Kinderpsychologie "Man muss nur quaken, dann kommt die Brust"

Kinder in Deutschland werden immer häufiger zu Tyrannen - weil die Eltern keine Grenzen setzen. Jugendpsychiater und Buchautor Michael Winterhoff stellt provokante Thesen auf.

Interview: Martin Zips

Sein Buch führt momentan die Bestsellerlisten in Deutschland an: Mit "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" scheint der Bonner Jugendpsychiater Michael Winterhoff, 53 und Vater zweier Kinder, einen Nerv getroffen zu haben.

SZ: Herr Winterhoff, beschreiben Sie doch mal den derzeitigen Zustand der Kinder in Deutschland.

Michael Winterhoff: Die Beziehung von Erwachsenen und Kindern hat sich dramatisch verändert. Der Hintergrund ist eine Vielzahl gesellschaftlicher Umwälzungen.

Wenn man das erkennt, kann man nachvollziehen, warum Kinder immer weniger Chancen haben, sich psychisch zu entwickeln.

SZ: Wenn man Ihr Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" liest, kriegt man ja Angst. Sie schreiben, als Jugendpsychiater hätten Sie eine Zunahme an Störungen beobachtet, die "Anlass zu großer Sorge um die gesamtgesellschaftliche Zukunft" seien.

Winterhoff: Ich will keine Angst schüren. Allerdings habe ich bemerkt, dass es immer mehr auffällige Kinder gibt - etwa 30 Prozent. In den vergangenen Jahren hat sich das eklatant zugespitzt. Ein Beispiel: Heutzutage spielen Kinder auch noch mit 12 Jahren bei mir im Warteraum in der Spielecke. Eine Begrüßung ist nicht möglich. Sie nehmen ihre Eltern oder mich gar nicht wahr. Auf dem Weg in mein Büro gehen sie sehr langsam.

Die Kinder bestimmen mich im Tempo, nicht ich die Kinder. Selbst einfache Aufträge führen sie nicht aus. Was sich also dramatisch verändert hat, ist, dass diese Kinder sich nicht mehr nach Erwachsenen ausrichten, sondern die Erwachsenen dazu zwingen, sich nach ihnen auszurichten. So kommt es, dass sie auf dem Reifegrad eines Kleinkindes stehenbleiben.

SZ: Wer oder was hat daran Schuld?

Winterhoff: Hintergrund ist für mich die sich deutlich verändernde Gesellschaft. Durch den immensen Wohlstand in den Neunzigern haben immer mehr Erwachsene damit begonnen, sich nur noch um sich selbst zu drehen. Ihren Kindern gegenüber wurden sie unvernünftig. Zugleich schaffte es die Gesellschaft - etwa nach dem Zusammenbruch des Ostblocks - nicht, ihren Mitgliedern Orientierung, Sicherheit und Anerkennung zu geben. Erwachsene begannen also, sich Anerkennung über ihre Kinder zu holen. Etwa so: Wenn mich draußen keiner mehr liebt, dann soll mich wenigstens mein Kind lieben.

SZ: Gab es das nicht schon immer?

Winterhoff: Nicht in diesem Maße. Früher hat sich eine Mutter auf ihre Intuition verlassen. Aus dieser Intuition heraus ließ sie ihr Kind - zum Beispiel - auf etwas warten. Auch, wenn es quengelte oder schrie. Dieses Trainieren des Frustrationspotenzials von Kindern jenseits des Säuglingsalters ist ungeheuer wichtig.

SZ: Und heute? Sie schreiben, dass Kindergärten auf Widerstand stoßen, wenn sie von den Eltern "trockene" Kinder verlangen. Eltern hingegen schätzen Sätze wie: "Die Angebote unseres Kindergartens richten sich allein nach den Bedürfnissen Ihrer Kinder."

Winterhoff: Es ist doch so: Ich als Erwachsener muss wissen, was für Kinder gut ist. Wenn Sie mit Ihrem Kind ein Eis kaufen gehen, so sind es ja auch Sie, der entscheiden muss, wie viele Kugeln das Kind bekommt. Setzen Sie dem Kind jedoch keine Grenzen, so wird es sich an Eis überessen - und es wird anschließend nicht wissen, warum es sich übergibt.

Als Säugling muss man nur quaken, dann kommt die Brust. Wenn man Kindern aber auch über das Säuglingsalter hinaus permanent die Brust reicht - ihnen also sofort jeden Wunsch erfüllt -, so bleiben diese Kinder in der oralen Phase stecken. Sie werden später sehr leicht nach anderen Dingen süchtig: nach Videospielen, Flatratesaufen, Fastfood.

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