Erwachsene und Kuscheltiere Stoff für Träume

Das Stofftier lebt seit Weihnachten 1988 bei Aisling. Seitdem hätten sie fast jede Nacht zusammen verbracht, sagte sie dem irischen Fotografen Mark Nixon, der für sein Buch "Much loved"(Abrams Books, 12 Euro) Kuscheltiere von Freunden und Familienmitgliedern porträtierte.

Die wenigsten Erwachsenen geben es öffentlich zu, aber erstaunlich viele teilen das Bett mit einem Gefährten aus Plüsch. Das kann der klassische Steiff-Teddy sein oder die Börsenratte "Black Friday". Der Fotograf Mark Nixon hat die seltsame Liebe der Erwachsenen zu ihren Kuscheltieren dokumentiert.

Von Titus Arnu

Das Fell riecht nach totem Nagetier. Es fühlt sich struppig und stumpf an. Die ehemals gelb-schwarzen Streifen sind ausgebleicht. Ein Auge hängt schief am Kopf. Das linke Vorderbein wirkt porös, die Schnurrbarthaare fehlen, seit sie vor 35 Jahren mit einer Bastelschere gestutzt wurden. In freier Wildbahn hätte ein halb blinder, lahmer Tiger ohne Spürhaare keine Überlebenschance. Doch der Stofftiger ist schon 40 Jahre alt, nur geringfügig jünger als sein Besitzer - und er wird trotz seines desolaten Zustandes gehütet wie ein Schatz.

Liebe kann sich lange halten, auch wenn sie nicht aktiv erwidert wird, manchmal sogar ewig. Beim einen ist es ein kleiner Tiger mit dem phantasievollen Namen "Tiger", beim anderen der Bär "Pezi", die Puppe "Gela" oder der Affe "Gogo". Eigentlich sind Stofftiere ja als Kuschelkameraden für Kinder gedacht; Psychologen sprechen von "Übergangsobjekten", die den Kleinen dabei helfen sollen, ohne Körperkontakt mit den Eltern einzuschlafen. Doch manchmal bleiben diese Übergangsobjekte in ihrer Funktion erhalten, selbst wenn die Besitzer schon graue Haare haben.

Die wenigsten Menschen geben es öffentlich zu, aber erstaunlich viele teilen das Bett mit einem Gefährten aus Plüsch. Jeder siebte Erwachsene verreist mit seinem Kuscheltier, wie eine repräsentative GfK-Umfrage bei 1100 Deutschen ergeben hat. Demnach will fast jede fünfte Frau (19 Prozent) nicht auf das Schmusetier verzichten, bei den Männern ist es jeder neunte (elf Prozent). Eine Gefälligkeitsstudie, von der Plüschtierindustrie gesteuert? Keineswegs. Eine nicht repräsentative Umfrage unter Freunden und Kollegen bringt Ähnliches ans Licht. Leute, die sonst auf harten Hund machen, bekommen beim Gedanken an ihren Kuschelhund aus Kindertagen feuchte Augen. Erwachsene Männer, die hier lieber anonym bleiben wollen, geben zu, dass sie niemals ohne ihren Stoffhasen auf Geschäftsreise gehen würden. In Flugzeugen kann man erwachsene Frauen dabei beobachten, wie sie sich bei Start und Landung ängstlich an ihren Teddy klammern.

Mark Nixons Sohn Callum bekam "Peter Rabbit" vor zehn Jahren von seiner Urgroßmutter.

Kuscheln mit "Black Friday"

Die Liebe zu einem Plüschtier scheint bei vielen Leuten eine Konstante im Leben zu sein - jedenfalls verlässlicher als vieles, was man in realen Liebesbeziehungen sonst so erlebt. Kein Wunder, ein Stofftier sagt abends nicht: "Wir müssen reden, Schatz." Die Frage "Wann hast du zuletzt einen Putzlappen in der Hand gehabt?" verbietet sich gegenüber einem Wesen, das keine Hände hat und selbst eine Art ausgestopfter Lappen ist. Mehr Phantasie, öfter mal ins Theater, gemeinsame Pläne - kann man von einem nett grinsenden Tier, dessen Kopf mit Schaumstoff gefüllt ist, einfach nicht verlangen. Die einen sagen, das sei ein Nachteil gegenüber einem Gefährten aus Fleisch und Blut, die anderen werten es als klaren Vorteil.

Weil die Verkaufszahlen für klassische Schmusetiere für Kleinkinder zurückgehen - schuld sind die miesen Geburtenraten - setzen einige Hersteller bereits auf Erwachsene als Zielgruppe. Der fränkische Stofftierhersteller Sigikid hat eine Produktreihe auf den Markt gebracht, zu der 80 skurrile Figuren gehören, unter anderem der Stier "Macho Gazpacho", die Börsenratte "Black Friday" und "U-Bahn-Ulli". Gibt es tatsächlich verzweifelte Banker, die weinend mit "Black Friday" kuscheln oder "U-Bahn-Ulli" anschreien, wenn der Dax abstürzt? Wenn ja, möchte man das auf keinen Fall mit ansehen müssen.

Die Firma Steiff hat besonders wertvolle Bären für Erwachsene im Angebot, die damit nicht in erster Linie zum Schmusen bewegt werden sollen, sondern zum Sammeln. Schmusetiere als Wertanlage? Das kann auch schiefgehen. Ein hochverschuldeter Hedgefonds-Manager machte vor einiger Zeit von sich reden, als er seine 655 Exemplare umfassende Teddy-Sammlung aus Geldnot versteigern lassen musste. Vielleicht hätte der arme Mann genau in diesem Moment einen Kuschelbären gebraucht. Immerhin, der Erlös lag bei 1,23 Millionen Euro.

Das Kleid des über 50-Jährigen Bären Peter ist der einzige Strickversuch, den Bärenbesitzerin Maeve je unternommen hat.