Die 104-Jährige Fragen an ein langes Leben

War früher alles besser? Sind die Kinder von heute albern? Das wollten SZ-Kinderreporter von Hella Müting wissen, die gerade in einem Kinofilm über Hundertjährige zu sehen ist.

Interview von Dagmar Wagner, Mitarbeit: Leonie Maag

Helena, 11: Was war Ihre schwierigste Entscheidung?

Hella Müting: Das war meine Flucht aus meiner Heimat Stettin während des Zweiten Weltkriegs. Es ist schwer, loszugehen von zu Hause, aber vermutlich war es eher ein Muss und keine Entscheidung. Die Trennung von meinem zweiten Ehemann dagegen fiel mir ziemlich leicht.

Felix, 11: Was besitzen Sie noch aus Ihrer Kindheit?

Wenig, wir mussten ja über Nacht weg. Aber den Ring, den hab ich noch. Der ist von meinen Patentanten. Gott, wie hießen die? Eine hieß Grete mit Vornamen.

Danielle, 9: Womit haben Sie als Neunjährige gespielt?

Wir waren acht Geschwister - ich war die fünfte. Die meiste Zeit waren wir draußen. Haben der Mutter im Garten geholfen. Oder Räuber und Gendarm gespielt. Oder Crocket: da versucht man, Kugeln mit einer Art Holzhammer durch kleine Tore zu schießen. Ich habe auch alles gelesen, was ich zwischen die Finger kriegte, schmalzige Liebesromane und Historisches.

Ella, 10: Muss man, um so alt zu werden, es so richtig wollen?

Das ist Zufall. Die Natur ist nicht gerecht. Ich habe wohl einfach Glück gehabt.

Greta, 9: Was war Ihr größter Geburtstagswunsch als Kind?

Ich wollte Naschereien haben. Es waren magere Zeiten. Später, in der Oberstufe, habe ich Nachhilfestunden gegeben, und da hatte ich eigenes Geld. Als Erstes habe ich mir eine ganze Tafel Schokolade gekauft, nur für mich alleine.

Stella, 10: Wie haben Sie Ihren 100. gefeiert?

Wo war ich denn? Ach ja, ich habe einen Empfang hier im Altenheim gegeben, auch der Bürgermeister kam. Es gab Schnittchen, Saft und Sekt. Dann habe ich eine Rede gehalten. Meine fünf Kinder waren da. Die Jüngste ist jetzt vor mir gestorben.

Helena, 11: Wie war Ihr erster Schultag?

Eigentlich enttäuschend. Das war in Stettin, und wir sollten Ostereier suchen. Ich war klein und doof, alle anderen fanden mehr als ich.

Charlotte, 10: Wie hat sich die Rolle der Frau während Ihres Lebens verändert?

Früher war die Frau Hausfrau, und hatte viel zu tun. Zum Beispiel machte sie Fleischklöße: Da kauft man heute Gehacktes und macht die in fünf Minuten fertig. Früher kaufte man ein Stück Rind- und Schweinefleisch, schnitt das klein, drehte es durch den Fleischwolf, der schwer sauber wurde. Dann erst konnte man kochen - so ein Unterschied war das. Heute gibt es schon mehr Gleichberechtigung. Aber das Kinderkriegen wird man der Frau nie abnehmen können.

Stella, 10: Gibt es etwas, was sie an Kindern von heute albern finden?

Albern? Nein. Ich finde, Kinder werden entsetzlich verwöhnt. Ich weiß noch: wenn wir zu acht eine Tafel Schokolade bekamen, wurde sie genau eingeteilt. Und jeder passte auf, dass die Teile gleich waren. Heute essen sie die wie eine Butterstulle.

Danielle, 9: Was war gerade erfunden worden, als Sie Kind waren?

Das Radio. Das war eindrucksvoll: ein Brett, aus dem hing ein Draht, den steckte man sich ins Ohr. So erfuhr ich, dass das Grab von Tutanchamun entdeckt worden war.

Greta, 9: Stimmt der Spruch "Früher war alles besser"?

Nein. Das ist Quatsch.

Ella, 10: Wie alt wollen Sie noch werden?

Ich bin ja älter, als die Polizei erlaubt. Ich wollte nicht so alt werden. Jetzt, im Rollstuhl, ist mir schon manchmal langweilig.

Das Gespräch führte Dagmar Wagner, Mitarbeit: Leonie Maag