In der "Großen Spendershow" wird im Fernsehen um die Niere einer Todkranken gekämpft. Perverser Voyeurismus oder dringend benötigte Öffentlichkeit für den Organspendeskandal?
Die "Große Spendershow" ist eine Provokation, sie skandalisiert intimes Leid und stellt es auf widerliche Weise bloß. Das Spektakel im holländischen öffentlich-rechtlichen Sender BNN, das an diesem Freitag ausgestrahlt wird, weidet sich an der Todesangst Schwerkranker, deren letzte Hoffnung auf Leidenslinderung und Überleben darin besteht, bald eine Spenderniere verpflanzt zu bekommen. Hier ist nichts fiktiv oder gestellt.
Entnahme einer zur Transplantation vorgesehenen Niere. Allein in Deutschland warten Tausende Menschen auf ein Spenderorgan. (© Foto: AP)
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Gezeigt werden nicht Schauspieler einer Doku-Soap, sondern drei Menschen, die so krank und verzweifelt sind, dass sie sich sogar auf diese öffentliche Zurschaustellung einlassen. Eine vierte Patientin, die noch kränker ist, entscheidet darüber, wer von den drei Kandidaten ihre Organe bekommt, wenn sie gestorben ist.
Tiefpunkt des Fernsehens
Man kann das Fernsehen dafür geißeln, dass es einmal mehr voyeuristische Instinkte bedient und sogar mit der existenziellen Not chronisch Kranker Quote machen will.
Man kann die Programmmacher dafür tadeln, dass sie den verzweifelten Wunsch der Kandidaten nach einer neuen Niere ausnutzen und die Teilnehmer zu einem Wettkampf um das Spenderorgan anstacheln und vor laufenden Kameras gegeneinander antreten lassen. Das ist berechtigte Medienkritik. Richtig ist aber auch, dass ein Verdienst der Sendung gerade in dieser Zuspitzung besteht. Dafür muss man sie loben.
In der "Großen Spendershow" geht es ums Überleben. Das unterscheidet sie fundamental von bisherigen Tiefpunkten des Fernsehens wie "Big Brother", "Dschungel-Show" oder der Suche nach Topmodels oder Superstars. In diesen Sendungen kann man zusehen, wie weit sich Unbekannte selbst entblößen, um bekannt zu werden - oder was Leute von mittlerem Bekanntheitsgrad dafür tun, um nicht vergessen zu werden.
Die grell inszenierte Spendershow bricht hingegen Tabus um Leben und Tod. Das hat seine guten Seiten. In ihrer abstoßenden Übertreibung bringt sie zum Vorschein, was in der Debatte um Organspenden oft verschwiegen wird. Der chronische Organmangel wird zwar immer wieder beklagt. Zu selten geht es dabei aber um den seltsamen Widerspruch im Verhalten der Bevölkerung: In Umfragen geben etwa 90 Prozent der Deutschen an, dass sie gerne ein Organ verpflanzt bekommen würden, sollte es medizinisch nötig sein; einen Organspenderausweis besitzen in Deutschland aber nur zwölf Prozent der Erwachsenen.
Ungerechtfertigte Vergabepraktiken
Wie groß das Elend derjenigen sein kann, die auf ein Organ warten, kann die "Große Spendershow" anhand der Einzelschicksale anschaulich machen. Sie verdeutlicht, dass für zwei der drei die Warteliste zur Todesliste werden kann. Die Realität ist:Von etwa 50000 Menschen, die in Deutschland ein neues Organ benötigen, stehen gerade einmal etwa 12000 überhaupt auf der Warteliste, nur 3000 Organe werden jährlich transplantiert. Dass 38000 Menschen nicht für eine Verpflanzung infrage kommen, ist ein weithin unbeachteter Skandal. Meist ist die Begründung, dass diese Menschen zu alt sind.
Medizinisch lässt sich eine Altersgrenze für Organempfänger nicht rechtfertigen. Entscheidungen in der Medizin gehorchen dem Grundsatz, einem Patienten so zu helfen, wie es für ihn am besten ist - unabhängig von Heilungsaussichten, die andere Patienten womöglich haben. Wenn Ärzte nach Altersgesichtspunkten auswählen, unterstellen sie, dass ein neues Organ einem 17-Jährigen mehr hilft als einem 70-Jährigen.
