"Die Große Spendershow" Tod auf der Warteliste

In der "Großen Spendershow" wird im Fernsehen um die Niere einer Todkranken gekämpft. Perverser Voyeurismus oder dringend benötigte Öffentlichkeit für den Organspendeskandal?

Ein Kommentar von Werner Bartens

Die "Große Spendershow" ist eine Provokation, sie skandalisiert intimes Leid und stellt es auf widerliche Weise bloß. Das Spektakel im holländischen öffentlich-rechtlichen Sender BNN, das an diesem Freitag ausgestrahlt wird, weidet sich an der Todesangst Schwerkranker, deren letzte Hoffnung auf Leidenslinderung und Überleben darin besteht, bald eine Spenderniere verpflanzt zu bekommen. Hier ist nichts fiktiv oder gestellt.

niere spendershow

Entnahme einer zur Transplantation vorgesehenen Niere. Allein in Deutschland warten Tausende Menschen auf ein Spenderorgan.

(Foto: Foto: AP)

Gezeigt werden nicht Schauspieler einer Doku-Soap, sondern drei Menschen, die so krank und verzweifelt sind, dass sie sich sogar auf diese öffentliche Zurschaustellung einlassen. Eine vierte Patientin, die noch kränker ist, entscheidet darüber, wer von den drei Kandidaten ihre Organe bekommt, wenn sie gestorben ist.

Tiefpunkt des Fernsehens

Man kann das Fernsehen dafür geißeln, dass es einmal mehr voyeuristische Instinkte bedient und sogar mit der existenziellen Not chronisch Kranker Quote machen will.

Man kann die Programmmacher dafür tadeln, dass sie den verzweifelten Wunsch der Kandidaten nach einer neuen Niere ausnutzen und die Teilnehmer zu einem Wettkampf um das Spenderorgan anstacheln und vor laufenden Kameras gegeneinander antreten lassen. Das ist berechtigte Medienkritik. Richtig ist aber auch, dass ein Verdienst der Sendung gerade in dieser Zuspitzung besteht. Dafür muss man sie loben.

In der "Großen Spendershow" geht es ums Überleben. Das unterscheidet sie fundamental von bisherigen Tiefpunkten des Fernsehens wie "Big Brother", "Dschungel-Show" oder der Suche nach Topmodels oder Superstars. In diesen Sendungen kann man zusehen, wie weit sich Unbekannte selbst entblößen, um bekannt zu werden - oder was Leute von mittlerem Bekanntheitsgrad dafür tun, um nicht vergessen zu werden.

Die grell inszenierte Spendershow bricht hingegen Tabus um Leben und Tod. Das hat seine guten Seiten. In ihrer abstoßenden Übertreibung bringt sie zum Vorschein, was in der Debatte um Organspenden oft verschwiegen wird. Der chronische Organmangel wird zwar immer wieder beklagt. Zu selten geht es dabei aber um den seltsamen Widerspruch im Verhalten der Bevölkerung: In Umfragen geben etwa 90 Prozent der Deutschen an, dass sie gerne ein Organ verpflanzt bekommen würden, sollte es medizinisch nötig sein; einen Organspenderausweis besitzen in Deutschland aber nur zwölf Prozent der Erwachsenen.

Ungerechtfertigte Vergabepraktiken

Wie groß das Elend derjenigen sein kann, die auf ein Organ warten, kann die "Große Spendershow" anhand der Einzelschicksale anschaulich machen. Sie verdeutlicht, dass für zwei der drei die Warteliste zur Todesliste werden kann. Die Realität ist:Von etwa 50000 Menschen, die in Deutschland ein neues Organ benötigen, stehen gerade einmal etwa 12000 überhaupt auf der Warteliste, nur 3000 Organe werden jährlich transplantiert. Dass 38000 Menschen nicht für eine Verpflanzung infrage kommen, ist ein weithin unbeachteter Skandal. Meist ist die Begründung, dass diese Menschen zu alt sind.

Medizinisch lässt sich eine Altersgrenze für Organempfänger nicht rechtfertigen. Entscheidungen in der Medizin gehorchen dem Grundsatz, einem Patienten so zu helfen, wie es für ihn am besten ist - unabhängig von Heilungsaussichten, die andere Patienten womöglich haben. Wenn Ärzte nach Altersgesichtspunkten auswählen, unterstellen sie, dass ein neues Organ einem 17-Jährigen mehr hilft als einem 70-Jährigen.

Es lohnt, sich aufzuregen

Auch die Kriterien, nach denen Spenderorgane wie Nieren, Lebern und Herzen zugeteilt werden, sind nicht transparent genug. So werden die Organe in erster Linie danach verteilt, wie lange ein Kranker bereits auf der Warteliste steht, ob die medizinischen Voraussetzungen gegeben sind und ob das Spenderorgan zum Empfänger passt. Kommen mehrere Empfänger in Frage, entscheidet jedoch auch das Alter und die Region, in der die Kranken auf der Liste gemeldet sind, darüber, wer das Organ bekommt. Beides sind keine medizinischen Kriterien.

Wenn im Fernsehen die 37-jährige todkranke Lisa darüber entscheidet, welcher Kandidat nach ihrem Ableben ihre Niere erhalten wird und dabei von Zuschauern per SMS beraten werden kann, ist das eine Karikatur der bisherigen Vergabepraxis. Die niederländische Fernsehshow könnte jedoch die Wahrnehmung dafür schärfen, welchen Gefahren eine ethisch begründete Organzuteilung bereits jetzt ausgesetzt ist: Immer wieder stehen Transplantationsmediziner im Verdacht des Organhandels. Gleichzeitig diskutieren Ärzte und Juristen einen "Bonus" für Menschen, die Organe bereits zu Lebzeiten spenden.

Chronisch Kranke, die auf ein neues Organ warten, können mehr Öffentlichkeit gebrauchen - auch über eine solche Fernsehsendung hinaus. Viele Zuschauer werden die "Große Spendershow" als obszön empfinden. Doch der TV-Wettkampf um die Organvergabe skandalisiert nur den eigentlichen Skandal. Der besteht darin, dass zu viele Menschen noch immer keinen Spenderausweis haben, dass die Kriterien der Organvergabe zu intransparent sind und dass jährlich Hunderte Menschen gerettet werden könnten, wenn die Kliniken mehr potentielle Spender melden würden. Darüber lohnt es, sich aufzuregen.