Luxus-Ware Wasser Aqua Gaga

Kanalisiert, mystifiziert, privatisiert: Über unseren Umgang mit dem teuren Gut Wasser. Noch nie war er so irrational wie heute.

Von Stefan Gabányi

Während täglich mehrere 100 Millionen Liter Wasser durch das marode Leitungssystem Londons im Erdreich versickern, lässt sich das erlesene Publikum in den schicksten Restaurants der City Jahrtausende altes Wasser kredenzen, das aus Tiefenbohrungen in der Arktis stammt.

So manch einer dieser Luxus-Junkies dürfte sein Vermögen unter anderem Margaret Thatchers Idee verdanken, die Londoner Wasserwirtschaft zu privatisieren. Dies brachte den beteiligten Investoren Gewinnspannen im zweistelligen Prozentbereich, den Kunden aber ebenso hohe Wasserpreissteigerungen. Die angekündigte Sanierung der Versorgungsleitungen kam dagegen nur sehr zögerlich voran, dafür wurde vielen Londonern in den heißen Sommern Mitte dieses Jahrzehnts eine ihrer liebsten Freizeitvergnügungen untersagt: das Rasensprengen.

Nun gehören Verschwendung und Profitgier zweifellos zum Wesen unserer Wirtschaftsordnung, im Umgang mit Wasser allerdings erscheint solches Verhalten als lebensbedrohende Dummheit. Ob Wasser überhaupt eine Ware sein kann, oder ob der Zugang zu sauberem Trinkwasser nicht eher als Menschenrecht zu gelten hat, das ist seit längerem ein heiß umstrittenes Thema diverser UN-Gremien, Welthandelsorganisationen und NGOs. Während der Weltwasserentwicklungsbericht der Vereinten Nationen angesichts einer Milliarde Menschen, die ohne sauberes Trinkwasser leben, von "Wasserdeprivation" spricht, wittern internationale Konzerne enorme Gewinne in der privatwirtschaftlichen Nutzung von Grundwasser.

Gegen den Warencharakter spricht zwar die existenzielle Bedeutung, die Wasser für jegliches Leben auf unserem Planeten hat. Angesichts der natürlichen Begrenzung und ungleichmäßigen Verteilung der globalen Vorräte ist Wasser aber auch ein strategisches Gut.

Die Liebe zum "blauen Gold"

Wer den Zugang zum Wasser kontrolliert, hat die Macht. Und das gilt nicht erst, seit die Getränkeindustrie ihre Liebe zum "blauen Gold" entdeckt hat. Das wusste auch schon der Perserkönig Dareios, der als Zeugnis seiner Weltherrschaft Krüge mit Wasser aus Donau, Nil und Indus in seiner Schatzkammer verwahrte. Die frühen Reiche des Vorderen Orients wären ohne ihre ausgeklügelten Bewässerungssysteme nicht in der Lage gewesen, die stetig wachsende Bevölkerung zu ernähren.

Funde von Abwasserkanalsystemen zeigen, dass bereits in der Antike bekannt war, wie wichtig sauberes Grundwasser für die Trinkwasserversorgung ist. Dieses Wissen ging im Mittelalter verloren, und so war es wegen des fäkalienverseuchten Brunnenwassers in den Städten häufig gesünder, seinen Durst mit alkoholischen Getränken zu stillen.

Den Stoff dazu lieferten vor allem Klöster. Nahezu alle Mineralwasserbrunnen und Heilquellen befanden sich bis zur Säkularisation im Besitz des Klerus. Neben ökonomischen Interessen spielte dabei auch die Kontrolle über die sakrale Macht des Wassers eine wichtige Rolle: seine Bedeutung für Reinigungsrituale, die in Form von Fußwaschungen, Taufe und ähnlichem in nahezu jeder Religion als Voraussetzung für die Kommunikation mit höheren Wesen zu finden sind.

Als sich die Kirche zahlloser Quellen bemächtigte, die bereits vorchristlichen Kulten gedient hatten, ging es auch darum, heidnische Fruchtbarkeitsriten in den Griff zu bekommen, die besonders im Volksglauben noch ihr Unwesen trieben. Das lustvolle Geplansche griechischer Nymphen musste den trügerischen Gesängen von Nixen weichen, deren einziges Ziel es war, ihre Opfer dem Ertrinkungstod zuzuführen. Die inspirierende Sinnlichkeit verwandelt sich, christlicher Moralvorstellung entsprechend, in einen bedrohlichen Strudel, der die Menschen - Männer vor allem - ins Verderben reißt.

Wasser in edler Hülle

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