Es lohnt, sich aufzuregen
Auch die Kriterien, nach denen Spenderorgane wie Nieren, Lebern und Herzen zugeteilt werden, sind nicht transparent genug. So werden die Organe in erster Linie danach verteilt, wie lange ein Kranker bereits auf der Warteliste steht, ob die medizinischen Voraussetzungen gegeben sind und ob das Spenderorgan zum Empfänger passt. Kommen mehrere Empfänger in Frage, entscheidet jedoch auch das Alter und die Region, in der die Kranken auf der Liste gemeldet sind, darüber, wer das Organ bekommt. Beides sind keine medizinischen Kriterien.
Wenn im Fernsehen die 37-jährige todkranke Lisa darüber entscheidet, welcher Kandidat nach ihrem Ableben ihre Niere erhalten wird und dabei von Zuschauern per SMS beraten werden kann, ist das eine Karikatur der bisherigen Vergabepraxis. Die niederländische Fernsehshow könnte jedoch die Wahrnehmung dafür schärfen, welchen Gefahren eine ethisch begründete Organzuteilung bereits jetzt ausgesetzt ist: Immer wieder stehen Transplantationsmediziner im Verdacht des Organhandels. Gleichzeitig diskutieren Ärzte und Juristen einen "Bonus" für Menschen, die Organe bereits zu Lebzeiten spenden.
Chronisch Kranke, die auf ein neues Organ warten, können mehr Öffentlichkeit gebrauchen - auch über eine solche Fernsehsendung hinaus. Viele Zuschauer werden die "Große Spendershow" als obszön empfinden. Doch der TV-Wettkampf um die Organvergabe skandalisiert nur den eigentlichen Skandal. Der besteht darin, dass zu viele Menschen noch immer keinen Spenderausweis haben, dass die Kriterien der Organvergabe zu intransparent sind und dass jährlich Hunderte Menschen gerettet werden könnten, wenn die Kliniken mehr potentielle Spender melden würden. Darüber lohnt es, sich aufzuregen.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 31.5.2007)
Endgültiger DFB-Kader für EM
..sorry, jetzt habe ich Ihre Rechnung verstanden. Damit sind aber Zahlen, die ohnehin schon vermutlich angehübscht sind, nochmal nach unten korrigiert. Ich pesönlich schätze, wenn man die Leber-Wartelisten komplett um Leute bereinigt, die ihrer Leber mit Alkohol den Todesstoß gegeben haben, sind sie nicht mal halb so lang. Pech haben die anderen meiner Meinung nach vor allem in der gegenwärtigen Situation gehabt, weil sie in der Masse untergehen, und daran wird auch eine noch so aggressive Rekrutierung meiner Meinung nach nichts ändern können..
...wenn man davon ausgeht, dass ein bedeutener Prozentsatz der Deutschen in Verkehrsunfällen stirbt, hätten Sie sogar Recht. Wie es sich mengenmäßig wirklich verhält, kann man eigentlich sehr leicht z.B. beim Statistischen Bundesamt nachlesen (selbst innerhalb der Gruppe "nicht natürliche Todesursache" führen mittlerweile die Selbstmörder, die nebenbei auch als Spender eingesetzt werden)
http://www.destatis.de/basis/d/gesu/gesutab19.php
Lebern: Können Sie rechnen (scheint mir irgendwie nicht so)? Im übrigen geht es auch in diesem Beispiel weniger um die Wertepaare "verdient/unverdient" bzw. "armer, hilfsbedürftiger Mensch/Pech gehabt" sondern schlicht darum, dass Alkoholismus und Leberschäden durch A. eine derartige Volksseuche sind, dass ihre Folgen durch die Transplantationsmedizin nicht aufgefangen werden können - wie im Diabetes- und Lungenbeispiel auch.
...,daß in D die Leute i. d. R. zu alt und krank zum Spenden sterben! Bei meinen Freunden heißen Motorradfahrer gds. "Wandernieren", denn ihre Organe sind zum Todeszeitpunkt oft noch recht jung *g*...!
Du sagst weiter, ein Drittel der Lebern wird "an Empfänger mit "nutritiv-toxischem Leberschaden" vergeben wird (der Löwenanteil davon Alkoholiker)" - also ca. 25% Alkis. Und die restlichen 75% haben halt Pech gehabt?
