Gesellschaft Der lange Weg zum modernen Mann

Sie helfen im Haushalt, spielen mit den Kindern, aber wirklich modern sind sie nicht: Eine Studie zeigt, wie die Geschlechterrollen das Leben noch immer prägen.

Von M. Drobinski

Ein bisschen erinnert der Auftritt vor der Bundespressekonferenz an einen Elternsprechtag, bei dem die Lehrerin den nur begrenzt erziehungsfähigen Schüler lobt: Er hat sich gebessert. Er ist nicht mehr so schlimm. Er sieht, dass er sich ändern muss. Männer, sagt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU), hätten sich "modernisiert".

"Traditionelle Rollenmuster werden aufgebrochen", sagt Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der oberste katholische Männerseelsorger Deutschlands, betont: "Die Entwicklungsbereitschaft der Männer steht außer Frage."

Männer bewegen sich, heißt die Botschaft der Studie der katholischen und evangelischen Männerarbeit. Es soll eine gute Nachricht sein in diesen Tagen, da nach dem Amoklauf von Winnenden Fachleute diskutieren, welche Gewalt aus pubertierenden Jungen brechen kann, und eine Studie des Innenministeriums zeigt, dass Männer eine erschreckende Nähe zu rechtsextremem Gedankengut und zur Gewalt haben.

"Männer in Bewegung" so lautet also die frohe Überschrift der Kirchenstudie, doch die Bewegung ist gering. Vor zehn Jahren hatten der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner und der Sozialwissenschaftler Rainer Volz schon einmal Frauen und Männern befragt. In diesen zehn Jahren ist der Anteil der traditionell denkenden Männer zwar gesunken, jedoch nur von 30 auf 27 Prozent.

Jeden vierten Mann nennen die Forscher "balancierend", weil er versucht, alte und neue Lebensformen zu verbinden. Leicht von 29 auf 30 Prozent ist der Anteil der "suchenden" Männer gestiegen, die alte Muster hinter sich gelassen, aber noch keine neuen gefunden haben.

Die Hausarbeit wird fairer verteilt

Als "modern" gehen nur 19 Prozent der Männer durch, auch dieser Anteil hat um nur einen Punkt zugenommen. Geändert hat sich vor allem das Bewusstsein der Traditions-Männer: Sie finden es nicht mehr so schlimm, wenn Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen oder wenn sie auch einmal Kinder hüten sollen. Von daher sprechen Volz und Zulehner von "teiltraditionellen" Männern.

Insgesamt "familiarisierten" sich die Männer, sagt Zulehner. Gerade bei den neuen Männern hat die Wertschätzung der Ehe zugenommen; die Hausarbeit wird fairer verteilt. An Bedeutung gewonnen haben Freundschaften, hat die Freizeit; leicht abgenommen hat die Orientierung am Beruf. Doch ausgerechnet die modernen Männer erwarten häufiger als vor zehn Jahren, dass ihnen der Job nicht nur das Brot zum Leben bringt, sondern Erfüllung und Glück.

Das beschreibt das Dilemma vieler Männer: Sie wollen gute Väter und Freunde sein, aber auch den Beruf nicht vernachlässigen. Sie haben extrem hohe Erwartungen an eine Partnerschaft: 1998 sagten 39 Prozent, dass es für sie keine Traumfrau gebe - jetzt sind es nur noch acht Prozent. Männer sind also zunehmend zerrissen und überfordert mit dem, was sie sein wollen und sollen.

Und sie fallen dann oft wieder in die alten Muster zurück. Nur 15 Prozent der Männer bleiben zuhause, wenn ein krankes Kind zu pflegen ist; 14 Prozent sind bereit, eine Zeit aus dem Beruf auszusteigen, um einen Pflegefall zu betreuen.

Zu den alten Mustern gehört auch, dass Männer umso eher bereit sind, Gewalt und autoritäre Muster zu befürworten, je weniger gebildet sie sind und je traditioneller sie denken. Diese Nähe zur Gewalt ist gestiegen: 58 Prozent der teiltraditionellen Männer stimmten Sätzen zu wie: "Manchmal muss man Kinder schlagen, damit sie zur Vernunft kommen."

Da also hat die Bewegung der Männer ihre Grenzen. Grenzen, die deutlicher zu sehen sind, weil sich die Frauen in den vergangenen zehn Jahren sehr viel stärker verändert haben als die Männer. Nur noch 14 Prozent gelten den Forschern als traditionell, die Zahl hat sich nahezu halbiert. Und während bei den ganz jungen Männern unter 20 Jahren nur 13 Prozent als modern gelten, ist bei den jungen Frauen die Quote auf 41 Prozent geklettert.

Frauen sind flexibler und stärker politisch interessiert. Zulehner und Volz sehen da ein Problem auf dem Beziehungsmarkt, wenn unbewegliche Männer auf moderne Frauen treffen: "Die Zahl der unfreiwillig einsamen Männer wird wachsen", schreiben sie. Oder die Männer ändern sich.

Graue Herrschaften

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