Erziehungsfehler Lobhudelei verunsichert den Nachwuchs

Dieser Ausdruck! Diese Farbkombination! Was auch immer Kinder abliefern, meistens bewerten ihre Eltern es als Meisterwerk.

Du kleines Genie! Eltern loben ihren Nachwuchs gern und viel. Doch was gut gemeint ist, halten Wissenschaftler für bedenklich - ausgerechnet bei unsicheren Kindern.

Von Sebastian Herrmann

Eltern verfügen über zuverlässige Reflexe. Legt etwa die Tochter oder der Sohn ein selbst gemaltes Bild zur elterlichen Begutachtung vor, entfacht das meist Stürme der Begeisterung: "Ganz toll, Schatz, das Bild ist wirklich superschön, du bist ja ein richtiger Künstler!" Mütter und Väter überschütten Kinder gerne bei geringstem Anlass mit euphorischem Lob. Egal was die Kleinen machen, die Eltern sind regelmäßig völlig aus dem Häuschen. Doch diese rosarote Pädagogik könnte kontraproduktiv sein: Überschwängliches Lob scheint vielen Kindern eher zu schaden als zu nutzen.

"Übertriebenes Lob hemmt ausgerechnet Kinder, die scheinbar am meisten davon brauchen - unsichere Kinder", schreiben Psychologen um Eddie Brummelmann von der Universität Utrecht in einer Studie im Fachblatt Psychological Science.

Erwachsene äußern ihre offensive Begeisterung für die Werke und Taten ihrer Kinder ja in der Regel in guter Absicht. Sie wollen Mädchen und Jungen bestärken und insbesondere die Kleinen mit geringem Selbstbewusstsein anspornen. In einem Versuch der Psychologen bedachten Eltern auch jene Kinder mit dem überschwänglichsten Lob, die in einem Persönlichkeitstest geringe Werte beim Selbstbewusstsein erzielten.

Natürlich profitieren Kinder davon, wenn ihre Eltern wahrnehmen, was sie machen und das auch noch gut finden. Deshalb klingt es so einleuchtend: Lob ist gut, deshalb muss besonderes Lob doch auch besonders gut sein? Nein, im Gegenteil: "Das kann Kinder verleiten, wichtige Lernerfahrungen zu vermeiden", sagt Brummelmann.

Das beobachteten die Psychologen bei einem Versuch in einem Museum, bei dem Kinder zwischen sieben und elf Jahren berühmte Gemälde nachzeichnen sollten. Ein vermeintlicher Künstler bewertete die fertigen Bilder und lobte die Kinder unterschiedlich überschwänglich. Das zeigte Konsequenzen: Die Kinder mit geringem Selbstbewusstsein weigerten sich anschließend eher, eine weitere, herausfordernde Aufgabe anzunehmen - wenn sie zuvor extrem positives Feedback bekommen hatten.

Was schon ausgezeichnet war, lässt sich schwer toppen

Was ist da los, was hemmt die Kinder, zumal sie in dem Test die euphorische Begeisterung als ehrlich wahrnahmen? Übertriebenes Lob setze sie unter Druck, argumentieren die Psychologen. Wenn Erwachsene ein Bild ihres Sohnes oder ihrer Tochter in den höchsten Tönen preisen, wächst daraus für unsichere Kinder eine Erwartung an sie. Statt ein neues Bild zu malen, verzichten sie lieber - aus Sorge, es könnte nicht so schön werden wie das erste. Lob schürt also Angst vor dem Scheitern. "Unsere Ergebnisse legen deshalb nahe, dass übertriebenes Lob schulische Leistungen unsicherer Kinder hemmt", sagt Brummelmann.

Erwachsene sollten nun bloß nicht einem weiteren Elternreflex verfallen und sich verunsichern lassen. Es ist alles gar nicht so kompliziert: Die Psychologen Mark Lepper und Jennifer Henderlong leiten aus ähnlichen Studienergebnissen einfache Empfehlungen ab. Lob sollte aufrichtig sein. Statt Sohn oder Tochter bei jedem Anlass zum künftigen Genie auszurufen, sollte positives Feedback ehrlich und unaufgeregt sein. Leise Töne bestärken unsichere Kinder mehr als übertriebene Hymnen.