Gewalt in Beziehungen Jugendlicher Verliebt in einen Schläger

Die 15-jährige Jenny wurde von ihrem Freund geschlagen, bedroht und kontrolliert. Sie ist kein Einzelfall: Fast zwei Drittel der deutschen Jugendlichen haben in ihrer Beziehung schon körperliche und psychische Gewalt erlebt.

Von Anne-Nikolin Hagemann

Julia Roberts hat recht, findet Jenny, 16 Jahre alt. "Kennst du den Film Pretty Woman?", fragt sie, "wo dieser Typ Julia schlägt und sie sagt: ,Wham, eine Sekunde lang dachte ich, der ganze Kopf fliegt mir weg.' Genauso fühlt sich das an."

Jenny heißt eigentlich anders. Ihren richtigen Namen möchte das Mädchen nicht veröffentlicht sehen. Dabei hat sie nichts getan, wofür sie sich schämen müsste - sie hat sich nur verliebt. Bedingungslos und Hals über Kopf, wie man das nur mit 15 kann. In einen Jungen, von dem sie bis heute behauptet, dass es nicht der falsche war. Er hat Blumen mitgebracht zum ersten Date, hat ihr in einer Nacht 24 SMS geschrieben und zum ersten Jahrestag einen Kuchen in Herzform gebacken. Dieser Junge war Jennys erste große Liebe. Und er hat sie geschlagen. Immer wieder.

Besonders stolz ist Jenny auf ihre Haare, schulterlang und dick und honigblond. Ansonsten sei sie weder besonders hübsch noch besonders hässlich, sagt Jenny über sich selbst am Telefon. Eigentlich sei sie einfach Durchschnitt.

Demütigungen und Drohungen

Eine Studie der Hochschule Fulda sagt: Jenny ist die Mehrheit. Beinahe zwei Drittel der deutschen Jugendlichen haben in ihrer Beziehung schon Gewalt erlebt, 66 Prozent der Mädchen und 60 Prozent der Jungen, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 14 bis 18 Jahre alten Schülern in Hessen.

"Für die Befragung haben wir das Einverständnis der Eltern gebraucht", sagt Beate Blättner, Leiterin des Forschungsteams, "daher sind die realen Zahlen vermutlich viel höher." Noch ist die Auswertung nicht abgeschlossen, die Forscher gehen aber davon aus, dass von länger andauernder und schwerwiegender Gewalt vorwiegend die Mädchen betroffen sind. Drei Gewaltformen haben sie abgefragt: physische, psychische, sexualisierte. Am häufigsten nannten die Befragten die psychische: Demütigungen, Drohungen, ständige Kontrolle durch den Partner.

"Es hat damit angefangen, dass er meine SMS lesen wollte", sagt Jenny. Dann will er wissen, was sie macht, wenn sie nicht bei ihm ist. Alle zwei Stunden fragt er sie per SMS. "Er hat mich halt vermisst", sagt Jenny. Einmal vergisst sie, ihm zu antworten. Als sie nach einem Mädels-Abend zu ihm fährt, hat er schon zwei Stunden gewartet. Er ist wütend, eifersüchtig. Heult. Sie nennt ihn einen Loser. Da schlägt er ihr ins Gesicht. Es klinge schlimm, sagt Jenny heute, aber dennoch: "Ich hatte das Gefühl, dass ich das verdient habe."