Eine kleine Warenkunde Ein Gin kommt selten allein

Echte Männer brauchen kein Eau de Toilette: Sie träufeln einfach ein paar Tropfen puren Gin auf ihre Halsschlagader. Man kann ihn aber auch trinken.

Von Stefan Gabányi

Immer wieder, wenn Londoner Trend-Gurus eine neue Spielart des nächtlichen Zeitvertreibs ausrufen, halten Barkeeper auf dem Kontinent erst mal die Luft an. Aus Ehrfurcht vor dem unergründlichen Geheimwissen der stilsicheren Briten ebenso wie aus Angst, mal wieder einem unverkäuflichen Gag aufzusitzen. So wie vor zwei Jahren, als in London der Sochu-Hype inszeniert worden war. Die Idee, mit Sochu, einem eher derben Hirseschnaps aus Japan, auf dem internationalen Trinkerparkett Furore zu machen, war allerdings selbst für Londoner Verhältnisse zu weit hergeholt, und nun verstaubt das Zeug in den schicken Regalen.

Die Londoner Trend-Gurus rufen: Gin ist das nächste große Ding nach Wodka.

(Foto: Foto: Istockphoto)

Wenn also die Jungs von der Insel jetzt Gin als das nächste große Ding nach Wodka propagieren, muss das noch nichts heißen. Tatsächlich sitzt Wodka sicherer auf dem Thron denn je, sein sauberer, nahezu neutraler Geschmack verleiht ihm ein konkurrenzloses Konsenspotential (und für den Fall, dass das irgendwem zu fad wird, gibt es die meisten Wodka-Marken inzwischen mit verschiedenen Aromazusätzen).

Wer heute Gin verkaufen will, tut demnach gut daran, ihn als eine Art aromatisierten Wodka anzubieten. Aus herstellungstechnischer Sicht ist das gar nicht mal falsch, allerdings lässt es unsere olfaktorische Sozialisation kaum zu, den typischen Wacholdergeschmack des Gin in irgendeiner Form mit Wodka zu assoziieren. Aromatische Intensität war es wohl auch, die Wacholder neben den ihm zugeschriebenen Heilkräften schon früh für Alchemisten interessant machte. Im Vertrauen auf die Macht des Analogiezaubers verfuhren sie nach dem Motto: Was stark riecht, hilft auch viel - und verordneten Wacholderdestillate gegen Rheumatismus, Nierenschmerzen und als Abführmittel.

Als willkommener Nebeneffekt wurde die Schärfe des hochprozentigen Alkohols noch dazu vom Wacholder abgemildert, und er kaschierte Fuselöle und Säuren, wie sie bei vorindustriellen Produktionsverfahren an der Tagesordnung gewesen sein dürften. Bereits im Mittelalter wurde Wacholder minderwertigem Wein beigemischt, der dann als "Wein der Armen" unters Volk kam.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt Wacholder als Unterschichtaroma schlechthin: feuriger Soldatenfusel, den englische Truppen im 17. Jahrhundert aus Holland mitgebracht hatten ("Dutch Courage" hieß das damals), Trost und Ruin der Industriearbeiter ("The Last Shift") und schließlich Elendsdroge in den Slums von London und Manchester ("Liquid Madness"). Der Adel und das Bürgertum delektierten sich derweil an Cognac, der durch jahrelange Fassreifung gemildert und dementsprechend teuer war.

Der britische Autor John Doxat stellte in diesem Zusammenhang einmal süffisant fest, dass Großbritannien den Gipfel seiner Macht in einer Zeit erreichte, als nahezu die gesamte Bevölkerung so gut wie permanent betrunken war. Auch die Damenwelt machte da keine Ausnahme, allerdings ohne Klassenschranken: gelangweilte Upper-Class-Ladys fanden ebenso im Gin Zuflucht wie ihre proletarischen Schwestern, die Unterschiede waren rein formaler Natur: In den Slums mischte man den Gin mit Bier und nannte das "Dog's Nose", auf dem Landsitz mit Pfefferminzlikör ("Gin & Pep") oder mit italienischem Vermouth ("Gin & It").

Die feinen Herren selbst kamen erst auf den Gin-Geschmack, als Qualität und Verträglichkeit der Destillate durch industrielle Brennverfahren deutlich gesteigert werden konnten. Auch neue Steuergesetze, die Gin teurer und also exklusiver machten, spielten hier eine Rolle.

Als Trendsetter traten damals die einflussreichen Offiziere der königlichen Marine auf, indem sie Gin anstelle von Brandy zur Standardverpflegung auf ihren Schiffen machten (um den gehörigen Abstand zu wahren, war einfachen Matrosen der Gin-Konsum verboten, sie mussten mit billigerem Rum vorliebnehmen). Die Verbindung von Alkohol und den damals bei der Navy obligatorischen Arzneien wirkte stilbildend auf die Trinksitten im gesamten Commonwealth: Die täglich gegen Skorbut verabreichte Ration Zitronensaft wurde mit Gin runtergespült, und fertig war das Grundrezept für formidable Cocktails wie Gin Fizz, Gimlet oder Gin Sling.

Die Mischung aus Gin und Angostura, einem hochprozentigen Würzbitter, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts gegen tropische Fieberkrankheiten verordnet wurde, ist in klassischen Cocktailbars bis heute als Pink Gin bekannt - getrunken wird sie allerdings nur noch von Leuten, die Alkohol für ein Mittel gegen Schluckauf halten und Gin für ein Frühstücksgetränk. (Ein weiterer medizinischer Cocktail ist dagegen völlig von der Bildfläche verschwunden. Er trug den Namen des Londoner Krankenhauses Brompton und bestand aus Gin, Morphium und Honig. Bis in die 1960er Jahre wurde diese Mixtur todkranken Patienten quasi als letzte Ölung verabreicht.)

In Verbindung mit einer als "Indian Tonic" bezeichneten chininhaltigen Malariaprophylaxe schließlich etablierte sich Gin endgültig als respektables Großstadtgetränk. Der Gin & Tonic avancierte zum traditionellen Sundowner in den Kolonien rund um den Indischen Ozean, bei dem sich britische Kolonialoffiziere von den Mühen des Sklaventreibens erholten. Er wurde zum Inbegriff einer abgebrüht-lethargischen Kolonialeleganz und zum ebenbürtigen Rivalen des luxuriösen Whisky Soda.