50 Jahre Schlümpfe Schlumpfhausen als postmodernes Utopia

Die Schlümpfe sind Plastikfiguren, Sammlerstücke - und Thema für die Wissenschaft. Ein Soziologe erklärt, warum sie so beliebt sind.

Von Ulrike Bretz

sueddeutsche.de: Warum sind die Schlümpfe ein Thema für die Wissenschaft?

Sacha Szabo: Die Schlümpfe haben eine 50-jährige Erfolgsgeschichte. Kinder spielen mit ihnen, Jugendlichen lesen die Geschichten, Erwachsenen sammeln die Figuren - damit sind die Schlümpfe Teil unseres Alltags. Also haben die Sozial- und Kulturwissenschaften die Aufgabe, sich diesem Aspekt unserer Wirklichkeit anzunehmen.

sueddeutsche.de: Was ist das Besondere am blauen Kosmos Schlumpfhausen?

Szabo: Wenn wir uns unbefangen der Schlumpfwelt nähern, vermittelt Schlumpfhausen den Charme einer märchenhaft-mythischen Welt, einer Welt der Zwerge, Gnome und Zauberer. Das Besondere der Schlumpfwelt ist aber, dass sie nicht nur auf Mythen zurückgreift, sondern auch eine eigene Utopie entwirft.

sueddeutsche.de: Welche Utopie ist das?

Szabo: Die Schlümpfe sind ein Kollektiv. Bemerkenswert dabei ist aber, dass in diesem Kollektiv der Individualität jedes Schlumpfes Raum eingeräumt wird. Durch dieses Zusammenspiel zwischen Gemeinschaft und Individuum bildet Schlumpfhausen das postmoderne Utopia einer funktional-differenzierten Gesellschaft.

sueddeutsche.de: Wie funktioniert diese Schlumpf-Gesellschaft?

Szabo: Die Schlümpfe sind eine Gesellschaft aus Spezialisten. Damit spiegeln sie unsere moderne Gesellschaftsstruktur wider: Nur durch das Zusammenwirken der unterschiedlichen Professionen können die Schlümpfe ein Problem bewältigen. Das Auffällige bei den einzelnen Schlumpftypen ist, dass auch scheinbar wertlose Eigenschaften wie Schönheitssinn, Dichtung oder Faulenzerei notwendige Funktionen sind, die das Überleben der Schlumpfgemeinschaft gewährleisten.

sueddeutsche.de: Schlumpfhausen ist also die heile Welt?

Szabo: Es weist jedenfalls eine große Nähe zur frühsozialistischen Utopie Charles Fouriers auf. Sein Gesellschaftsmodell zeichnete sich dadurch aus, dass es einen harmonischen Ausgleich gibt, wenn jedes Gesellschaftsmitglied entsprechend seinen Neigungen handelt.

sueddeutsche.de: Ist das der Grund für den Erfolg der Schlümpfe?

Szabo: Ihr Geheimnis liegt in ihrer Spezialisierung. Jeder hat eine andere Aufgabe, vom Gärtnerschlumpf bis zum Frierschlumpf. Und genau dies macht einen Schlumpf auch als Geschenkartikel attraktiv. Das Schlumpfuniversum ist begrenzt und überschaubar, das macht es auch als Sammelgebiet so ideal. Eine Sammlung sorgt für Struktur in einer unüberschaubaren Wirklichkeit.

sueddeutsche.de: Was reizt Kinder daran, mit den Plastikfiguren zu spielen?

Szabo: Entgegen den Erwartungen, die oftmals an Spielzeug gestellt wird - nämlich dass es die Phantasie fördert - verharren Schlümpfe statisch in einer sehr typischen Geste. Schlümpfe haben damit nicht das Potential von Puppen, mit denen man interagiert. Schlümpfe werden zu einer Geschichte arrangiert. Genau dies ist eine Methode, durch die Sinn gebildet werden kann. Das Entzückende eines solchen Schlumpfarrangements ist, dass viele kleine Handlungen, viele kleine Ereignisse ein geschlossenes Ganzes bilden.

sueddeutsche.de: Wodurch unterscheiden sich die Schlümpfe von anderen Phantasiewesen?

Szabo: Im Unterschied zu Fantasyfiguren, die in den letzten Jahren die Kinderzimmer erobert haben, strahlen die Schlümpfe keine Gefährlichkeit aus, da ihr Äußeres dem Kindchenschema entspricht. Schlümpfe verlangen eben genau keine Action. Stattdessen laden sie zu einem kontemplativen Betrachten ein, da ja bereits alles angelegt und vorhergegeben ist. Aus Sicht der Sozialwissenschaft ist der Schlumpf der Gegenentwurf zur postmodernen Bastelbiographie, da die Identität eines Schlumpfes nicht in Zweifel zu ziehen ist und nicht immer wieder neu geschaffen werden muss.

sueddeutsche.de: Mit welchem Schlumpf identifizieren Sie sich?

Szabo: Mein Lieblingsschlumpf ist der Gammelschlumpf. Er erbringt den Beweis, dass auch scheinbar unproduktive Tagedieberei eine notwendige Funktion in der Gesellschaft haben kann.

Sacha Szabo lehrt Soziologie an der Uni Freiburg und erforscht populärkulturelle Phänomene.