So kann man sich freilich durchlavieren, aber eine sauber begründete Entscheidung ersetzt das nicht!
Grenzländer, in Ihrem Beitrag auf Cashcas Kommentar sprechen Sie schon genau das an, was ich schreiben wollte (ich verkneife mir jetzt Bemerkungen zum Nickname und die Frage, ob Christca oder Fundamenca da nicht vielleicht passender wäre!)...
Als Ergänzung nur noch: der beste Beweis gegen seine Theorie, dass die Organe Menschen entnommen werden, die noch Lebenschancen hätten, bin ich selbst (und hab das schon mal an anderer Stelle als Kommentar geschrieben, wer meine Geschichte also kennt, braucht nicht weiterzulesen): nach einem schweren Autonfall vor acht Jahren hat mir EIGENTLICH kein Arzt eine Chance gegeben, zu überleben - meine Hirnverletzungen waren zu schwer. Aber trotz des Organspendeausweises, den ich immer bei mir habe (und nun überzeugter denn je!) hat keiner gedacht: "YES! 20jähriges, gesundes, nichtrauchendes Mädel, alles dran, was man so braucht, um 5 Wartende zu retten - wo ist das Skalpell zur Organentnahme???" Nein, die Sanitäter, Intensivmediziner, Unfallärzte und Chirurgen haben ALLES in ihrer Macht stehende getan, um mich zu retten - mit Erfolg, wie man sieht!
Denn betrachten wir die Sache doch mal nüchtern: Die ärzte wissen besser als jeder andere um das Risiko einer Transplantation und die Möglichkeit einer spontanen Abstoßung - Organe fühlen sich in dem Menschen am wohlsten, in den sie "hineingeboren" wurden, und das wissen die ärzte! Und deswegen versuchen sie doch erstmal, das Leben zu retten, das noch da ist, bevor sie transplantieren (nebenbei gesagt, das müssen sie auch, denn haben sie geschworen: "Ich gelobe feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen; die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein..." Dem widerspricht "Entreißen von Organen" irgendwie, finden Sie nicht, Herr/Frau cashca?
@ genzländer
Nur eine kurze Antwort.
Zitat v. ihnen. "Erinnert mich an bestimmte Ideologien bestimmter christlicher Sekten. "
- woran sie meine Argumentation erinnert , ist für mich unwichtig.
Jedenfalls mache ich meine Bewertung und Einstellung von "KEINER" Gruppe-Organisation oder sonstigen Einflüssen und Beeinflussungen von jemanden abhängig.
Ich bin unabhängig, Ich hoffe, das können alle anderen auch.
Immer gleich diese Zuordnung, das ist doch zu banal. zu einfälltig.
Zitat v. ihnen:
Die von Dir genannten 10 Toten sterben so und so und nicht "wegen Organmangel" !!
das ist ihr zitat.
----Auch das ist nicht meine --Aussage, sondern eine Aussage von Befürwortern, das jeden Tag 10 Sterben, WEIL sie kein Organ bekommen,
- ich habe dazu meine Meinung wiedergegeben. Also bitte genau wiedergeben.
- Den medizinischen Fortschritt, die Medikamente, die Heilkunst und die Heilung der Kranken mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln habe ich "NIE" In Frage gestellt.
- Organe ist aber was anderes ,als "Sonsige " verfügbare Medizin und Heilmittel.
ich habe den Menschen als verfügbare Ware in Frage gestellt.
- Was den "Herren über Leben und Tod "betrifft: Lesen sie bitte genau,
dann werden sie merken, dass ich dazu die Kirche interpretiert habe, und nicht
meine eigene Meinung . Ich habe das als Widerspruch interpretiert.
- die sicheren Regeln zur Organentnahme ist ihre Ansicht, andere haben eben eine andere. sichere Regeln basieren auf einer sicheren Definition - da scheiden sich die Geister.
- Ihre Behauptung, das gehöre in die Horrorsparten - ich habe meine Meinung ,
sie haben ihre, sie als Verbreiter für Horrorsparten ohne Information zu bezeichnen ist anmaßend.
- Es ist nicht die Frage der Informationen, die dürfte für die meisten "ähnlich" sein, sondern die Bewertung der Information. Da scheiden sich die Ansichten.
Dafür ist ein Forum da, man sollte da nicht mit der Sektenkeule argumenrtieren.
Paging