis!), erscheint solche Strenge opportun.

Allerdings können gerade Olive und Zwiebel einem Cocktail mit ihrer leichten Säure zusätzliche Finesse verleihen. Womit wir beim grundsätzlichen Teil angekommen wären, der Frage nämlich, ob Genuss höher zu bewerten sei als Stil (her mit der Olive!). Oder ob nicht stilistische Vollendung durch heroischen Verzicht selbst der höchste Genuss wäre (Finger weg!). Wie alle ernst gemeinten Fragen, ist auch diese hier eine des Glaubens, vulgo Geschmacksache.

Ähnlich verhält es sich mit der Wahl der Wodkamarke. Tatsächlich lassen sich bei aller aromatischen Eintönigkeit der Spirituose zumindest zwei Stilrichtungen erkennen: in den traditionellen Herkunftsländern Polen, Russland und der Ukraine, wo Wodka meist aus Roggen gebrannt wird - Kartoffeln mussten nur in Notzeiten herhalten - gelten eine leicht ölige Textur und dezentes Getreidearoma als erstrebenswert.

Moderne, sogenannte internationale Marken dagegen, die vorwiegend aus Skandinavien, Frankreich und den USA stammen, werden nahezu neutral destilliert. Reinheit und Milde sind hier gefragt. Immer mehr High-End-Marken warten neuerdings auch mit einer süßlichen Zitrusnote auf, die von Trinkern alter Schule als Erfrischungstucharoma geschmäht wird.

Mit derartigen Feinheiten hat es jedoch nichts zu tun, wenn imagebewusste Freunde harter Getränke sich, statt einfach einen Wodka zu bestellen, stets auf eine bestimmte Marke kaprizieren. Auch an der Bar macht sich zunehmend jenes Label-Bewusstsein breit, das es dem modernen Großstadtmenschen ermöglichen soll, seine Individualität zum Ausdruck zu bringen.

Damit das auch mit einem Produkt funktioniert, das nach tendenziell gar nichts schmeckt - und ganz nebenbei in der Herstellung weniger kostet, als jede andere vergleichbare Ware mit Ausnahme von inferiorem Zuckerrohrschnaps - , dafür ist die PR-Abteilung zuständig. Die Flaschendesigner dürfen sich austoben, und Werbetexter erzählen die immer gleichen Geschichten von alten Familienrezepten, einzigartigen Getreidesorten und ausgefuchsten Herstellungsverfahren. Ohne Zweifel gibt es auch bei einem industriell gefertigten Massenprodukt wie Wodka qualitative Unterschiede. Die erschließen sich allerdings nur Spezialisten und auch das nur, solange man den Wodka pur trinkt.

Bleibt der Preis als Marketinginstrument: Bis vor 20 Jahren gab es billigen Wodka und sehr billigen Wodka. Heute verkaufen sich viele Marken nur, weil sie sich nicht jeder leisten kann. Die sogenannte "Premiumisation" hat Wodka in ein Trinker-Segment katapultiert, das vordem hauptsächlich von Cognac und Whisky abgegrast wurde. Mit mehr oder weniger üppigem Werbeaufwand wird ein Produkt dann durch Hochpreisigkeit in die Kategorie Luxusgüter platziert. Wenn die Zielgruppe nicht anspringt, erscheint schnell das nächste Label. Kein Wunder also, dass weltweit derzeit um die 3000 Marken angeboten werden.

Hier eine kleine, willkürlich getroffene Auswahl: Bei professionellen Blindverkostungen landet Gorbatschow, ein preisgünstiger Wodka aus Berlin, regelmäßig auf den vordersten Plätzen; bei Leuten, die sich von der Masse absetzen wollen, nützt selbst der Durchsichtigkeit in Herkunft und Substanz versprechende Name des Ex-Präsidenten nichts (die sollten es einmal mit Jelzin versuchen, echtem Prekariats-Treibstoff im drei Liter Tetrapack).

Die 80er-Jahre-Pop-Art-Kampagne des schwedischen Destillats Absolut markierte den Beginn des Marken-Hype in der internationalen Wodka-Szene. Gerade wegen seines anhaltenden Erfolges ist Absolut jedoch bei TrendSchnöseln längst unten durch. Ähnliches wird bald auch Grey Goose widerfahren, einem französischen Label, dessen leichtes Zitrusaroma vor einigen Jahren bei den Damen in New Yorks Creative Departments Furore machte.

Der exklusive Preis tat ein Übriges: Grey Goose war der erste Wodka auf dem US-Markt, der die Schallgrenze von 30 US$ pro Flasche durchbrach. Sein potentieller Nachfolger schlägt mit 50 US$ zu Buche. Er kommt auch aus Frankreich, heißt Jean Marc XO und überzeugt durch ein nahezu körperloses Mundgefühl, das etwas Glashaftes an sich hat.

Mit Russian Standard Platinum, diesem neuen, markanten Hipster aus Russland, liegt man derzeit goldrichtig. Wem der Preis zu moderat und die Verpackung nicht spektakulär genug ist, der greife zu Kauffmann: abgefüllt in Moskaus berühmter Cristall Brennerei und für ca. 150 Euro auch mit Jahrgang zu haben. Die Flasche erinnert allerdings eher an Discount-Duschgel.

Dazu trägt man am besten eine sehr große goldene Armbanduhr und ein Schulterhalfter unter der Jacke. Eine silberne Halskette und ein Schulterhalfter passen dann wiederum zu Armadale, dem Wodka aus der Merchandising-Abteilung des Hip-Hop-Labels Roc-A-Fella.

Für seriöse Genießer gibt es den Wyborowa Exquisit, ein gelungenes Beispiel polnischer Destillierkunst; das todschicke Flaschendesign stammt von Frank Gehry. Ebenfalls aus Polen kommt der seidenweiche Siwucha. Er ist hierzulande kaum zu bekommen, was ihn, in Verbindung mit dem minimalistischen Packpapier-Etikett, zum nächsten Geheimtipp prädestiniert. Über diesen Status ist Xellent bereits hinweg, ein in traditionellen Kupferbrennblasen destillierter Wodka aus der Schweiz. Die leuchtend rote Flasche taucht gerne dort auf, wo sich die gut betuchte Nachwuchs-Intelligenzija trifft. Anhänger des ökologischen Landbaus können es auch mit Rain versuchen, destilliert aus biologisch angebautem Mais.

Für Kuriositätensammler gibt es einen Weintrauben-Wodka namens Cîroc, der Grey Goose Konkurrenz machen soll; einen mit Kohlensäure versetzten Sparkling 945 für etwas mehr als 30 Pfund Sterling (Vorsicht, Aufstoßgefahr!); sehr lustig auch Wokka Saki, eine Mischung aus Wodka und Saké, die sich in Londons Fusion-Restaurants sicher ein bis zwei Saisons halten kann.

War noch was? Ja, das hier: Wer sich dem Label-Overkill entziehen möchte, kann sich seinen Martini ebensogut mit Doppelkorn zusammenrühren lassen - ein trend-resistentes Ego vorausgesetzt, ist da kein Genussverlust zu befüchten.