Ein bisschen Spaß darf sein Wie viel Alkohol verträgt die Etikette?

Alkoholikertreff Bundestag

In seinem witzigen und klugen Buch ,,Alk'' schreibt Simon Borowiak im Hinblick auf die ,,alkoholische Relativitätstheorie'', dass laut dieser ,,die Aufnahme der richtigen Alkoholika zur richtigen Zeit'' entscheidend sei für die gesellschaftliche Akzeptanz des Trinkens. Würde die Sekretärin zur Feier des Tages statt einer Flasche Sekt ein Spritzbesteck, Tabletten und Joints in die Runde werfen, wären die Kollegen befremdet. Schon bei harten Getränken würde das vermutlich anfangen. Prosecco steht für die unverbindliche Plauderei unter Kollegen, Ramazotti dagegen für die Bereitschaft, soviel zu trinken, dass man am Ende mit Tränen in den Augen seine Problemen erzählt. Übrigens kann eine volltrunkene Frau noch weniger mit Verständnis rechnen als ein Mann mit vergleichbaren Promillewerten.

Der Volltrunkene markiert, besonders wenn er öffentlich in Erscheinung tritt, den Grenzwert der menschlichen Würde. Man schämt sich, ihn zu sehen, andererseits ist man über das, was er sagt und tut belustigt; letztlich erkennt man im Zugedröhnten bloß noch einen erbärmlichen Menschen, der in großen Schwierigkeiten steckt. Joschka Fischer hat den Deutschen Bundestag einmal eine ,,unglaubliche Alkoholikerversammlung'' genannt. Ein freches Wort und zudem schwer zu belegen, jedenfalls bis zum 24. November 1994, als der FDP-Abgeordnete Detlef Kleinert ans Pult trat und, angeblich unter dem Eindruck einer vorangegangenen kleinen privaten Feier, mit schwerer Zunge seine Rede lallte, welche Kleinert in dem Vorwurf gipfeln ließ, die Aufnahmefähigkeit seiner Kollegen Abgeordneten lasse sehr zu wünschen übrig.

Schwer betrunkene Menschen sind auch deshalb so provokant, weil sie ihre Abweichung nicht als Makel empfinden, sondern sich über die unvollkommenen Nüchternen stellen. Aus ihrem trüben Blickwinkel sind es die anderen, bei denen etwas nicht stimmt. Das Reich der Volltrunkenheit ist ein souveränes Terrain mit eigenen Gesetzen. Wer es betritt, muss wissen, dass sein Aufenthalt hier keine Dauer hat, und dass ihn die Mitwelt bei seiner Rückkehr in die Nüchternheit nicht mit wehenden Fahnen begrüßt.

(SZ. vom 5.6.2007)