Die Gefahren des Bergsports Die Achttausender-Mafia

Der Extrembergsteiger Hans Kammerlander, der auf fast allen Achttausendern stand, über das Unglück am K2 und die gefährliche Kommerzialisierung des Alpinismus.

Interview: Tanja Rest

Wenige Wochen nach den Ereignissen am Nanga Parbat sind am Wochenende bei einem Massensturm auf den Gipfel des K2, des mit 8611 Metern zweithöchsten Berges der Erde, elf Menschen in einer Eislawine ums Leben gekommen. Zwei Niederländer konnten inzwischen mit dem Hubschrauber geborgen werden, ein italienischer Bergsteiger wartete zuletzt noch auf Rettung. Es handelte sich offenbar überwiegend um Teilnehmer von kommerziell geführten Expeditionen. Über die Hintergründe der Unglücksfälle sprach die SZ mit Hans Kammerlander, 51. Der Südtiroler Bergführer und Extrembergsteiger stand bereits auf 13 von 14 Achttausendern - allein der Manaslu fehlt ihm noch.

Kammerlander; ddp

Hans Kammerlander kritisiert nachlässig organisierte Touren im Hochgebirge.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Herr Kammerlander, zwei Unfälle, zwölf Tote innerhalb kürzester Zeit: Ist im Zuge der Kommerzialisierung des Bergsteigens der Respekt vor dem Berg verloren gegangen?

Kammerlander: Ja, das finde ich schon. Für den Unfall am Nanga Parbat gilt das allerdings nicht, da waren drei Bergführer-Kollegen unterwegs, alle Vollprofis, und die hatten sich einfach eine schwierige Wand als Ziel gesetzt. Karl Unterkircher war ein Freund von mir, und er wusste, was er tat. Die Leute am K2 jetzt kenne ich nicht, aber ich glaube nicht, dass sie diesem Berg gewachsen waren.

SZ: Sie selbst haben den K2 2001 erst im dritten Anlauf bestiegen - nachdem Sie 1999 wegen Lawinengefahr kurz unter dem Gipfel umgekehrt waren.

Kammerlander: Und zwar genau dort, wo jetzt das Unglück passiert ist. Das ist die gefährlichste Stelle auf der Normalroute. Da gibt es den bekannten Flaschenhals, eine steile Rinne, die die Kletterer in die Gipfelschneeflanke bringt. Oberhalb befindet sich ein riesiger Gletscherbruch, ein Serac. Und der bricht immer wieder ab. Als ich 2001 im Basislager aufgebrochen bin, kam von oben genau diese Monsterlawine. Ich dachte, es geht die Welt unter.

SZ: Werden solche objektiven Gefahren am Berg von kommerziellen Expeditionsteams unterschätzt?

Kammerlander: Diese Expeditionen sind zum Teil völlig nachlässig organisiert. Die letzten Jahre hat sich das am Everest wieder gespiegelt: Die Leute werden gelockt. Sie bezahlen hohe Preise , es wird ihnen versprochen, dass der Berg mit einem Fixseil entschärft wird, dass man Biwakzelte hinstellt. Die kommerziellen Anbieter sind zum Teil wie eine Mafia. Schlechte Informationen im voraus, und dann startet im Everest-Basislager eine große, bunt zusammengewürfelte Gruppe, wo keiner den anderen kennt. Wenn das Wetter halbwegs passt, wollen alle gleich die erste Chance nutzen. Dann beginnt das Chaos.

SZ: Und der K2 ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber.

Kammerlander: Das ist der Berg der Berge, der mit Abstand schwierigste. Das kommerzielle Höhenbergsteigen hat dort eigentlich gar keinen Platz. Gegen gewisse Expeditionen müsste man sogar strafrechtlich vorgehen. Da werden die total Erschöpften einfach liegengelassen; wer noch kann, geht weiter Richtung Gipfel. Das ist unterlassene Hilfeleistung. Da sind, und dafür schäme ich mich richtiggehend, zum Teil auch staatliche Bergführer dabei. Ein Wahnsinn, denen müsste man sofort die Lizenz entziehen.

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