"Sichtbarer Makel"

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Dass die Kernfrage der Tagung noch in Angriff genommen wurde, verdankten die Zuhörer Referenten wie Dennis Nowak. Der Arbeits- und Umweltmediziner von der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigte die Crux von Eigen- und Fremdverantwortung auf. Aus seiner Sicht haben viele Präventionsbemühungen versagt, denn "theoretisch lassen sich alle Berufskrankheiten vermeiden und viele andere Gefahren auch". Aber Wissen erzeuge nun mal keine Verhaltensänderung.

Nowak entlarvte das Motto "Fordern und Fördern" als repressive Floskel: Gesundheit fördern hieße doch, dass man sich als gut situierter Akademiebesucher überlegen kann, ob man drei- oder viermal am Tag Salat isst und 45 statt 30 Minuten Sport treibt. "Fordern hingegen bedeutet, unwillige Gesunde und unfähige Kranke mit Sanktionen zu belegen", so Nowak. Dass Nikotin, Bewegungsmangel und Alkohol ungesund seien, wisse mittlerweile jeder.

"Übergewicht und Rauchen sind zum sichtbaren Makel sozialer Diskriminierung geworden", so Nowak. Dass es sozial Schwächeren an Handlungsspielräumen mangele, mache sie krank. Aus den Genen lässt sich das nicht herauslesen.

Das Wechselspiel zwischen Genen, Umwelt und Psyche wurde von anderen Referenten kaum ausgelotet - ein Psychologe oder Psychosomatiker war nicht eingeladen, nur der obligatorische Feigenblatt-Ethiker. Die Gefahren durch Feinstaub, Radon im Boden, Passiv-Rauch oder einseitige Ernährung sind interessant. Spannend wird es aber, wenn diese Risiken in Beziehung zum Lebensstil gesetzt werden.

So haben Pima-Indianer weltweit die stärkste Veranlagung für Diabetes. Von den körperlich aktiven Angehörigen des Stammes in Mexiko bekommen fünf bis zehn Prozent die Zuckerkrankheit. In Arizona leben die Pima zumeist bewegungsarm und arbeitslos im Reservat. Von ihnen erkranken 40 Prozent an Diabetes.

Tödliche Billig-Jeans

Widersprüche in der Debatte bleiben. Damit Kunden in Deutschland gebleichte Jeans kaufen können, werden diese in der Türkei von 15-Jährigen mit Quarzsand abgestrahlt. Mehrere türkische Jugendliche sind an Silikose - der Bergarbeiterlunge - gestorben.

"Aber wer hat Schuld? Das weiß ja keiner, der bei H&M eine Hose kauft", so Dennis Nowak. Susanne Weber-Mosdorf von der WHO zeigte die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln. In Deutschland werden oft bessere Arbeits- und Umweltbedingungen weltweit gefordert.

Der Valentinstag befördere das Gegenteil: "Die Blumen werden mit hohem Pestizideinsatz in Afrika und Südamerika produziert, machen die Menschen dort krank und bringen das längst verbotene Gift hierher zurück."

Woher das üppige Blumenbukett kam, das vor dem Rednerpult in Tutzing aufgebaut war, blieb - wie so viele Fragen - unbeantwortet.

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(SZ vom 21.02.2009/mmk)